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Plauderstündchen für russische Senioren

Nachhilfe in Potsdam Plauderstündchen für russische Senioren

Männer kommen fast nie zum Konversationskurs für russischsprachige Senioren, der seit zwei Jahren mitten im Potsdamer Wohngebiet Schlaatz stattfindet. Die Damen aber nehmen mitunter einen weiten Weg auf sich. Das liegt vor allem an der Gemeinschaft. Man trifft sich, hilft einander, feiert – und genießt diese Wärme, die es so nur in der Heimat gibt.

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Larisa Mitelman (55, l.) und Valentina Koroleva (47) lernen im Friedrich-Reinsch-Haus im Schlaatz, über dies und das auf Deutsch zu plaudern.

Quelle: Nadine Fabian

Schlaatz. Plaudern will gelernt sein. Vor allem in einer Sprache, die erst mitten im Leben zu einem gekommen ist. So wie das Deutsche zu Larisa Mitelman. Vor elf Jahren hat die Russin ihre Heimat verlassen, um in Potsdam noch einmal neu zu beginnen und wo sie nun statt Kolbasa Wurst kauft und statt Kascha Grütze kocht – wo viele Wörter knarzen wie ein alter Schuh. Mit der späten Sprache hat sich Larisa Mitelman inzwischen ganz gut arrangiert. Doch es ist der 55-Jährigen nicht genug, sich an dem durch den Alltag zu hangeln, was die Lehrbücher hergeben. Deshalb besucht sie Woche für Woche das Friedrich-Reinsch-Haus im Schlaatz – immer wieder montags findet dort ein Konversationskurs für russischsprachige Senioren statt.

Wenn sich die Damen die Dialoge laut vorlesen, darf gekichert werden

Irina Zelkina leitet den Kurs und reicht die Übungsmaterialien für diesen Nachmittag aus. Die Dialoge drehen sich dieses Mal um Mode und die Ordnung im Kleiderschrank. Larisa Mitelman rückt ihre Brille, die sie bis eben noch in ihr kurzes Haar zurück geschoben hatte, zurecht und taxiert das beidseitig bedruckte Blatt. Rund um den Tisch stecken die Frauen die Köpfe zusammen und beginnen, mit verteilten Rollen zu lesen. Murmeln. Gekicher. Murmeln.

„Ist in deinem Schrank das totale Chaos oder herrscht Ordnung?“, fragt Larisa Mittelman. „Ich bemühe mich darum – Ordnung muss sein. Aber manchmal fehlt mir für die Ordnung im Kleiderschrank das Händchen“, antwortet Valentina Koroleva (47). „ Sortierst du nach irgendwas?“ – „Ja. Nach Art, zum Beispiel alle T-Shirts und Tops zusammen...“ Valentina Koroleva stockt. T-Shirt. Ein merkwürdiges Wort. Sie spricht jetzt ganz langsam – „Tie-Schooort“ – und schaut Larisa Mitelman fragend an. Die korrigiert: „Tie-Schööört“. Dann geht’s weiter, ohne Luft zu holen.

Ein freiwilliger Kurs, dem viele treu sind

Sieben Frauen sind zum Kurs gekommen – goldene Mitte. Manchmal sind es mehr, manchmal weniger. Männer kommen fast nie. Die Teilnehmerinnen leben in Drewitz, in Potsdam West und im Schlaatz. „Eigentlich überall in der Stadt“, sagt Oxana Ronis, die fest im Friedrich-Reinsch-Haus arbeitet und ihren Job dort als „Mädchen für alles“ beschreibt. Dass die Frauen mitunter einen weiten Weg auf sich nehmen, um an dem freiwilligen Kurs teilzunehmen, liege wohl vor allem an der Gemeinschaft. „Man trifft sich, lernt gemeinsam, hilft einander, unterhält sich, feiert“, sagt Oxana Ronis. „Sie brauchen einfach diese Wärme, die sie aus der Heimat kennen und vermissen.“

Ein Stückchen Heimat steckt oft auch in den Taschen und Tüten, die die Frauen dabei haben. Mal sind es russische Süßigkeiten, die die Runde machen. Mal kleine Küchenhelfer. Heute schiebt Valentina Koroleva ein Päckchen Medikamente über den Tisch. Verwandte aus Russland waren zu Besuch und haben die Tabletten für eine Bekannte aus dem Kurs mitgebracht. „Das bekommt man zwar alles auch hier in Deutschland“, sagt Oxana Ronis. „Aber: eine Gefühlssache.“

Viele Angebote im Friedrich-Reinsch-Haus

Seit zwei Jahren ist der Konversationskurs für russischsprachige Senioren im Angebot. Irina Zelkina (59) hat ihn selbst entwickelt. Sie weiß, wie man jemandem etwas beibringt. In Sankt Petersburg war sie Lehrerin für Biologie und Chemie. Jetzt geht sie in ihrem Ehrenamt auf, bereitet die Unterrichtsstunden sorgfältig vor. Auf den Plan kommen Themen, die den Teilnehmern im Alltag weiterhelfen, die jeder braucht. Und wer schon mal im Friedrich-Reinsch-Haus ist, bekommt noch mehr als Nachhilfe im Smalltalk. Mittwoch von 10 bis 12 Uhr zum Beispiel hilft Oxana Ronis dabei, Behörden anzurufen, Briefe aufzusetzen, Anträge und Formular auszufüllen. Es gibt einen Filz- und einen Malkurs, einen Freundeskreis, der sich der Pflege der russischen Kultur widmet, psychologische Beratungsangebote und so viel mehr, dass im Kalender kaum ein Tag frei bleibt.

Info: Das Friedrich-Reinsch-Haus ist im Milanhorst 9 zu finden und unter 0331 – 5504169 oder info@milanhorst-potsdam.de zu erreichen.

 

Von Nadine Fabian

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