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Pieten in Potsdam: Schwarz oder gar nicht!

Reaktionen auf die Absage Pieten in Potsdam: Schwarz oder gar nicht!

Seit der international hitzigen Blackfacing-Debatte wächst auch in Potsdam der Widerstand gegen das Schwarzfärben weißer Gesichter. So kam auch der alljährliche, bis dato nicht kritisierte, Auftritt der „Zwarten Pieten“ als schwarze Begleiter von Sinterklaas in die Schusslinie. Nun soll es weder „Pieten“ noch Sinterklaas geben. Die Reaktionen fallen unterschiedlich aus.

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Im holländischen Gouda schickte man schon bunte Pieten auf die Straße, aber die meisten Pieten blieben schwarz.

Quelle: ANP Kippa

Innenstadt . Es bleibt vorerst dabei: Zum holländischen Weihnachtsmarkt im Holländischen Viertel von Potsdam wird es wohl keinen Weihnachtsmann geben. Sowohl der hiesige Förderverein zur Pflege niederländischer Kultur in Potsdam als auch sein holländischer Partner, der Stichting Sallandse Bottermarkt aus Raalte, bestehen darauf, dass die Tradition gewahrt wird und Sinterklaas von den „Zwarten Pieten“, den Schwarzen Pieten (Petern), begleitet wird. „Schwarz oder gar nicht“, ist laut Vereinschef Hans Göbel sei die gemeinsame Position: „Wer sind wir denn, dass wir den Holländern vorschreiben wollen, wie sie ihre Kultur gestalten müssen?“

Sollte es in den Niederlanden eine höchstrichterliche Entscheidung gegen die Pieten geben oder die Holländer selbst diese Tradition aufweichen, indem sie überall auch bunte Pieten auf die Straßen schicken, werde auch der Potsdamer Verein seine Haltung ändern. Also: kein Klaas, keine Pieten. Der vergangenes Jahr aufgekommene Rassismusvorwurf aus der farbigen Bevölkerung von Potsdam und von Gegnern des so genannten Blackfacings, des Schwarzfärbens hellhäutiger Gesichter, wog bei der Stadtverwaltung schwerer als der Zuspruch von rund 25000 Besuchern des Sinterklaas-Festes. Eine finanzielle Förderung des Festes wird dieses Jahr nur gewährt, wenn Sinterklaas und die Pieten nicht auftreten. 16000 Euro würde die Stadt dazu bezahlen; 45000 kostet das Fest.

Streit in den Niederlanden dauert an

Dabei ist die Diskussion in den Niederlanden alles andere als entschieden. Die Stadtverwaltung Amsterdam hatte im November 2013 einen Sinterklaas-Umzug mit den Zwarten Pieten erlaubt, wurde dann aber von Bürgern verklagt. Das Verwaltungsgericht Amsterdam urteilte im Juli 2014, die Zwarten Pieten seien eine „negative stereotypische Figur“ und „rassistische Karikatur“, die Stadt hätte vor der Genehmigung prüfen müssen, ob die Show nicht gegen die europäische Menschenrechtskonvention verstößt. Ein paar Monate später aber erklärte das höchste Verwaltungsgericht des Landes in Den Haag das Blackfacing der Pieten als legal. Die Zwarten Pieten könnten des deshalb nicht verboten werden.

2012 hatte Oberbürgermeister Jann Jakobs (li, schwarzer Mantel) noch kein Problem mit Sinterklaas und seinen Zwarten Pieten

2012 hatte Oberbürgermeister Jann Jakobs (li, schwarzer Mantel) noch kein Problem mit Sinterklaas und seinen Zwarten Pieten. Rechts im Bild: Vereinschef Hans Göbel.

Quelle: Christel Köster

Auch Potsdam verbietet sie nicht. „Wir fördern nur kein Fest, bei dem die Zwarten Pieten auftreten“, stellte Stadtsprecher Stefan Schulz am Dienstag klar. Wenn der Verein ohne städtischen Zuschuss das Fest auf die Beine stellen könne, werde die Stadt dem Auftritt der Pieten „keine Steine in den Weg legen.“ Findet sich also ein Sponsor für das Fest, kommen Sinterklaas und seine schwarzen Helfer doch. „Wir können sofort umschalten“, versichert Göbel. Aber er steht unter Feuer.

