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Potsdam Polizei führt Pogida-Chef ab
Lokales Potsdam Polizei führt Pogida-Chef ab
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00:23 20.04.2019
Noch bevor Christian Müller überhaupt auf der Anklagebank platznehmen kann, verlesen Polizeibeamte den Haftbefehl. Quelle: Varvara Smirnova
Potsdam

Der Intensivtäter und Initiator der rechtsextremen Pogida-Bewegung Christian Müller kommt noch einmal mit Bewährung davon – und wird dennoch von Polizisten aus dem Gerichtssaal abgeführt, um eine Haftstrafe zu verbüßen. Das ist nur eine der skurrilen Wendungen, die der Prozess gegen Müller am Mittwoch vor dem Potsdamer Amtsgericht genommen hat.

Dort hatte sich der 35-Jährige wegen des Vorwurfs der vorsätzlichen Körperverletzung in sechs Fällen – davon eine versuchte gefährliche Körperverletzung – und wegen des Verstoßes gegen Weisungen während der Führungsaufsicht zu verantworten. Letzter Anklagepunkt resultiert aus der Flucht des seit 2008 ohne Pause unter Bewährung stehenden Delinquenten vor der Justiz: Müller hatte sich Anfang 2017 auf die Kanaren abgesetzt, um in Deutschland einer Gefängnisstrafe – unter anderem wegen Körperverletzung und Bedrohung – zu entgehen. Nach einigen Monaten europaweiter Fahndung hatten ihn die spanischen Behörden auf Fuerteventura aufgespürt und ausgeliefert. Die damals fällige Haft hat er bis September 2018 voll verbüßt.

Kampfhund auf den Nachbarn gehetzt

Die Taten, die Müller nun zur Last gelegt wurden, haben sich 2015 und 2016 ereignet. Er hat einen Nachbarn die Treppe heruntergestoßen, geschlagen und seinen Kampfhund auf den Mann gehetzt. Der Vorfall ging glimpflich aus, weil das Tier auf das Kommando „Fass“ nicht reagierte. Zudem hat Müller seine damalige Partnerin angegriffen und eine Freundin, die schlichten wollte, geschlagen und getreten.

Christian Müller räumt alle Taten ein. Hinter verschlossener Tür legt er im Rahmen einer Verständigung ein umfassendes, detailliertes und wie alle Prozessbeteiligten bestätigen glaubhaftes Geständnis ab. Beinahe zwei Stunden benötigen Gericht, Staatsanwaltschaft, Nebenklage und Verteidigung, bis der Deal perfekt ist. Das Geständnis erspart den sechs geladenen Zeugen – darunter drei Opfer von Müllers Gewaltausbrüchen – eine Aussage. Müller erhält im Gegenzug die Aussicht auf ein milderes Urteil.

Christian Müller ist jetzt Inhaber eines Cafés in Spanien

Erheblichen Einfluss auf das Zustandekommen des Deals hat Müllers persönliche Entwicklung: So soll er sich seit seinem Abgang nach Spanien von alten Hooligan- und Saufkumpan-Kreisen losgesagt und eine redliche Existenz als Gastwirt aufgebaut haben. Müller, der in seiner Jugend eine Kochlehre abgebrochen hat, ist laut seinem Bewährungshelfer Inhaber eines Cafés; während seiner Abwesenheit führen Angestellte den Laden. „Zum ersten Mal in seinem Leben ist er zielstrebig, agiert selbstreflektiert, hat eine Tagesstruktur und spürt den Erfolg, mit eigener Arbeit etwas zu schaffen und respektiert zu werden“, sagt Matthias Rump: „Das alles motiviert ihn, die Risiken, straffällig zu werden, zu minimieren.“

Müller selbst beteuert: „Es lässt mich erschrecken, was ich alles verzapft habe. Ich will einen Schlussstrich – den Grundstein dafür habe ich in Spanien gelegt. Darauf will ich aufbauen. Ich werde der Justiz und der Polizei nicht mehr negativ auffallen.“ Das sei er auch seinen Kindern schuldig: Müller ist seit November 2017 Vater von Zwillingen.

Rechte-Szene-Anwalt Wolfram Nahrath wieder für Müller im Einsatz

Das Schöffengericht unter Vorsitz von Richterin Bettina Thierfeldt verhängt schließlich eine Freiheitsstrafe von einem Jahr und zwei Monaten. Müller soll zudem je 500 Euro Schmerzensgeld an die Opfer zahlen, was er noch im Gerichtssaal bar erledigt. Seine Freiheitsstrafe ist ausgesetzt auf vier Jahre Bewährung. Sollte Müller innerhalb dieser Frist eine Straftat begehen, muss er hinter Gitter – er hat in den vergangenen Jahren schon öfter gegen Bewährungsauflagen verstoßen. Wohl auch gegen ein Urteil, das Ende 2013 am Amtsgericht Cottbus wegen einer Körperverletzung erging. Wie erst kurz vor Prozessbeginn bekannt wurde, wurde die Bewährung 2017 zurückgezogen – Müller soll jetzt die zehn Monate Haft absitzen. Polizisten verlasen den Strafbefehl noch im Flur des Justizzentrum und führten Müller ab. Ob er dagegen vorgehen wolle, ließ Müllers Verteidiger, der Rechte-Szene-Anwalt Wolfram Nahrath, offen und erklärte auf Anfrage der MAZ, er rede nicht mit der Presse. Nahrath war im NSU-Prozess Pflichtverteidiger für Ralf Wohlleben und vertrat auch NPD-Funktionär Marcel Zech, der im Spaßbad Oranienburg ein KZ-Tattoo zur Schau gestellt hatte.

Von Nadine Fabian

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