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Potsdam So tickt OB-Kandidatin Martina Trauth
Lokales Potsdam So tickt OB-Kandidatin Martina Trauth
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01:15 11.10.2018
Martina Trauth vor dem Hans-Otto-Theater in Potsdam. Quelle: Christel Köster
Potsdam

Wenn man die Geschichte der parteilosen Linken-Kandidatin und städtischen Gleichstellungsbeauftragten Martina Trauth erzählen möchte, dann ist das in gewisser Weise auch die Geschichte eines Mannes, dessen Gesicht weder auf den Wahlplakaten zu sehen ist noch auf den Flyern.

Nicht wenige würden sich jedoch wünschen, dass sein verschmitztes Grinsen real auf den Plakatwänden prangt. Denn diesmal, so meinen sie, hätte es angesichts der Kandidatenlage vielleicht doch endlich einmal die Chance auf einen Linken-Triumph gegeben.

Scharfenberg trat bei OB-Wahl nicht an

„Nee, nee“, winkt Hans-Jürgen Scharfenberg, Fraktionschef und lange Zeit Lichtgestalt der alten Genossen, an einem Nachmittag vor dem Einkaufszentrum in der Waldstadt ab: „Das hat schon seine Richtigkeit so.“ Heißt wohl: Irgendwann muss man es mit fast Mitte 60 auch gut sein lassen mit dem Streben nach dem Rathaus-Chefsessel.

Vielleicht hat er aber auch nur Eins und Eins zusammengezählt und die ernüchternde Bilanz gezogen, dass sich in einer Stichwahl wohl wieder die „bürgerlichen“ Parteien um einen Kandidaten scharen würden. Aber egal.

Oberbürgermeisterkandidatin Martina Trauth (parteilos, für Die Linke) und Oberbürgermeisterkandidat Mike Schubert (SPD) bei Bekanntgabe der Ergebnisse am Abend der Oberbürgermeisterwahl am 23. September. Quelle: Martin Müller

Es herrscht geschäftiges Treiben vor dem Supermarkt, an dem die Linken ihren Wahlkampfstand aufgestellt haben. Martina Trauth steht in tannengrüner Steppjacke und mit fröhlichem Lächeln auf dem Vorplatz. Die Vorübergehenden bekommen Info-Material und ein rotes Brillenputztüchlein – für den klaren Durchblick.

Hier geht es zum Porträt von Mike Schubert

Oft gibt es nur ein abwehrendes Kopfschütteln von den Passanten. Aber dann gibt es noch die, in deren Gesichtern die Sonne aufgeht, wenn sie Scharfenberg sehen. „Ja, Sie hätte ich gern gewählt oder Kutzmutz“, sagt eine ältere Dame mit verklärtem Blick auf den schnauzbärtigen Bürger-Versteher, der immer wieder die Stirn anteilnehmend kraus zieht, während die Frau ihre Sorgen schildert.

Klar, sie habe Martina Trauth ihre Stimme gegeben, sagt die Frau am Schluss. „Aber die kennt man ja nicht so ...“ – „Sie können Sie kennenlernen, gleich da drüben ist sie“, wirbt Scharfenberg und weist den Weg zur Kandidatin, die ein paar Schritte entfernt steht.„Ach so“, sagt die Scharfenberg-Verehrerin nur, dann nimmt sie ihr Rollwägelchen und geht weg.

OB Kandidatin Martina Trauth half in der AWO-Schatztruhe zusammen mit Schatztruhe Chef Raico Rummel (links) Foto:Bernd Gartenschläger Quelle: Bernd Gartenschläger

Was nicht heißt, dass die Linken-Kandidatin nicht gut ankommt bei den potenziellen Wählern. Ein paar Tage später, am Babelsberger Weberplatz beim Samstagsmarkt. Immer wieder wird die Frau mit dem strahlendblonden Pagenkopf von Marktbesuchern ins Gespräch verwickelt. Trauth hört zu, nimmt sich Zeit. Die 53-Jährige ist locker, lacht viel. Danach erzählt sie stolz, dass ihr sogar ein bisheriger CDU-Wähler sein Kreuzchen auf dem Stichwahl-Stimmzettel zugesichert habe. „Weil er einfach den Wechsel in dieser Stadt will.“

Eine Expertin für Wechsel und Wandel

Tatsächlich könnte man Martina Trauth fast als Expertin für Wechsel und Wandel bezeichnen. Neues zu wagen, sich dabei auch couragiert durchzubeißen – darin hat die gebürtige Rheinland-Pfälzerin fast lebenslange Übung. Aufgewachsen ist sie in Knittelsheim: 700 Einwohner, Bauernhöfe, Sportverein, Kirche. Die Mutter – zur damaligen Zeit eher ungewöhnlich – war selbstständige Geschäftsfrau. Sie besaß ein Haushalts- und Spielwarengeschäft. „Das Vorbild meiner Mutter, die Mitarbeit im Laden und der Sport haben mich selbstbewusster gemacht“, erzählt Trauth, die den Jungs beim Laufe zeigte, was ’ne Harke ist.

