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"Wir bauen nicht für den Abriss!"

Biosphäre-Architekten schockiert über Abrisspläne "Wir bauen nicht für den Abriss!"

Schock nach der Zeitungslektüre: Die Architekten der Biosphäre Potsdam, Regine Leibinger und Frank Barkow, haben erst aus der Presse von den Abrissplänen der Tropenhalle erfahren. Sie halten die Diskussion für fatal und sind erschrocken über die Verwahrlosung des Geländes.

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Frank Barkow, Regine Leibinger, Projektleiter Heiko Krech (v.l.) mit dem Biosphäre-Modell.

Quelle: Jacqueline Schulz

Potsdam. MAZ: Wie haben Sie erfahren, dass die Stadt einen Abriss der Biosphäre prüfen lässt?

Regine Leibinger: Aus der Zeitung. Wir hatten vorher immer wieder von den finanziellen Problemen der Stadt und Umnutzungsplänen gehört, weil sie 1,4 Millionen Euro Zuschuss nicht mehr zahlen will.

Was haben Sie in diesem Augenblick gedacht?

Frank Barkow: Wir waren völlig schockiert. Das Haus ist nur 14 Jahre alt.

Regine Leibinger: Es ist schrecklich. Wir beobachten seit Jahren die Verwahrlosung des Gebäudes, und das hat mich ziemlich mitgenommen. Wir haben zwei Buben, fahren oft dort hin, haben dort Kindergeburtstag gefeiert. Es ist wirklich großartig, auch mit dem Umfeld. Man kann Skateboard fahren und klettern. Dass jetzt über Abriss geredet wird, halte ich für fatal. Es sollte eher andersrum sein: Man sollte sich jetzt richtig um die Biosphäre kümmern, sie instand halten.

Was genau ist verwahrlost?

Leibinger: Die flachen Graswälle auf der Rückseite waren ja während der Buga noch Teil der öffentlichen Parklandschaft, als man sie dann für die Biosphäre als Privatgelände abgesperrt hat, hat man sie einfach verwahrlosen lassen.

Das Büro und der Bau

  • Das Büro Barkow Leibinger wurde 1993 gegründet und gehört zu den renommiertesten Berliner Architekturbüros. Bekanntestes neueres Projekt ist das Total-Hochhaus am Berliner Hauptbahnhof.
  • Regine Leibinger ist Professorin an der Technischen Universität (TU) Berlin, war Gastprofessorin an der Harvard-University, wo sie auch ihren Abschluss gemacht hat. Sie unterrichtete außerdem an der Hochschule für Bildende Künste in Hamburg und am MIT in Boston. Sie stammt aus Stuttgart.
  • Frank Barkows Heimatstadt ist Kansas City. Wie Regine Leibinger ist er Harvard-Absolvent – später übernahm er an der US-Spitzen-Hochschule auch Lehraufträge als Gastprofessor. Gastprofessuren hatte Barkow auch in Lausanne, Milwaukee, Minneapolis und an der Cornell-University inne.
  • Die Biosphäre Potsdam wurde 2001 zur Bundesgartenschau für 29 Millionen Euro erbaut. 21,5 Millionen Euro stammen aus dem Landeshaushalt. Betrieben wird die Tropenhalle von der städtischen Immobilienholding Pro Potsdam. Das Gebäude ist in der jetzigen Nutzung ein Zuschussbetrieb – es kostet die Stadt etwa 1,5 Millionen Euro jährlich.
  • Die Pro Potsdam prüft deshalb derzeit drei Varianten der Weiternutzung nach Auslaufen der Fördermittelbindung 2016: Abriss und Ersatz durch Wohnbebauung; Umnutzung (etwa als Stadtteilzentrum); Weiterbetrieb.

Man könnte ja auch argumentieren: Ein Expo-Pavillon wird eben nach der großen Schau wieder abgerissen - wäre ja nicht der erste.

Barkow: Aber so war es überhaupt nicht gedacht. Es gab eine privat-öffentliche Partnerschaft, um die Halle zu bauen: Sechs Monate für die Buga und danach mit einem Betreiber in einer anderen Nutzung. Die Nachnutzung war von Anfang an Teil des Konzepts.

Leibinger: Kommerz war auch immer Teil der ganzen Inszenierung - ein Cafe etwa und ein Shop, wo die Leute Geld ausgeben. Aber es ging in erster Linie um die Natur, daher der Name Biosphäre. Dann hat man versucht, mit immer neuen Ideen die Sache am Laufen zu halten - irgendwann drehte sich mal alles um Fürst Pückler.

Die Biosphäre Potsdam wurde 2001 zur Bundesgartenschau im Volkspark errichtet. Weil sie seit Jahren in den Miesen steht, wird sogar über ihren Abriss diskutiert.

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Für welche Lebensdauer ist das Haus geplant und gebaut?

Barkow: 30, 40, 50 Jahre.

Leibinger: Wenn man sich um das Haus kümmert, kann es sehr, sehr lange stehen. Jedes Haus braucht Pflege. Aber das ist hier nur sehr begrenzt passiert.

Barkow: Bei der Buga ging es um Wiederaneignung eines Geländes. Das Bornstedter Feld war ein Militärgebiet, ein Brachland. Die Idee war es, einen Park daraus zu machen - mit diesem Haus im Herzen. Die Biosphäre ist gebaut worden im Landschaftszusammenhang - um das Areal aufzuwerten. Es wäre unter dem Gesichtspunkt der Nachhaltigkeit eine Verschwendung, so ein Haus nach so kurzer Zeit abzureißen.

