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Als Kind vom Kaplan missbraucht

Schwerer Vorwurf gegen Potsdamer Katholiken Als Kind vom Kaplan missbraucht

In einem Brief an Papst Franziskus hat ein Potsdamer jetzt seinen Missbrauchsfall bekannt gemacht. Der heute 32-jährige Stefan Lüttke schildert gegenüber der MAZ, wie er  im Alter von 15 Jahren von seinem Kaplan in der katholischen Pfarrei Sankt Peter und Paul in Potsdam sexuell missbraucht wurde.

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Quelle: Julian Stähle

Potsdam. Anfang März war für Stefan Lüttke (32) das Maß voll – er schrieb einen Brief an jenen Mann, in den viele Katholiken ihre Hoffnung setzen. „Eure Heiligkeit, lieber Papst Franziskus“, wandte sich der gebürtige Potsdamer direkt an den obersten Hirten.

Der Brief ist eine bittere Anklage. Es geht um die Schuld eines Kaplans, der sich in der katholischen Pfarrei Sankt Peter und Paul am Potsdamer Bassinplatz an dem 15-jährigen Stefan Lüttke vergangen hat, und es geht darum, dass der sexuelle Missbrauch bislang unter den Teppich gekehrt wurde. „Mehr als 15 Jahre nach der Tat, in denen ich als Opfer aus Scham geschwiegen habe, muss ich als Opfer beim Erzbischof um Anerkennung betteln. Auch heute noch werde ich nicht als Opfer anerkannt, sondern als ,Beschuldigender' bezeichnet“, empört sich Lüttke, der heute in Süddeutschland als Wissenschaftler arbeitet. Er hat sich entschieden, auf Anonymisierung zu verzichten, weil die, wie er findet, den Tätern noch nachträglich Macht einräumt.

Der Missbrauch ereignete sich 1997. Lüttke gehörte einer Firmgruppe in Sankt Peter und Paul an – das Pendant zur evangelischen Konfirmandengruppe. Betreut wurden die Firmlinge von Kaplan M. – ein Endzwanziger, der fast freundschaftlichen Umgang mit den Jugendlichen pflegte und beliebt war. M. sei für ihn eine Instanz gewesen, „eine Vertrauensperson“. Als ihm der Kaplan nach einem Treffen der Firmgruppe anbot, ihn auf dem Motorroller nach Hause in das Dorf im Potsdamer Norden zu fahren, sagte Lüttke ja.

Unterwegs hielt der Seelsorger an und schlug einen Spaziergang vor. Eine warme Sommernacht gegen 23 Uhr; die Allee ausgestorben. „M. sprach von Adam und Eva, die nackt waren, und dass Nacktheit deshalb etwas ganz Natürliches wäre.“ Irgendwann schlug er vor, dass man es wie Adam und Eva machen sollte. Nach dem Entkleiden brachte M. den Jugendlichen dazu, ihn mit der Hand zu masturbieren, und tat umgekehrt das Gleiche. „Anschließend sagte er, dass ich niemandem etwas erzählen darf, weil er sonst große Probleme bekommt“, sagt Stefan Lüttke, der in der Folge weitere Annäherungen ablehnte. Nach seiner Kaplanszeit bekam M. eine andere Stelle und verließ Potsdam.

Stefan Lüttke wollte vergessen. Er sprach nie darüber. Doch beständig hatte er ein quälendes Gefühl, sagt er. „Ich hatte Angst, dass der Täter weitermacht und es noch andere Fälle geben könnte.“ So richtig kam das Erlittene wieder an die Oberfläche, als sich 2010 die Enthüllungen über Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche häuften. Stefan Lüttke rief bei der neuen Telefon-Hotline der Kirche für Missbrauchsopfer an. Die Kirchenleitung reagierte zunächst angemessen. M. – inzwischen Pfarrer an der Herz-Jesu-Gemeinde in Berlin-Tegel – wurde aus dem Dienst genommen. Eine kircheninterne Untersuchung wurde eingeleitet und die Staatsanwaltschaft informiert. Die Polizei in Potsdam und Berlin nahm Kontakt zu Stefan Lüttke auf, der sich allerdings nicht mehr in der Lage fühlte, seine Aussage zu wiederholen. Wegen Depressionen musste er im Krankenhaus behandelt werden; seine Ärzte rieten ihm zum damaligen Zeitpunkt dringend davon ab, die Wunden der Vergangenheit noch einmal aufzureißen.