Entscheidung vom Afrika-Rat begrüßt

Der Afrika-Rat Berlin–Brandenburg e.V. begrüßte am Dienstag ausdrücklich die Entscheidung der Stadtverwaltung Potsdam, die Durchführung eines Sinterklaas-Festes mit dem Auftritt der Zwarten Pieten nicht zu fördern. Zugleich bedauert die Organisation, dass die bisherigen Veranstalter des Festes sich nicht bewegt haben: „Damit wurde die Chance für konstruktive Kompromissvorschläge und ein offenes und diskriminierungsfreies Fest mit der beliebten heiligen Figur [...] zum Scheitern gebracht.“

Die Darstellung eines weißen Mannes in erhobener Position, auf einem edlen Pferd als Machtzeichen, umgeben von Dienern, die „auf groteske Weise“ afrikanische oder schwarze Menschen als Diener darstellen sollen, sind nach Ansicht des Rates „in die tragischen Kapitel einer noch nicht überwundenen Vergangenheit zu verbannen.“ Wie die „Tradition“ des Blackfacings sei dieses „rassistische Kulturgut“ nicht mit der Tradition des „Toleranzedikts“ von Potsdam zu vereinbaren.

Da der eigentliche Sinterklaas, Nikolaus von Myra, aus einer Region kam, die in der heutigen Türkei liegt, und Konvente und Kirchen in Äthiopien und Ägypten zu den ältesten christlichen Gebäude in der Welt gehören, könnte 2015 der Beginn einer neuen Tradition in Potsdam werden, findet der Verein: Ein Weihnachtsfest im holländischen Viertel mit weihnachtlichen und weiteren Traditionen aus Holland, Deutschland, der Türkei, verschiedenen afrikanischen Länden, Palästina und Israel, Griechenland und weiteren europäischen Ländern, Ländern aus Asien und Ozeanien, den Amerikas, Afghanistan, Syrien und vielen mehr.

Das sagen die Politiker

Auch die Grünen loben die Entscheidung der Stadt. Frauke Havekost, Sprecherin des Kreisverbandes, bezeichnet die Haltung der Stadt als „goldrichtig“. Traditionen seien wandelbar und passten sich den Bedürfnissen der Folgegenerationen an. Rassistische, stereotype und als diskriminierend empfundene Bilder wie die von den Zwarten Pieten dürften keine Tradition bleiben.

„Wenn der ‚Zwarte Piet’ tatsächlich nur schwarz ist, weil er durch den Schornstein kommt, dann können sein Kostüm und seine Bemalung sich auf jeden Fall ändern“, sagt Co-Sprecher Nils Naber und bestärkt den Verein, das Fest in geänderter Form weiterzuführen.

SPD-Stadtparteichef Mike Schubert sähe am liebsten alle Seiten an einem Tisch. Das Fest müsse erhalten und finanziell gesichert werden. „Wenn sich Menschen durch die Pieten beleidigt fühlen, muss man auf sie eingehen.“ Die Antwort des Vereins, einfach weiterzumachen, trage dem „nur eingeschränkt“ Rechnung: „Vielleicht sollte die Stadt lieber Feste fördern, die unstrittig sind.“

Die Potsdamer Demokraten finden die Entscheidung des Oberbürgermeisters „mehr als unglücklich“. Wer das Anmalen des Gesichts eines weißen Europäers mit schwarzer Farbe für Rassismus hält, dürfe auch keine Karnevalssitzung besuchen, wo sich Leute als Beduinen oder Indianer verkleiden, ärgert sich der Stadtverordnete Peter Schultheiß. Mit der Förderabsage habe die Stadt „der Bekämpfung des Rassismus keinen Gefallen getan“.

Erstmals gibt es dieses Jahr zwei Weihnachtsmärkte im Holländischen Viertel, denn die Arbeitsgemeinschaft Holländisches Viertel lädt schon am 5. und 6. Dezember zu „Nikolaus im Hollandhaus“ ein, einem Kunst- und Handwerksmarkt, der in Vergessenheit geratene deutsche Weihnachtsbräuche sowie holländische und andere europäische weihnachtliche Traditionen vorstellen möchte.

Von Rainer Schüler

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