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Polizist leidet noch immer unter Messerattacke

Prozess vor dem Potsdamer Landgericht Polizist leidet noch immer unter Messerattacke

Fast wäre sein Leben mit 30 Jahren zu Ende gewesen: Bei einer Messerattacke war der Potsdamer Polizist Benni H. im Vorjahr schwer verletzt worden. Unter den Folgen des Angriffs leidet er noch heute, wie er am Donnerstag vor Gericht schilderte.

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Der Angeklagte Dominic B.

Quelle: Julian Stähle

Potsdam. Der Angeklagte rückt in die zweite Reihe als Benni H. Saal 8 des Potsdamer Landgerichts betritt. Der Polizist, sein Opfer, hatte das beantragt. Es fällt dem 31-Jährigen schwer, überhaupt vor Gericht auszusagen, so sehr setzen ihm die Erlebnisse vom 16. April 2015 immer noch zu. Dem Mann, der ihm mit einem Messer fast umgebracht haben soll, will Benni H. nicht noch einmal in die Augen schauen müssen.

Gesundheitlich gehe es ihm langsam besser, sagt der Potsdamer Polizist. Er schlafe inzwischen auch mal sechs Stunden am Stück ohne Hochzuschrecken – vor Schmerzen und schmerzhafter Erinnerungen. Die Wunden am Hals, wo das Küchenmesser mit der 32 Zentimeter langen Klinge ein- und wieder ausgetreten ist, verheilen gut. Aber am Hinterkopf wurden auch einige Nerven durchtrennt,, die Stelle sei empfindlich wie eine Brandwunde. „Selbst Wind in den Haaren ist schmerzhaft“, sagt der junge Polizist, der bald wieder in den Beruf einsteigen will – als Praktikant im Innendienst.

Die Tat geschah am Schillerplatz

Dabei begann der 16. April 2015 normal. Benni H. war gerade eine gute halbe Stunde auf der Potsdamer Wache, als zwei Studenten der Fachhochschule eine Strafanzeige erstatteten. Ihr Kommilitone Dominic B. habe sie per Mail mit dem Tod bedroht. Der Dienststellenleiter beschließt, den Sachverhalt zu klären. Vier Polizisten in zwei Streifenwagen fahren zur Adresse des Beschuldigten am Schillerplatz in der Brandenburger Vorstadt. Anfangs will der Produktdesign-Student die Beamten nicht in die Wohnung lassen, dann gibt er nach. „Er hat uns Kaffee angeboten“, erinnert sich der Beamte Alexander G. (29) im Zeugenstand. In der Küche habe er zwei große Messer gesehen, die habe er vor die Wohnungstür gebracht, reine Routine. Dominic B. habe nicht aggressiv gewirkt. Er zeigt den Beamten einen Ordner mit der Diagnose Schizophrenie, erzählt dass er in der Psychiatrie untergebracht war – zu unrecht, wie er betont, die Diagnose sei eine Unterstellung.

Dominic B. darf ins Schlafzimmer, sich umziehen vor der Abfahrt zur Polizeiinspektion. Benni H., der eine Schutzweste trägt, steht hinter ihm. Da fast der Angreifer blitzschnell aufs Bett, vermutlich unters Kissen, dreht sich um, reckt den rechten Arm mit dem Messer in der Hand in die Luft und sticht mit Wucht auf ihn ein. So erinnert sich das Opfer an den Vorfall.

Überall war Blut

„Ich war mir sicher, dass er stirbt“, sagt Zeuge Alexander G. Der Kollege habe sich noch zur Wohnungstür geschleppt und sei dann liegen geblieben. „Es war, als hätte man einen Eimer Blut über ihn gekippt“, schildert er den drastischen Moment. „Ich sterbe“, habe Benni H. geflüstert bevor er das Bewusstsein verlor. Und eine Nachricht für seine Frau habe er ihm noch aufgetragen: Sag ihr, dass ich sie liebe. Benni K. wurde notoperiert. Dem Angeklagten, der laut Staatsanwaltschaft bei der Tat schuldunfähig war, wird versuchter Mord zur Last gelegt.

Es war nicht der erste Vorfall mit einem Messer. Dominic B. (25) soll schon einmal jemanden mit einer Klinge angegriffen haben – seine eigenen Eltern. Als er den Gerichtssaal betritt, hebt er die Hände mit den Handschellen zu einem Gruß Richtung Zuschauerbank. Dort sitzen die Eltern. Der Vater, ein älterer, schlanker Mann mit Brille, macht von seinem Zeugnisverweigerungsrecht Gebrauch. Er habe seinen Vater nicht angriffen, sagt der Sohn. Er habe sich bei einem „normalen Streit“ ein Campingmesser gegriffen und sei damit aus der Wohnung gerannt, weil er seine Ruhe haben wollte. „Die familiären Verhältnisse sind nicht mit Krisen belastet“, sagt er. Aber auch die Eltern hätten ihm nicht helfen können, „die Probleme“ zu lösen. „Die Probleme“ – davon spricht er immer wieder. Im Laufe seiner Schilderungen wird klar, was er meint: das Gefühl, verfolgt zu sein, schlecht behandelt und ausgestoßen zu werden von den anderen. Begonnen haben „die Probleme“ erst relativ spät. Nach dem Abitur und einer Rucksacktour durch Südamerika. „Sie sind ein intelligenter Mensch“, sagt der Vorsitzende Richter Theodor Horstkötter zum Angeklagten, der sachlich sein bisheriges Leben schildert. Aber, und das ist wohl Teil „der Probleme“, emotionslos wie ein Computer . Dominic B. war ein Überflieger. Der Potsdamer kommt in eine Leistungsklasse, überspringt eine Jahrgangsstufe. Er nimmt an der Mathematikolympiade teil und spielt erfolgreich Fußball beim SV Babelsberg 03. Doch während seiner Ausbildung zum Schilder- und Leuchtreklamehersteller nehmen „die Probleme“ überhand. Zwei Mal wechselt er den Ausbildungsort. In Cottbus schließlich kommt es zum Eklat. Als er kurzfristig Wochenendarbeit übernehmen soll, rastet er aus, attackiert Kollegen. „Ich bin tatsächlich ein Mensch, der gegen Gewalt ist“, sagt er. Aber Schuld seien die anderen, die ihn provozieren, in die Enge treiben. Das Gutachten, dass ihm Schizophrenie und Wahnvorstellungen attestiert, nennt er „eine Hetzschrift gegen mich“. Zur Attacke auf den Beamten will er sich nicht äußern. Dominic B. soll sich das Messer anschließend selbst in Bauch und Oberschenkel gerammt haben.

Polizist Benni H. in Zivilkleidung verlässt den Gerichtssaal ohne einen Blick in die zweite Reihe der Anklagebank zu werfen.

Versuchter Mord

Im Unterbringungsbefehl für die Psychiatrie lautete der Vorwurf gegen Dominic B. noch versuchter Totschlag.

Die Staatsanwaltschaft geht nun sogar von versuchtem Mord aus. Sie fordert die Dauerunterbringung in der forensischen Psychiatrie. Zum Tatzeitpunkt galt B. als schuldunfähig.

Ein Urteil soll Mitte Februar fallen. Vier Prozesstage stehen noch aus.

Von Marion Kaufmann

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