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Potsdam Organic Village bietet Chance für psychisch Kranke
Lokales Potsdam Organic Village bietet Chance für psychisch Kranke
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14:58 26.09.2018
Die drei Geschäftsführer Christian Herboth, Julia von Hohenthal und Alexander von Hohenthal bieten Chancen für Menschen nach psychischen Krisen. Quelle: Saskia Kirf
Potsdam

Dejan M. (Name geändert) wirkt ganz normal. Die breiten Schultern und der feste Händedruck deuten auf körperliche Arbeit hin, die braunen Augen blicken wach in die Welt. Doch manchmal kommt es alles zurück. Die Bilder von damals, 1992, als Dejan M. als junger Mann in seiner Heimat Bosnien lebte und der Krieg hereinbrach. Rund drei Jahre dauerte der Bosnienkrieg; er kostete etwa 100.000 Menschen das Leben. Dejan M. hat überlebt. Doch er wird die Erlebnisse dieser Zeit für den Rest seines Lebens bei sich tragen. Er leidet unter einer posttraumatischen Belastungsstörung.

Im gemeinnützigen Potsdamer Arbeitsprojekt Organic Village bekommen Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen wie Dejan M. eine Chance. Auf dem normalen Arbeitsmarkt gibt es die nicht, 40 Stunden in der Woche kann er nicht leisten. Doch auch in einer Werkstatt für Menschen mit Behinderungen fühlt sich Dejan M. fehl am Platz. „Dabei ist eine geregelte Arbeit ein wichtiger Aspekt nach einer akuten psychischen Krise“, sagt Alexander von Hohenthal.

„Arbeit schafft Anerkennung“

Er ist gemeinsam mit seiner Ehefrau Julia von Hohenthal und Christian Herboth Geschäftsführer des Organic Village. „Arbeit schafft Anerkennung, Struktur im Tagesablauf, soziale Kontakte und nicht zuletzt eine finanzielle Unabhängigkeit“, sagt Alexander von Hohenthal. „Man kommt zurück ins Leben.“ Ohne sinnvolle Arbeit würden Menschen nach psychischen Krisen oftmals ohne Tagesstruktur und Perspektive zuhause sitzen, so der Geschäftsführer. „Der nächste Psychiatrie-Aufenthalt ist quasi vorprogrammiert, man spricht hier vom Effekt des Drehtürpatienten.“

Deshalb können Menschen nach psychischen Krisen im Organic Village arbeiten. Es gibt eine Holzwerkstatt, ein Nähatelier, einen großen Garten mit Hühnern und Bienenstöcken und einen Hausmeisterdienst, zudem wird der Sitz des Unternehmens im Potsdamer Horstweg nach und nach in Eigenregie saniert. Im Garten entstehen Hochbeete, ein Kräutergarten und ein Barfußpfad, der Kitas und Grundschulen aus der Umgebung zu Ausflügen locken soll, auch ein Café ist im Aufbau.

Bis zu 100 Euro Zuverdienst

Jeder Arbeitstag beginnt im Aufenthaltsraum. Hier duftet es nach frischem Kaffee, Bio-Obst steht auf dem Tisch. Mit einem Jobcoach besprechen die Klienten des Organic Village ihre Aufgaben. „Wir müssen täglich aufs Neue den Punkt zwischen Über- und Unterforderung finden“, sagt Christian Herboth. Wieviel jeder einzelne schafft, entscheidet er selbst. „Manche sind an zwei Tagen in der Woche für zwei Stunden hier, andere eben länger“, sagt Herboth. Bis zu 100 Euro im Monat können sich die Klienten auf diese Weise dazuverdienen, auf Rente und sonstige Einkünfte wird dieser Zuverdienst nicht angerechnet.

Dejan M. fühlt sich endlich angekommen. Quelle: Saskia Kirf

„Wir betrachten die Klienten nicht einfach als Kranke“, erklärt Julia von Hohenthal das Projekt. „Wir sehen sie lieber als Menschen mit Besonderheiten an, die zurück ins Leben wollen.“ Sie hat das Organic Village mit initiiert, um die Lücke nach der Therapie zu füllen. „Gesundheit ist ansteckend“, sagt Alexander von Hohenthal dazu, „deshalb orientieren wir uns am Gesunden.“ Um die Klienten wieder in Richtung Gesundheit zu führen, wird auch das soziale Umfeld eingebunden. So bietet das Organic Village Veranstaltungen für Angehörige an, unterhält eine eigene Bibliothek und veranstaltet Netzwerkgespräche. „Aufgrund der Stigmatisierung besteht oft zunächst eine gewisse Scheu bei den Angehörigen, wenn es um psychische Erkrankungen geht“, sagt Mit-Geschäftsführer Christian Herboth, „die zu überwinden, ist sehr wichtig.“ Seine Kollegin Julia von Hohenthal ergänzt: „Depressionen sind sozusagen salonfähig geworden, aber es gibt eben noch zahlreiche andere seelische Krankheitsbilder.“ So beschäftigt das Projekt gezielt auch Menschen mit Angststörungen, Bipolarität und psychotischen Erfahrungen.

Integration durch Arbeit funktioniert

So wie Dejan M.: Dreimal in der Woche arbeitet er im Organic Village. „Ich mache gern Gartenarbeit und Reparaturen, helfe aber auch in der Holzwerkstatt“, sagt er. Außerdem nutzt er die täglich angebotene Yogastunde: „Entspannung tut mir so gut.“ Seit vier Monaten arbeitet Dejan M. im Horstweg, vorher hatte er Hilfe in einer Tagesklinik gesucht, aber nicht gefunden. Nun fühlt sich Dejan M. endlich angekommen. „Ich fühle mich hier wohl, es ist, als wäre es meine Familie“, sagt der Bosnier. Seit 25 Jahren lebe er bereits in Deutschland. „Aber so integriert habe ich mich noch nie gefühlt.“

Für die Initiatoren des Trägervereins ist dies das größte Lob. Sie sehen einen großen Bedarf an Einrichtungen wie dem Organic Village – in ganz Brandenburg gibt es kein vergleichbares Projekt. „Wir haben auch regelmäßig Anfragen aus anderen Bundesländern, die wir nicht bewältigen können“, sagt Christian Herboth. Dennoch steht die Finanzierung auf der Kippe, die Zukunft ist ungewiss und die Einrichtung auf Spenden angewiesen und muss gleichzeitig neue Fördertöpfe finden. „Wir erhalten viel Unterstützung und sind optimistisch“, sagt Alexander von Hohenthal, „aber natürlich wünschen wir uns Nachahmer, weil wir uns ganz einfach wünschen, dass es mehr Menschen mit psychischen Erkrankungen besser geht.“

Von Saskia Kirf

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