OB-Kandidatin Martina Trauth auf der Schaukel mit ihrem Bruder Peter. Quelle: privat

Den Sprung aufs Gymnasium schaffte sie zwar, hatte als einziges Kind aus einem Nicht-Akademiker-Haushalt aber zu kämpfen. Nach der 10. Klasse entschied sie sich für eine Ausbildung als medizinisch-technische Assistentin und fing im Kreiskrankenhaus an. Eine typische 80er-Jahre-Jugend: Henna im Haar, viel Batik, heimliche Zigaretten, das Rod-Stewart-Poster überm Bett. Irgendwann wurde das Fernweh übermächtig, Berlin lockte. Groß, verwirrend, aber auch spannend mit dem WG-Leben in Kreuzberg.

Schwierige Jahre als Lehrmeister

Martina Trauth heiratet, wird Mutter, stemmt – zu dem Zeitpunkt geschieden – als Alleinerziehende den Alltag mit Sozialpädagogik-Studium, Kind und Haushalt. „Sie war eine sehr tolerante Mutter“, erinnert sich Tochter Larissa (31) an ihr Aufwachsen mit der Freiheit, sich auszuprobieren – immer in dem Wissen, dass die Mutter hinter ihr stehen würde. „Sie hat den Mut zu kämpfen für die Menschen und ihre Ziele“, sagt die Tochter: „Ich würde es den Menschen im Rathaus (und damit auch Potsdam) wünschen, so eine Chefin zu haben.“

Dennoch: Für Martina Trauth war es damals ein riesiger Balance- und Kraftakt, sich durchkämpfen zu müssen. Die schwierigen Jahre haben sie einfühlsam gemacht für Menschen in komplizierten Lebenssituationen. Beispiel: Der Besuch in der „Schatztruhe“ am Schlaatz letzte Woche. Hier können sich Menschen von Kopf bis Fuß gratis mit gespendeter Mode einkleiden. Trauth packt an, berät, macht Vorschläge: Ein angeschlossenes Café wäre klasse, um niedrigschwellige Beratungsarbeit zu machen.

OB-Kandidatin Martina Trauth Jugendfoto auf dem Sofa. Quelle: Privat

Mit ihrem Engagement punktet die Gleichstellungsbeauftragte, die 1998 zunächst als Gesundheits- und Sozialplanerin ins Rathaus kam und dort unter anderem den Kinderarmutsbericht und das Demografiekonzept verfasste. Karin Genrich, Ehrenpräsidentin des Handelsverbands Berlin-Brandenburg und ehemalige erfolgreiche Geschäftsfrau, ist Feuer und Flamme, dass auch einmal eine Frau zum Zuge kommen könnte. „Versuchen wir doch einmal etwas Neues, lassen wir es zu“, plädiert Genrich für „eine weibliche Handschrift“ an der Rathaus-Spitze. Sprich: Toleranz, Verständnis, Empathie, Hingabe.

„Ich glaube, ich würde der Stadt guttun“

Nicht jeder sieht die Ambitionen der Kandidatin so uneingeschränkt positiv. Auch in den Reihen der Linken fremdeln manche mit dem „Charme der rheinlandpfälzischen Weinkönigin“, inklusive sarkastischer Seitenhiebe auf deren Polit-Ideen: Ob denn das weitläufige Rathaus überhaupt groß genug sei für die vielen Runden Tische, die Trauth im Falle ihres Wahlsieges angekündigt hat?

Doch Häme perlt an der Frau mit den feinen Gesichtszügen ab. Sie bleibt gleichmütig, freundlich. Ihr Selbstvertrauen scheint sie wie ein Luftkissenboot zu tragen. „Ich glaube, ich würde der Stadt guttun“, sagt sie. Denn: Das Rathaus brauche eine „wertschätzende Führung“. Und: „Ich will Leute, die sich abgehängt fühlen, wieder mitnehmen.“

In der Schule mit fescher roter Jacke. Quelle: privat

Brunhilde Hanke, Potsdams Oberbürgermeisterin von 1961 bis 1984, lobt Trauth als „tatkräftig“, auch eine Frau an der Spitze des Rathauses wäre schon gut. Ein bisschen wehmütig klingt die 88-jährige Grande Dame der Potsdamer Linken dann aber doch, wenn sie sich fragt: „Warum sollte nicht eine Frau gefunden werden aus dem Osten, die hier sozialisiert wurde? Aber anscheinend hat es so eine nicht gegeben.“

Von Ildiko Röd

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