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Potsdam Weihnachtsmarkt evakuiert: Paket-Erpresser von Potsdam noch immer nicht gefasst
Lokales Potsdam Weihnachtsmarkt evakuiert: Paket-Erpresser von Potsdam noch immer nicht gefasst
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10:50 30.11.2018
Vor einem Jahr wurde der Weihnachtsmarkt wegen Bombenalarms abgesperrt. Quelle: Julian Stähle
Potsdam

Rentnerin Gerda Weberchen ist mit einer Freundin auf dem Potsdamer Weihnachtsmarkt unterwegs, nippt an einem Pflaumen-Chai-Granatapfel-Glühwein und schaut die Brandenburger Straße hinunter. „Jedes Mal, wenn ich an der Apotheke vorbei gehe, denke ich an die Sache mit der Paketbombe“, erzählt sie, „aber unsicher fühle ich mich nicht.“

• Zum Nachlesen:
Bombenalarm auf dem Weihnachtsmarkt – der Ticker

Kaum könnte man es besser zusammenfassen: Der Fall der DHL-Erpressung, der vom 1. Dezember 2017 an die ganze Region elektrisierte, ist weiterhin ungelöst und damit unvergessen. Doch die Geschichte gleitet so langsam ins Unterbewusstsein der Potsdamer ab – mangels Neuigkeiten.

An der DHL-Paketstation an der Kantstraße Ecke Roseggerstraße in Potsdam wurde die Paketbombe aufgegeben. Quelle: Maurizio Gambarini/dpa

Im Sommer noch war Polizeipräsident Hans-Jürgen Mörke zuversichtlich: „50:50“ lägen die Chancen, dass man den Unbekannten ausfindig machen würde, der den Post-Paketdienst DHL erpresst. Jetzt, genau ein Jahr nach Auftauchen der Bombe am Rande des Potsdamer Weihnachtsmarkts, belässt die Polizei es bei einer vorsichtigen Einschätzung. Von einem „Teilerfolg“ immerhin spricht Präsidiumssprecher Torsten Herbst und erklärt: „Es gab bisher keine verletzte Person, es sind keine Menschenleben durch Paketbomben gefährdet worden.“ Und ja: Geschnappt habe man niemanden.

Die Potsdamer Apotheke, in der am 1. Dezember 2017 die Paketbombe abgegeben wurde. Quelle: Maurizio Gambarini/dpa

Am 1. Dezember 2017 war die Gefahr, dass wirklich jemand Schaden nimmt, groß. Der Umsicht des Apothekers, der das Päckchen erhielt, war es mit zu verdanken, dass keine Menschen verletzt wurden. Er habe beim Öffnen ein Zischen gehört und bemerkt, „dass da so komische Drähte rausguckten“, berichtete der Apotheker später. Mitarbeiter trugen das Paket nach draußen, wo es unschädlich gemacht werden konnte. Darin befanden sich eine Sprengvorrichtung und Nägel. Und ein als QR-Code verschlüsseltes Schreiben, mit dem DHL um eine Millionensumme in Bitcoins erpresst wurde.

Sehnsucht nach Normalität

In der Apotheke an der Brandenburger Straße herrscht jetzt reger Vorweihnachtsbetrieb. Nasensprays und Gurgellösungen sind gefragt. Der Tag, an dem ein Polizeiroboter mit Hilfe einer Wasserkanone das Päckchen neben der Ladentür zerfetzte, ist dennoch noch präsent. Der Trubel hat die Mitarbeiter damals ziemlich mitgenommen. Mit den Medien wollen die meisten nicht reden. „Keinem ist geholfen, wenn wir alle durchdrehen“, sagt einer. Die Sehnsucht nach Normalität ist mit den Händen zu greifen in dem Geschäft.

Vier ungeklärte Taten

Eigentlich ist aber nichts normal. Vier Taten, die vermutlich auf das Konto desselben Täters gehen, sind ungeklärt: Wie erst nach dem Potsdamer Sprengstofffund bekannt wurde, war Anfang November 2017 eine erste explosive Sendung des DHL-Erpressers im Postzentrum Frankfurt (Oder) eingegangen. Weitere tauchten im Januar bei einer Berliner Bankfiliale und im April bei der Handwerkskammer in Berlin auf.

Am Tag nach dem Bombenfund lagen in der Potsdamer Apotheke, die den Sprengsatz zugestellt bekommen hatte, die Nerven blank. Quelle: Ildiko Röd

Die Sonderkommission „Quer“, die im Dezember 2017 mit rund 50 Beamten die Ermittlungen aufnahm, ist mittlerweile auf 15 Beamte abgespeckt worden. Diese arbeiten „Restspuren“ ab, teilt die Polizei auf Anfrage mit.

Die Paketbomben, die auf das Konto vermutlich desselben Täters oder derselben Täter gehen, waren mit Schwarzpulver und Metallteilen gefüllt.

Das Vorgehen zeugt einem guten Verständnis elektronischer Verschlüsselungstechnik. Statt mit verzerrter Stimme anzurufen oder Briefe aus Zeitungsbuchstaben zusammenzukleben, nutzen die Erpresser digitale QR-Codes. Ihre Botschaften sind damit nicht zu einem Absender nachzuverfolgen.

Der Verschleierung dient auch die Geldforderung in Bitcoin. Diese digitale Währung erlaubt Finanztransaktionen in völliger Anonymität. Der Kurs schwankt allerdings stark. Seit Beginn der DHL-Erpressung hat sich der Kurs der Kryptowährung etwa halbiert.

„Offensichtlich handelt da jemand, der hochprofessionell im Darknet unterwegs ist und seine Kommunikation mehrfach verschlüsselt“, sagte Polizeipräsident Hans-Jürgen Mörke der „Berliner Morgenpost“, fügte aber auch hinzu: „Wir sind auch nicht so schlecht.“ Das Darknet ist ein anonymer Bereich des Internets.

„Die Ermittler haben rund 1000 Spuren und Hinweise ausgewertet“, berichtet Präsidiumssprecher Herbst. Man habe Verdächtige im Visier gehabt. Bei diesen hätten die Ermittler „die gesamte Bandbreite an kriminalpolizeilicher Ermittlungsarbeit ausgeschöpft“, sagt Herbst. Es gab also Durchsuchungen, Vernehmungen und eine Reihe von verdeckten Maßnahmen. „Das hat allerdings nicht dazu geführt, dass wir bei irgendeiner Person einen dringenden Tatverdacht hätten erhärten können“, so der Polizeisprecher.

Paketboom bei der Post

So fährt ein Rest Ungewissheit mit, wenn von Dreilinden, dem Zustellzentrum Am Kanal in Potsdam, von Börnicke im Havelland und Rüdersdorf die gelben DHL-Lastwagen in die Region ausschwärmen: Bis zu elf Millionen Päckchen werden deutschlandweit ausgeliefert – jeden Tag im Advent. Gerade hat die Post in Berlin und Brandenburg tausend Saisonmitarbeiter zusätzlich eingestellt, um das boomende Weihnachtsgeschäft bewältigen zu können.

Die Erpressung will man nicht kommentieren bei der Post, obwohl die Geschichte nach MAZ-Informationen ganz oben beim Vorstand angebunden ist. Man verweist auf die Behörden – und die sind extrem schmallippig. Der Täter könnten sich durch Berichterstattung zu weiteren Taten animiert fühlen, warnt Präsidiumssprecher Herbst: „Und genau das wollen wir eben nicht.“

Von Klaus Peters und Ulrich Wangemann

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