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Potsdam „Parkeintritt könnte das Pflegedefizit deutlich verringern“
Lokales Potsdam „Parkeintritt könnte das Pflegedefizit deutlich verringern“
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13:02 30.04.2018
Michael Rhode Gartendirektor der Schlösserstiftung. Quelle: Bernd Gartenschläger
Potsdam-Sanssouci

In wenigen Tagen werden die Südfrüchte aus ihrem Winterquartier in den Orangerien der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg in die Parkanlagen zurück gebracht. Dann zeigen die Gärten wieder ihre ganze Pracht.

Die Ausfuhr der Kübel ist ein Publikumsereignis. War das schon immer so?

Michael Rohde: Ich denke, dass das seit mehr als 30 Jahren auch für touristische Zwecke eine große Rolle spielt. Die Ausfuhr der Orangerien wird in der Tat gefeiert. Die Saison beginnt meist um den 20. Mai herum nach den Eisheiligen. Denn man darf die Spätfröste nicht unterschätzen. Die Pflanzen werden mit Maschinen rausgefahren, auch Schnitt- und Verpflanztechniken demonstriert. Es wird gezeigt, was das für ein Aufwand ist und die Besucher freuen sich, dass die Pflanzen wieder in die Gärten kommen. Es ist ein ganz anderer Blick.

Wie weit reicht die Tradition der Orangerien in unserer Region zurück?

Bis ins 17. Jahrhundert zum Großen Kurfürsten. Und der Faden ist seither nie abgebrochen. Man arbeitete zunächst mit im Sommer abbaubaren Häusern aus Holz, später mit Häusern aus Stein und Ziegeln, die dann im 19. Jahrhundert abgelöst wurden durch Gewächshäuser in Eisen- und Glasarchitektur. Im Prinzip ist auch das Schloss Sanssouci wie eine Orangerie aufgebaut, außerdem flankierten es Orangerien und Treibhäuser, die späteren Neuen Kammern und die Bildergalerie. Friedrich hatte in den ersten Regierungsjahren in Charlottenburg residiert, wo schon eine große Orangerie existierte. Er hat diese Pflanzen dann mitgenommen nach Sanssouci, als er hier seinen Weinberg baute.

Welches ist die älteste Orangerie in Potsdam?

Der Marstall aus dem Jahr 1685 mit dem heutigen Filmmuseum müsste das älteste Orangeriegebäude sein. Wir hatten in Berlin-Brandenburg insgesamt elf königliche Orangerien, davon sind im Potsdamer Raum nur noch zwei in Betrieb: das Orangerie-Schloss im Park Sanssouci und die Orangerie im Neuen Garten.

Die Südfrüchte im Schlosspark sind Teil eines lebendigen, immer wieder veränderten Ensembles. An welcher Zeit orientieren Sie sich bei der Pflege und der Entwicklung des Gartendenkmals?

Die Gartendenkmalpflege orientiert sich methodisch zunächst an der Bewahrung des Überkommenen. Zu werten ist die geschichtliche Entwicklung bis zum heutigen Zustand. Wenn wir meinen, dass wir Elemente innerhalb des gesamten Gartens sehen, die stören oder nicht passen bzw. keinen Geschichts- oder Dokumentationswert haben, dann wird restaurierend zurück gegriffen auf einen plausibleren früheren Zustand. Wie sah es unter Friedrich Wilhelm IV. aus und wie davor unter Friedrich II.? Und das ist immer im Einzelfall zu prüfen.

Nach 1945 musste der Bestand an Südfrüchten über Jahrzehnte in Kleinarbeit rekonstruiert werden. Wie ging man dabei vor?

Es war eine schwierige Zeit, weil die uralten Orangengewächse nach dem Zweiten Weltkrieg von der Sowjetarmee abtransportiert worden sind.  Die Halle ist ziemlich entleert worden, es ist beinahe alles an brauchbarem Kübelbestand mitgenommen worden und man weiß auch nicht genau, wohin das kam. Bei den Gemälden gibt es zum Kunstraub bereits Bestandskataloge, für die Pflanzen bestehen noch Wissenslücken. Aber wir sind da dran. Es war unglaublich schwer, die Zitruspflanzen wieder anzuziehen, das mit den entsprechenden Bedingungen bei Temperatur, Luftfeuchtigkeit und Licht überhaupt wieder in Gang zu bringen. Denn das muss man aufbauen. Jede Pflanze für sich. Das dauert Jahre.

Kann man sagen, wann der Verlust von 1945 ausgeglichen war?

Da gibt es noch Forschungsbedarf. Ich denke, der Bestand war seit den 1970er Jahren in der DDR wieder ansehnlich aufgebaut. Die Pflanzenhallen des Orangerie-Schlosses in Sanssouci fassten damals schon wieder mehr als 500 Kübelpflanzen. Wir können es daran festmachen, dass mein Vorvorgänger Harri Günter 1979 einen Arbeitskreis Orangerien gegründet hat. Wissenschaft und Praxis trafen sich und haben versucht, das Thema durch Tausch von Wissen und Material zu befördern. Der Arbeitskreis Orangerien ist nach dem Fall der Mauer in den Arbeitskreis Orangerien in Deutschland aufgegangen. Wir feiern 2019 in Potsdam das 40-jährige Bestehen mit einer großen Tagung.