Auch die Kirche handelte: Bei einer Unterredung mit Weihbischof Matthias Heinrich und Domprobst Stefan Dybowski räumte Pfarrer M. den Missbrauch zwar unumwunden ein, weigerte sich dann aber, das Gesprächsprotokoll zu unterzeichnen. „Juristisch ist das kein Geständnis“, sagt der Sprecher des Erzbistums, Stefan Förner.

Die Sache gipfelte darin, dass M. im April 2013 in einem „Publicandum“ quasi reingewaschen wurde. Die Mitteilung wurde vor seiner Herz-Jesu-Gemeinde verlesen. Darin hieß es, dass „die staatlichen und kirchlichen Untersuchungen gegen den Pfarrer inzwischen ergebnislos eingestellt worden“ seien. Damit stünde „der Wiederaufnahme seines priesterlichen Dienstes nichts mehr entgegen“. Wegen seines angegriffenen Gesundheitszustands habe M. jedoch Kardinal Woelki angeboten, auf die Pfarrei Herz Jesu zu verzichten. Er übernehme andere Aufgaben im Bistum.
Stefan Lüttke empfand diese Worte als Hohn. „Weder der Weihbischof noch der Domprobst, die Zeugen des Tateingeständnisses wurden, übermittelten ihr Wissen an die Staatsanwaltschaft. Sie legten den Fall zu den Akten“, kritisiert Lüttke, der sich Ende 2013 in der Lage sah, selbst die Tat gegenüber dem Erzbistum und der Staatsanwaltschaft Potsdam anzuzeigen. Kurz nach seiner Vernehmung teilte ihm die Staatsanwaltschaft mit, dass die Sache verjährt sei.

Stefan Lüttke will trotzdem nicht klein beigeben. Er will anderen Missbrauchsopfern Mut machen und sie anspornen, Gesicht zu zeigen: „Opfer zu werden, ist keine Schande. Eine Schande ist, wie mit den Opfern umgegangen wird.“

Von seiner Kirche fühlt er sich im Stich gelassen. Nur der jetzige Pfarrer von Peter und Paul, Propst Klaus-Günter Müller, hatte sich aus eigenem Antrieb bei ihm gemeldet. „Es waren zwar etwas ungelenke Worte, aber es hat mich dennoch sehr gefreut“, sagt Lüttke. Vom obersten Kirchenmann im Erzbistum, Kardinal Rainer Maria Woelki, ist der Potsdamer zutiefst enttäuscht. Erst Ende vergangener Woche – postwendend nach Lüttkes Brief an den Papst – ließ Woelki von sich hören. Er drückte sein „aufrichtiges Bedauern“ aus und die Hoffnung, „dass es mit Gottes Hilfe gelingen möge, die schrecklichen Geschehnisse zu verarbeiten“. Doch Lüttke lässt das Publicandum, das in der Kirchengemeinde von Berlin-Tegel verlesen wurde, keine Ruhe. In seiner Antwort an den Kardinal nimmt er darauf Bezug: „Die Öffentlichkeit hat, ebenso wie ich, aufgrund Ihrer Formulierung verstanden, dass kein sexueller Missbrauch stattfand. Unter anderem haben viele Gemeindemitglieder von Herz Jesu Tegel bis heute gedacht, dass ihr Pfarrer sich nicht schuldig gemacht hat.“

Weshalb die Missbrauchsvorwürfe im Publicandum unter den Tisch fielen, erklärt man im Bistum damit, dass M. selber Wert auf die Nennung der „gesundheitlichen Gründe“ gelegt habe. Diesem Wunsch hat die Kirche entsprochen. Der Pfarrer werde aber „nicht mehr in der Seelsorge eingesetzt und es gibt auch keine konkreten Pläne, ihn einzusetzen“, versichert Bistumssprecher Förner. Wie es mit M., derzeit krankgeschrieben, weitergeht und ob ein kirchliches Verfahren gegen ihn eingeleitet wird, hängt jetzt vom Votum aus Rom ab.
Stefan Lüttke bewegt die Frage, wie Missbrauch besser aufgearbeitet werden kann. Als Option sieht er eine vom Erzbistum eingesetzte unabhängige Kommission. Gern würde er das mit dem Kardinal besprechen. Persönlich.

Von Ildiko Röd

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Im Missbrauchsfall in Potsdams katholischer Gemeinde St. Peter und Paul hält man sich im Erzbistum Berlin vorerst bedeckt, was die weiteren Konsequenzen angeht. Im Jahr 1997 hatte der damalige Kaplan M. den 15-jährigen Schüler Stefan Lüttke bei einem gemeinsamen Spaziergang sexuell missbraucht.

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