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Pilzreiche Weihnachten

Potsdam Pilzreiche Weihnachten

Wenn weiße Weihnachten wieder mal ausfallen, geht Wolfgang Bivour in den Wald Pilze suchen und findet auch welche. Was kaum einer glauben mag: In den vergangenen 20 Jahren gab es in der Region zum Fest öfter Pilze als Schnee. Und damit sind keine Waldfrüchte aus der Tiefkühltruhe gemeint.

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Die zwei Leidenschaften: Wolfgang Bivour mit dem Messgefäß und einem Korb frisch gesammelter Pilze an seiner Niederschlagsmessstation in Satzkorn.

Quelle: Jens Steglich

Satzkorn. Normalerweise wird Wolfgang Bivour im Sommer gefragt, ob die Pilzsaison gut ausfällt und wann die ersten Maronen auftauchen – und Mitte Dezember, ob wir weiße Weihnachten bekommen. Es gibt Jahre, da dreht sich das ein bisschen um. Da wissen alle schon vorher: „Och, schon wieder kein Schnee zum Fest.“ Die Idee, den Pilz- und Wetterexperten, der von 1974 bis zum Ruhestand 2015 beim Deutschen Wetterdienst in Potsdam arbeitete, einfach mal zu fragen, ob diese Weihnachten Pilze in den Wäldern wachsen, galt bisher als abwegig. Ein Fehler: In den vergangenen 20 Jahren gab es in der Region zum Fest öfter Pilze als Schnee. Und damit sind keine Waldfrüchte aus der Tiefkühltruhe gemeint. Wenn weiße Weihnachten wieder mal ausfallen, geht Wolfgang Bivour Pilze suchen und findet auch welche.

Tiefgefrorene Austernseitlinge im Park

Diese Woche hat er bereits einen Korb voller Austernseitlinge und Winterrüblinge mit nach Hause gebracht. Das sind für ihn keine Überraschungen: Kenner wie Bivour finden diese essbaren Pilze in nicht allzu kalten Wintern regelmäßig. Austernseitlinge etwa halten auch mal längeren Frost aus. In einem Jahr fand Bivour im Park Babelsberg kurz vor Silvester tiefgefrorene Austernseitlinge. Mit dem Pilzmesser hatte er keine Chance: Er musste mit der Axt wiederkommen, um die Pilze vom Stamm abzuhauen. Aufgetaut und zubereitet, lieferten sie ein frisches Pilzgericht.

Es gibt aber auch Jahre, da staunt selbst der Fachmann über das, was da im Wald steht. 2006 war das pilzreichste Weihnachten, das Bivour bisher erlebt hat. Zwischen dem 23. und 25. Dezember entdeckte er 40 Pilzarten, darunter Maronen, Hexenröhrlinge, Butterpilze, Riesenschirmpilze und Hallimasch. Das sind Arten, die normalerweise im Sommer und Herbst wachsen und Ende Oktober verschwinden. „In dem Jahr waren zu Weihnachten mehr Pilze zu finden als in trockenen Sommern. Die Artenvielfalt hätte für eine Pilzausstellung auf dem Weihnachtsmarkt gereicht“, sagt Bivour, der sonst nur im Herbst solche Ausstellungen organisiert. Besondere Pilzfunde im Winter notiert er in einem Büchlein.

Buch führt er auch über den Niederschlag, der im Potsdamer Ortsteil Satzkorn fällt. Der studierte Meteorologe betreibt seit fast 20 Jahren eine Niederschlagsmessstation im Garten und misst im Winter die Schneehöhe. Dank ihm gibt es seit 1998 eine lückenlose Messreihe für Satzkorn. Täglich um acht Uhr wird der 24-Stunden-Niederschlag gemessen und in richtigen Wintern die Höhe des Schnees. Ist der Wettermann im Urlaub, übernimmt der Nachbar diese Aufgabe.

Alle fünf bis zehn Jahre weiße Weihnachten

Seit Messbeginn erlebte Satzkorn nur drei weiße Weihnachten. „Das ist aber das Normale, das uns zusteht“, sagt der Wetterexperte. Nach dem statistischen Mittel gebe es in der Region alle fünf bis zehn Jahre weiße Weihnachten. Am meisten Schnee lag vor sieben Jahren: Am 24. Dezember 2010 registrierte Bivour 16 Zentimeter und hielt für den 25. und 26. Dezember 2010 sogar 23 Zentimeter fest. Weiße Weihnachten wie sie im Buche stehen gab es in Satzkorn im Jahr 2000. Am Heiligabend fielen die ersten Flocken und zum ersten Weihnachtsfeiertag lagen 16 Zentimeter. Nur ein Jahr danach präsentierte sich Satzkorn schon wieder in Weiß. 1999 und 2005 kam der Schneefall zu spät – er setzte erst im Laufe des 26. Dezember ein. Wenn man so will, kam 2012 Weihnachten zu spät:  Heiligabend tauten letzte Schneereste weg.

Auch wenn Bivour wegen seiner Pilzleidenschaft auf Schnee gern verzichten kann, hat er fürs Fest doch einen Wettertraum, der ohne Pilze auskommt: „Schnee, der zu Heiligabend fällt, und an den Weihnachtsfeiertagen Sonnenschein mit Pulverschnee – das wäre nicht schlecht.“ Vielleicht wird’s ja im nächsten Jahr was.

Der kälteste und wärmste Heiligabend in Potsdam

Für die Station des Deutschen Wetterdienstes in Potsdam liegen seit 1893 Daten vor.

Der kälteste Heilige Abend seit Beginn der Wetteraufzeichnungen wurde in Potsdam 1923 mit minus 13,8 Grad Lufttemperatur gemessen, weiß Barbara Gies vom Deutschen Wetterdienst.

Am 24. Dezember 1977 hielt der Frühling Einzug – mit plus 15,5 Grad registrierten die Meteorologen den bisher wärmsten Heiligabend.

Die höchste Schneedecke an einem 24. Dezember wurde in Potsdam 2010 gemessen – 23 Zentimeter waren es an dem Tag. Am regenreichsten Heiligabend – 1958 – fielen 8,7 Liter pro Quadratmeter.

Potsdams absolute Rekordschneehöhe wurde laut Meteorologin Barbara Gies im März 1970 gemessen. Passend zur Jahreszahl war die weiße Pracht 70 Zentimeter dick. Die kalte Jahreszeit war 1970 wirklich kalt, sodass die Schneedecke im Laufe des Winters bis März stetig anwachsen konnte.

Viel Schnee lag auch im Winter des Jahres 1896 mit 55 Zentimetern und im Februar 1979 mit 53 Zentimetern.

Die tiefste Temperatur seit Messbeginn haben die Potsdamer Meteorologen am 11. Februar 1929 gemessen. In der Nacht waren es minus 26,8 Grad. Selbst tagsüber kletterte das Quecksilber damals nicht über die Marke von minus 14 Grad.

Die bisherige Höchsttemperatur in Potsdam lag am 9. August 1992 bei 38,6 Grad.

Wetterexperte Wolfgang Bivour misst in Satzkorn seit 1998 nur den Niederschlag: Die höchste Regensumme notierte er am 29. Juni 2017 mit 59 Litern pro Quadratmetern. Das nasseste Jahr war 2007, als 843,6 Liter je Quadratmeter fielen.

Dieses Jahr ist sein erstes Buch erschienen – im Paramon-Verlag. Das Buch mit Illustrationen von seinem Sohn Denis Bivour heißt „Krux und Krax im Butterpilz“ und ist eine Einladung für Kinder, mehr über Pilze zu erfahren.

Von Jens Steglich

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