Wie viele Gärtner arbeiten eigentlich in der Orangerie und im Park Sanssouci?

In der Orangerie haben wir in der Betreuung drei, auf den rund 300 Hektare im Park Sanssouci ungefähr 50 Gärtnerinnen und Gärtner, die Meister und Parkleiter nicht eingerechnet. Hinzu kommen zehn Stellen in der Parkgärtnerei.

 Stichwort Rekonstruktion: Werden Sie den „gläsernen Berg“ auf den Weinbergterrassen wieder herstellen?

Für uns ist das heute kein Thema mehr. In der DDR hatte man in den 1970er Jahren auf Grundlage intensiver Forschungen entschieden: Wir gehen auf die frühe Stufe von Friedrich zurück, nehmen die Vollvergasung ab und machen es so, wie sie es jetzt sehen mit den verglasten Nischen in den Talutmauern. Das ist von 1978 bis 1982 ein großes Sanierungsprojekt gewesen. Ich kann nicht erkennen, dass wir es wieder umbauen, nur um mit der Vollverglasung eine zweite Phase von Friedrich II. um 1770  nachzuvollziehen. Aber richtig: Bis 1980 existierte die Vollverglasung. Es sah aus wie ein riesiges Gewächshaus.

 Seit 2014 beteiligt sich die Landeshauptstadt mit einer Million Euro jährlich an der Parkpflege, um die Einführung eines Eintrittsgeldes für den Park Sanssouci abzuwenden. Seit wann ist die Parkpflege eigentlich unterfinanziert?

Das ist über Jahrzehnte vernachlässigt worden. Für den Personalbedarf gibt es inzwischen anerkannte Richtwerte. Vereinfacht gesagt braucht es für die Blumenpflege einen Gärtner pro Hektar. Für intensive Bereiche mit Formbäumchen und Hecken ist ein Gärtner für vier Hektar nötig und bei extensiven Wiesen ein Gärtner für sieben Hektar. 2009 haben wir auf dieser Basis den Ist-Stand ermittelt. Demnach fehlten in der Parkpflege für die rund 750 Hektar Stiftungsgärten immer noch 31 Stellen, das entspricht einem jährlichen Pflegedefizit von viereinhalb Millionen Euro. Zuvor waren nämlich mehr als 100 Hektar ohne notwendige Gärtnerstellen in das Stiftungseigentum gelangt. Da hieß es dann salopp gesagt: Pflegt mal mit, das wird schon … Nach detailliert ausgearbeiteten Vorlagen wurde der Fehlbedarf 2010 vom Stiftungsrat anerkannt. Über das erste Modellprojekt gemeinsam mit der Stadt konnten wir zunächst zwölf Gärtner einstellen.

Warum plädieren Sie für die Einführung eines Parkeintritts?

Wenn es um den Erhalt und die Pflege der Welterbe-Gärten geht, ist für die SPSG nicht das „Wie“, sondern das „Ob“ entscheidend. Um das Pflegedefizit deutlich zu verringern, bedarf es jedenfalls weiterer Mittel. Eine Möglichkeit wäre da der Parkeintritt. Bereits zwei Euro oder eine Jahreskarte für zwölf Euro für den Park Sanssouci würden ausreichen, um das Defizit auszugleichen. Hauptsächlich die Touristen wie jene aus Kanada oder China fragen verwundert, wo kann ich denn bezahlen? Denn in vielen vergleichbaren Anlagen ist das eine Selbstverständlichkeit. Versailles oder der Große Garten in Hannover-Herrenhausen nehmen. Wenn Sie in den Botanischen Garten gehen, zahlen Sie Eintritt, bei den Schlössern sowieso. Meine Auffassung: Sie haben eine höhere Wertschätzung für die alten Gärten als besondere Kunstwerke!

In den ersten Verhandlungen mit der Stadt war die Rede von mindestens einer Million Euro, eigentlich werde mehr benötigt. Hat sich das Problem erledigt?

Das Defizit besteht weiter. Wir brauchen aktuell gut weitere 30 zusätzliche Gärtner. An diesem anerkannten Problem wird derzeit intensiv nach Lösungen gesucht.

Wie wirkt sich die Unterbesetzung denn eigentlich aus?

Zuerst natürlich in der Motivation der Gärtner. Es ist ein permanenter Ausnahmezustand. Und wenn dann noch ein Sturm reinkommt, sind alle Kräfte gebunden, um überhaupt die Verkehrssicherung wiederherzustellen. Alles  andere muss liegen bleiben. Außerdem muss ein lebender und wachsender Park zu jeder Jahreszeit schön aussehen. Ich kann es vertreten, dass bei sechs Wochen Hitze die großen Wiesenflächen mal gelb werden; sie werden auch wieder grün nach dem nächsten Regen. Aber ich kann es nicht vertreten, dass wir die grünen Räume nicht nachpflanzen, die Sichten zuwachsen lassen müssen, wir zudem das Wasser nicht zur Verfügung haben, weil die Leitungen nicht repariert werden können. Und da gibt es noch großen Nachholbedarf, weil über Jahrzehnte die Mittel fehlten.

