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Ortstermin auf dem Babelsberger Jutekiez

Kindheit in der Jutefabrik Ortstermin auf dem Babelsberger Jutekiez

Ortstermin mit Hannelore Wagner (80), die ihre Kindheit auf dem Gelände der einstigen Jutefabrik am Rande von Babelsberg erlebte. Ihre Familie wohnte zunächst im Pförtnerhaus uns nach dessen Zerstörung zum Kriegsende in der Fabrikantenvilla Arntz. Heute entsteht auf der Brache am Ufer der Nuthe mit dem Jutekiez ein neues Viertel mit mehr als 400 Wohnungen.

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Historische Ansicht der Jutefabrik mit der Schiffsanlegestelle an der Nuthe.

Quelle: Foto: Sammlung Hannelore Wagner

Potsdam/Babelsberg. An der Stirnseite der alten Fabrikantenvilla Arntz blühen die Glyzinien. Der Blauregen sei genau so prächtig wie damals, sagt Hannelore Wagner (80), die nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs mehrere Jahre in diesem Haus wohnte. Sie war lange nicht mehr hier. Aufgewachsen ist die Potsdamerin als mittlere von drei Schwestern im Pförtnerhaus der einstigen Jutespinnerei. Das stand ungefähr da, wo sich jetzt ein Kran für den so genannten Wohnblock G dreht – auf Babelsberger Seite an der Friedrich-List-Straße kurz hinter der Brücke über die Nuthe.

Hannelore Wagner zeigt zum Kran, der ungefähr an der Stelle des früheren Pförtnerhauses steht

Hannelore Wagner zeigt zum Kran, der ungefähr an der Stelle des früheren Pförtnerhauses steht.

Quelle: Bernd Gartenschläger

Die 1862 von den Brüdern Julius und L. Robert Arntz am Ufer der Nuthe in Neuendorf gegründete Fabrik war die erste Industrie-Spinnerei im Ballungsraum Potsdam-Nowawes. Das Hauptgebäude war mit Türmen und Zinnen geschmückt. Mit 327 Webstühlen wurde die Fabrik 1887 zur zweitgrößten Jutespinnerei in Deutschland. Die Roh-Jute wurde auf Schiffen bis an die Kaimauer geliefert. Teilweise erhalten geblieben und mit dem Umbau zur Eigentumswohnanlage aufwendig rekonstruiert wurde das Fabrikgebäude mit seinen Türmen und Zinnen.

Ende der 1920er Jahre ist die Jutespinnerei stillgelegt worden, so die Babelsberger Historikerin Almuth Püschel in dem 2000 erschienenen Standardwerk „Neuendorf-Nowawes-Babelsberg – Stationen eines Stadtteils“. Die Maschinen wurden in das Stammwerk nach Meißen transportiert. Hannelore Wagner erinnert sich, dass die Halle bis zum Kriegsende als Lager für die Wehrmacht diente. Zwischen dem Pförtnergebäude und der Fabrik stand zu jener Zeit noch ein „Zahlmeisterhaus“, ein „richtig schöner Klinkerbau mit Schindeldach“, wie sie sagt. Die Fabrikantenvilla selbst hatte eine eigene Parkanlage mit Tennisplatz.

Das zur Eigentumswohnanlage umgebaute Hauptgebäude der alten Jutefabrik

Das zur Eigentumswohnanlage umgebaute Hauptgebäude der alten Jutefabrik.

Quelle: Euroluftbild/Robert Grahn

Die Bombardierung der Potsdamer Innenstadt in der Nacht des 14. April 1945 überlebten sie in einem zur Jutefabrik gehörenden Keller. Das Fabrikgebäude brannte aus. Das Zahlmeisterhaus wurde von einer Luftmine völlig zerstört. Vom Luftdruck dieser Explosion wurde das Dach des Pförtnerhauses komplett angehoben, dann fiel es nach leichter Drehung wieder aufs Haus zurück. Die Betten der Kinder wurden von der Wucht der Explosion durch das Fenster bis aufs Nachbargrundstück geschleudert.

Der Großvater, der vor Jahren nahe der „Jute“ eine kleine Bootswerft aufgebaut hatte, stand in jener Nacht „am Ufer und hat auf der anderen Seite sein Lebenswerk abbrennen sehen“. Am Morgen danach brannte es ringsherum, auf dieser Seite der Nuthe, aber auch drüben bei den Arado-Flugzeugwerken und auf dem nahen Bahngelände. Der Teer auf den Straßen stand in Flammen. „Es hat unheimlich geknallt. Wir dachten, das seien noch Bomben. Aber das waren die Scheiben der umliegenden Gebäude, die in der Hitze barsten.“

Glyzinienblüte an der Villa Arntz

Glyzinienblüte an der Villa Arntz.

Quelle: Volker Oelschläger

Auch die Fabrikantenvilla, deren frühere Bewohner die Stadt schon Wochen vor dem Kriegsende verlassen hatten, galt nach dem Bombenangriff als unwohnbar. Eine Hälfte des Hauses war zerstört. Doch die Familie bezog hier fürs erste ein neues provisorisches Quartier. Hannelore Wagner zeigt auf ein Regenrohr: „Das dahinter wurde alles wieder aufgebaut.“ Für die Kinder war das Gelände ein riesiger Abenteuerspielplatz. Sie ärgerten die Angler am Ufer der Nuthe und flüchteten dann in die Ruine der Jutefabrik, in der sie – uneinholbar für die wütenden Verfolger – auf frei ragenden Stahlträgern über dem Abgrund balancierten.

Eines Tages entdeckten sie in einem Krater im früheren Park der Villa eine Kiste mit weißen Kleidchen, vorn mit Rüschen und Schleifchen aus Seide, die Rückenpartien aus Papier, und sie kostümierten sich. „Meine Mutter bekam einen Heidenschreck, als sie uns in diesen Kindertotenhemden spielen sah.“

1950 ist die Familie aus Babelsberg nach Potsdam umgezogen. Zu der Zeit liefen bereits Vorbereitungen für die erneute Nutzung der alten Fabrik als Lagergebäude. Hannelore Wagner, die heute in der Waldstadt I lebt, arbeitete Jahrzehnte als Friseurin. Später machte sie sich als Schneiderin selbstständig. Im August feiert sie Diamantene Hochzeit.

Das Fabrikgebäude stand nach dem Mauerfall über Jahrzehnte leer. Vor dreieinhalb Jahren wurde das rund 2,2 Hektar große Grundstück von der TLG Immobilien an eine Gesellschaft verkauft, die es bis 2019 zu einem „Jutekiez“ mit mehr als 400 Wohnungen ausbauen will.

Von Volker Oelschläger

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