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Laufen lernen im Porzellanladen

Historischer Potsdam-Kalender 2016 Laufen lernen im Porzellanladen

Das Geschäft „Hermann Köhler“ bietet seit über 100 Jahren alles für den gedeckten Tisch. Vier Generationen lang hat die Familie direkt gegenüber dem Rathaus Babelsberg ausgehalten, Kriege und Systemwechsel überlebt und die Unabhängigkeit bewahrt. Die nächste Generation hat im Porzellanladen sogar laufen gelernt.

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Die Gründer des Porzellanladens beim gediegenen Kaffeeklatsch im Garten.

Quelle: Fotos : Mathias Marx

Babelsberg. In zwei kleinen Vitrinen links und rechts der Schaufenster des Haushaltswarengeschäfts „Hermann Köhler“ in Babelsberg wird seit 1903 buntes Porzellan ausgestellt. Noch heute ist das originale Firmenlogo in zwei Glasscheiben über den Schaufenstern geschliffen. Ein Monogramm aus den Buchstaben „H“ und „K“, davor eine Kaffeekanne, ein Weinglas und ein Kochtopf. Wer das Geschäft direkt gegenüber dem Babelsberger Rathaus betritt, bekommt noch immer „Alles für die Küche und den gedeckten Tisch“, wie Ralf Köhler sein Sortiment zusammenfasst. Der 49-Jährige führt den Laden in fünfter Generation. Sein Ur-Ur-Opa begann als Porzellanhändler Mitte des 19. Jahrhunderts in Mühlberg an der Elbe. Sein Ur-Opa Hermann, Namensgeber des Traditionsgeschäfts, eröffnete vor 112 Jahren dann in Babelsberg.

Ralf Köhler leitet das Geschäft seit 20 Jahren mit seiner Frau Michaela und der Mutter Monika

Ralf Köhler leitet das Geschäft seit 20 Jahren mit seiner Frau Michaela und der Mutter Monika. Tochter Annabell übernimmt vielleicht einmal.

Quelle: Mathias Marx

Ein Foto mit der Familie Hermann Köhlers vor dem grünen Haus in der Karl-Liebknecht-Straße 6 ziert ein Kalenderblatt des historischen Potsdam-Kalenders 2016. Dort sind auch zwei Familienfotos einander gegenübergestellt. 105 Jahre und drei Generationen liegen zwischen beiden Fotografien, die Familie Köhler am gedeckten Tisch zeigen. Die Köhlers haben versucht etwas aus der Vergangenheit zu erhalten. Alte Möbel stehen noch im Laden, eine alte Rechenmaschine im Dachboden, aber auch Gläser und sogar das Porzellan und Silbergeschirr, das auf dem Familienfoto von Ur-Opa Hermann von 1910 zu sehen ist, befindet sich noch im Familienbesitz. „Das ist ganz dünnes, feines Porzellan, das wir nur selten benutzen“, sagt Ralf Köhlers Ehefrau Michaela über den geerbten Hausrat, der gleichzeitig Familien- und Firmengeschichte ist.

Der Laden befindet sich seit eh und je gegenüber dem Babelsberger Rathaus

Der Laden befindet sich seit eh und je gegenüber dem Babelsberger Rathaus.

Quelle: Mathias Marx

Seine Oma Hildegard, die mit 98 Jahren im Jubiläumsjahr 2003 starb, erzählte noch, wie die zerbrechliche und mit Holzwolle geschützte Ware in Fässern vom Güterbahnhof in Potsdam bis nach Babelsberg gezogen werden musste. In der DDR bestand die größte Herausforderung darin, überhaupt Ware zu bekommen und nach der Wiedervereinigung veränderte sich das Kaufverhalten der Menschen. „Vor 20 Jahren haben die Menschen viel Geld für eine hübsche Porzellanfigur ausgegeben, heute für ein gutes Messer. Die Ess- und Lebenskultur hat sich verändert und Babelsberg ist deutlich jünger geworden. Statt eines Services für sechs oder gar zwölf Personen kaufen die Leute nur wenige Teile“, sagt Ralf Köhler, der den Laden 12995 nach dem plötzlichen Tod seines Vaters übernommen hat.

Und derzeit sei man durch das Überangebot und die Konkurrenz im Internet erneut im Umbruch. Das Sortiment von Köhler hat sich dem angepasst, es gibt nun auch elektronische Küchengeräte, geblieben ist dagegen vor allem eines: „Die Fachberatung ist unser Pfund. Die Menschen gehen wieder gezielter in Fachgeschäfte, sie wollen Qualitätsware in die Hand nehmen und ein Wort dazu hören“; sagt Köhler über seine beratungsintensive Branche. Mutter Monika wirft dazu ein: „Das kann das Internet nicht!“

Ralf Köhler hofft, das Geschäft auch an die nächste Generation weitergeben zu können. „Unsere Tochter Annabell hat im Porzellanladen laufen gelernt und nichts ist zu Bruch gegangen“, sagt er über die potenzielle Nachfolgerin. Doch Annabell ist erst zehn Jahre alt. Sie solle machen, was ihr gefällt, schiebt der Vater hinterher. Wer weiß, wie sich sein Laden entwickelt. Annabells Oma ist optimistischer: „Meine Enkelin ist sehr behilflich und fragt die Kunden schon was sie möchten“.

>>>Folge #1: Der Herausgeber des historischen Kalenders Peter Rogge

>>>Folge #3: Beim Hofbäcker begann die Tradition

Von Peter Degener

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