Gibt es Bereiche, in denen das Defizit augenfällig ist?

In Teilen des Parks Babelsberg sehen sie, dass trotz den wunderbaren Restaurierungen zur Pückler-Ausstellung im vergangenen Jahr noch großer Bedarf herrscht. Da sind ganze Sichten komplett zugewachsen. Es genügen 20 Jahre reduzierter Pflege und plötzlich haben Sie da eine Art Wald.

Wie ist Ihr Verhältnis zu den  Naturschützern, die um jeden Baum kämpfen?

Ich habe als Landschaftsarchitekt selbst Naturschutz studiert. Man muss gegenseitiges Verständnis haben aus kultureller, aus künstlerischer Sicht, aber auch mit Blick auf die Naturpotenziale der alten Parks. Man muss abwägen. Viele kommen wegen der Blüten und der singenden Vögel, wegen der Nachtigall. Der Park spendet im Sommer Kühle und wunderbare Ruhe. Mit den Parkanlagen wird aber auch eine besondere Schönheit präsentiert. Sanssouci ist aufgrund der einzigartigen Gestaltung der bekannteste Park in Deutschland und UNESCO-Welterbe! Mit Abstand. Gemeinsam können wir bewirken, dass alle drei Aspekte bewahrt werden: Kultur, Natur und städtische Wohlfahrtswirkungen.

Ist der Klimawandel ein Thema für Ihre Südfrüchte?

Wenn die Wetterextreme zunehmen, wird es schwierig. Dann kommen wir mit der Pflege nicht mehr nach. Die Kübel fallen bei zunehmend starken Stürmen reihenweise um, müssen andererseits bei Hitze ständig gewässert werden –  das aber wohldosiert. Man darf sie auf keinen Fall übergießen. Und das Thema Schädlinge ist akut: Wir haben neue Schädlinge, die wir gar nicht kannten. Für den Eichenprozessionsspinner haben wir in Zusammenarbeit mit der Landeshauptstadt Hunderttausende Euro aufwenden müssen. Der ist Gott sei Dank zurück gedrängt. Dafür haben wir jetzt den Buchsbaumzünsler. Der hat uns alle Buchsbäume weggefressen, manche waren mehr als 100 Jahre alt. In Babelsberg und Charlottenhof pflanzen wir stattdessen jetzt Ilex crenata, eine Stechpalme. Sie werden kaum erkennen, dass das nicht der Buchs ist. Sie hat aber andere Ansprüche an den Boden, an das Wässern, an die Luft. Das bedeutet noch mehr Pflege. Auch deshalb versuchen wir es nach einigen Jahren wieder mit dem historischen Buchs.

Verändert sich die Parklandschaft mit dem Klimawandel?

Wir werden es nicht erleben, aber in 100 Jahren wird die Welt hier anders aussehen. Mit einem Klima wie in Südfrankreich.  Doch schon heute bemerken wir Wetterextreme: Das sind wirklich ernst zu nehmende Themen. Wir arbeiten schon seit längerem mit Hochschulen oder der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften zu diesem Thema zusammen. Ergebnisse stellen wir gemeinsam der Öffentlichkeit zum Welterbetag am 3. Juni 2018 vor dem Schloss Babelsberg vor. Wenn Sie Gartendenkmalpflege betreiben, müssen Sie auch die Gattung, die Art und die Sorte authentisch nachpflanzen. Genauso wie Sie ein Gemälde möglichst so säubern, dass die Farbe wie zur Entstehungszeit zu sehen ist. Diesen Anspruch haben wir auch. Unsere Arbeit ist so schwierig, weil es die einzige mit einer Kunst ist, die lebt und wächst. Im Gegensatz zur Baukunst, zur Malerei, zur Bildhauerei. Unser Anliegen ist es, die Gärten zu jeder Jahreszeit und für spätere Generationen schön präsentieren zu können, das heißt auch so, wie sie zu früheren Zeiten angelegt worden sind. Unsere Fachgärtner brauchen Motivation und Unterstützung für ihre tägliche, teils schwere Arbeit.

Zur Person

Prof. Dr. Michael Rohde, Jahrgang 1959, studierte an der Leibniz-Universität Hannover Landespflege. Nach dem zweiten Großen Staatsexamen 1993 mehrere Jahre Arbeit als freischaffender Landschaftsarchitekt.

Von 2004 bis 2004 hauptamtlich in Lehre und Forschung zur Gartengeschichte und -denkmalpflege an der Leibniz-Unversität Hannover. 1998 Dissertation über den Gartenkünstler Eduard Petzold (1815-1891).

2004 wird Michael Rohde Gartendirektor der Schlösserstiftung, 2006 Mitglied im Deutschen Nationalkomitee von Icomos, 2008 Professor h.c. für Gartendenkmalpflege an der Technischen Universität Berlin.

Von Volker Oelschläger

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