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Pflegenotstand am Bergmann-Klinikum

Potsdam Pflegenotstand am Bergmann-Klinikum

Personalknappheit führt am Potsdamer Klinikum „Ernst von Bergmann“ immer wieder zum Ausnahmezustand. Bei akuten Engpässen listen Schwestern und Pfleger in Überlastungs- und Gefährdungsanzeigen auf, welche Arbeiten nicht zu schaffen waren. Abhilfe sucht das Klinikum mit einer Ausbildungsoffensive – und mit Personalwerbung im Ausland.

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Mitarbeiter des Klinikums demonstrierten am 5. Juli für mehr Personal im Pflegedienst.

Quelle: Bernd Gartenschläger

Potsdam. Personalknappheit im Pflegebereich macht dem städtischen Klinikum „Ernst von Bergmann“ immer mehr zu schaffen. Sprecherin Damaris Hunsmann bestätigte auf MAZ-Anfrage, dass auf den Stationen bereits seit Jahren bei personellen Engpässen mit so genannten Überlastungs- und Gefährdungsanzeigen gearbeitet wird.

Aufgaben müssen „priorisiert werden“

Nach Angaben von Pflegedirektorin Steffi Schmidt gibt es im Haus zwar ein „gut funktionierendes System von definierten Ausfallkonzepten“. Dazu zählten etwa personelle Verstärkung von anderen Stationen und der Einsatz von Leasingkräften. Doch bei „unvorhergesehenen Engpässen“ müssten „Aufgaben auch mal anders priorisiert werden“, sagt der Medizinische Geschäftsführer Hubertus Wenisch.

Entscheidung liegt bei Pflegern und Schwestern

Laut Hunsmann liegt die Entscheidung, welche Aufgaben dann Vorrang haben, in solchen Fällen bei den Schwestern und Pflegern. Sie bestätigte Informationen von Mitarbeitern, nach denen etwa die Messung von Vitalzeichen wie Blutdruck, Puls und Temperatur, Prophylaxen, die Hautpflege oder auch Reinigungsarbeiten zur Desinfektion im Ernstfall nicht mehr im kompletten Umfang durchgeführt würden. Diese Aufgaben müssten dann später erledigt werden.

Als Beispiel nannte die Sprecherin die „Umlagerung“ zur Dekubitus-Prophylaxe. Dann stünde die Frage: „Muss das jetzt erfolgen oder kann das auch in der nächsten Schicht gemacht werden.“ Mit der regelmäßigen Umlagerung soll verhindert werden, dass Patienten sich den Rücken wund liegen. In einem der MAZ vorliegenden Formular zur „Gefährdungsanzeige“ im Pflegedienst gibt es eine Rubrik „Gefährdungsbedingte Folgen (Mitarbeiter, Patienten)“ für handschriftliche Vermerke zum Krisenmanagement auf der Station.

Im Schnitt gebe es bei einem Prozent aller Dienste Überlastungsanzeigen, sagt Hunsmann: Damit liege das Klinikum „unter den Werten vergleichbarer Krankenhäuser“.

Seit dem 1. September mehr Geld

Mitarbeiter des Klinikums hatten vor zwei Monaten „für bessere Arbeitsbedingungen und mehr Personal“ demonstriert. Die Geschäftsführung gab schon eine Woche nach der Kundgebung eine schrittweise Anhebung des Entgelts für das nichtärztliche Personal, darunter 1200 Mitarbeiter im Pflegebereich, um acht Prozent bis 2019 bekannt. Die erste Gehaltserhöhung um drei Prozent kam zum 1. September.

Fieberhafte Suche nach mehr Personal

Parallel wird fieberhaft nach zusätzlichem Personal gesucht: „Im Pflegebereich besteht der größte Bedarf“, sagt Hunsmann. Wenisch verweist jedoch auf die Konkurrenz im Gesundheitswesen. Der Fachkräftemarkt ist leer gefegt.

Intern hat das Klinikum eine Qualifizierungsoffensive eröffnet. Zum Oktober 2017 werden sechs ausgelernte Fachpfleger der hauseigenen Gesundheitsakademie eingestellt. Zur gleichen Zeit beginnen laut Hunsmann mit fast 80 Azubis in fünf Klassen mehr junge Leute „als je zuvor“ ihre Ausbildung.

Personalsuche auch im Ausland

Wie andere Häuser, sucht auch das Klinikum Personal im Ausland. Die Gesundheitsakademie sei befugt, ausländischen Bewerbern die Kenntnisprüfung abzunehmen. Allein im September konnten laut Direktorin Schmidt sechs ausländische Pfleger eingestellt werden. Hunsmann bestätigt, dass neben Russen, Polen, Mazedoniern und Iranern mittlerweile auch Chinesen in der Pflege arbeiten. Über eine im August mit der Universität Kiew vereinbarte Kooperation sollen ab 2019 jährlich 30 Ukrainer als Pfleger für die Klinikgruppe ausgebildet werden.

Auch die Mitarbeiter selbst sind gefragt. Hunsmann bestätigte, dass über das Programm „Mitarbeiter werben Mitarbeiter“ eine Prämie von 500 Euro für jeden neu gewonnenen Kollegen ausgelobt wurde.

Pflegenotstand als bundesweites Problem

Der Pflegenotstand ist ein bundesweites Problem. Schlechte Bezahlung und mangelnde Anerkennung gelten als wichtigste Ursachen des Fachkräftemangels. Nach einer Hochrechnung der Bertelsmann-Stiftung werden bis 2030 in Deutschland etwa 500 000 Vollzeitpflegekräfte fehlen.

Für Schlagzeilen sorgte kürzlich ein junger Pfleger, der in einem Wahlkampfforum mit Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) den Pflegenotstand mit der Schilderung kritisierte, es gäbe „Menschen, die liegen stundenlang in ihren Ausscheidungen“.

Von Volker Oelschläger

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