Man spricht von "grauer Energie", die in dem Haus steckt - was ist das?

Leibinger: Allein die Betonbinder, die Glasfassaden, dieser Betonwall - da steckt viel Energie drin. Graue Energie, das ist die Energie, die ich für den Bau eines Hauses brauche und dafür, es wieder abzureißen und zu entsorgen. Es gibt ja verschiedene Architektur-Haltungen. Wir aber bauen nicht für den Abriss! Wir bauen, denken, entwerfen unsere Häuser so, dass sie lange, lange stehen - so lang wie möglich. Wir setzen eben nicht darauf, anders als viele Investoren, dass sich ein Haus nach 20 Jahren gerechnet hat, genug Rendite erzielt hat und weg kann. Das finde ich ganz schlimm.

Die Stadt hat vorgeschlagen, ein Stadtteilzentrum daraus zu machen. Ist das sinnvoll?

Barkow: Es hängt davon ab, wie es gemacht wird. Es kann fantastisch oder furchtbar werden. Es ist schon richtig: Ein Gebäude funktioniert nicht 100 Jahre lang gleich, es muss sich entwickeln. Das Grundkonzept muss aber erhalten bleiben. Das heißt hier: Raum, Begrünung. Der Umbau für gemischte Nutzungen, die zum ursprünglichen räumlichen Konzept des Gebäudes nicht passen, die buchstäblich in dieses "hineingebastelt" oder mit Anbauten angefügt werden müssten, ist aus unserer Sicht keine Alternative. Es würde niemals mehr sein als ein fauler Kompromiss - sowohl für den Ursprungsbau als auch die künftigen Nutzer. Dann wäre der Abriss als letzte aller Möglichkeiten für uns Architekten zwar bitter, obendrein aus ökologischer und ökonomischer Sicht irrsinnig, aber dennoch die bessere Wahl.

Wie genau stellen Sie sich die Zukunft des Gebäudes vor?

Leibinger: Für uns ist die einzig sinnvolle Form der Umnutzung eine Rückführung der Biosphäre zu ihrer eigentlichen, ursprünglichen Funktion als Blumenhalle. Zu diesem Zweck wurde sie erbaut, hierfür ist sie ideal. Alle später hinzu gekommenen Einbauten sind aus unserer Sicht entbehrlich. Die Schönheit des Raums, die Klarheit und Einfachheit der Konstruktion, die Einbettung des Gebäudes in die typische, von Erdwällen geprägte Landschaft - zur Zeit der Bundesgartenschau 1999 waren diese Qualitäten sehr viel präsenter und stärker wahrnehmbar als zu jedem späteren Zeitpunkt.

Aber wie soll das Haus als Blumenhalle sich finanziell tragen?

Barkow: Wir sind nicht so naiv, an den wirtschaftlichen Betrieb einer Ausstellungshalle für Blumen zu glauben, wenn schon die Biosphäre subventioniert werden muss. Daher ist unser Vorschlag, die Blumenhalle kommerziell zu betreiben und mit thematisch verwandten Nutzungen "anzureichern", die zusätzlich Gäste anziehen und wirtschaftlichen Erfolg in Aussicht stellen. Wir denken an ein sieben Tage in der Woche geöffnetes Gewächshaus als Gärtnerei, Gartencenter, Baumschule und Kräutergarten. Ausgehend von dieser Idee bietet sich vor allem Gastronomie an - analog zu den erfolgreichen Markthallen in Berlin. Hier sorgen Cafés und kleine Stände mit kulinarischen Köstlichkeiten gerade an den Wochenenden für regen Betrieb. Führungen, Lehrgänge, Kurse und besondere Veranstaltungen aller Art können hinzukommen. Um die Chance eines wirtschaftlichen Erfolgs zu erhöhen, können wir uns eine Verkleinerung des Baus vorstellen - anbieten würde sich ein Teilabriss der Kalthalle auf der Westseite. So ließen sich die Fläche und damit die zu erwartenden Betriebskosten reduzieren. Der Vorteil wäre auch: Gegenüber der Nutzung als Tropenhalle könnte man die Raumtemperatur deutlich senken. Die ganze komplizierte Technik - zum Beispiel die Nebelanlage - könnte man außer Betrieb nehmen.

Würde Ihnen jetzt der Oberbürgermeister gegenübersitzen, was würden Sie ihm sagen?

Leibinger: Der Abriss wäre eine schlechte Idee - wäre er Platzeck, würde das auch nicht diskutiert. Der hat uns damals sehr unterstützt. Das Gebäude ist kein Fass ohne Boden. Mit einem überschaubaren Betrag kann man etwas daraus machen.

Barkow: Man könnte die Dachlandschaft mit Photovoltaik bestücken und die Energiebilanz verbessern.

Welchen Stellenwert hat die Biosphäre in Ihrem eigenen beruflichen Schaffen?

Leibinger: Sie ist extrem wichtig, ein Meilenstein. Unser Büro wurde 1993 gegründet und es war schnell klar, dass wir in Berlin nicht zum Zug kommen würden, weil wir eine andere Architekturauffassung hatten als der damalige konservative Senatsbaudirektor (Hans Stimmann, die Red.). Er hat uns ignoriert. Die Biosphäre war unser erster großer Wettbewerb, den wir gewonnen haben. Dass wir junge Architekten so etwas bauen konnten - diese Hügel mit den Betonbindern darüber -, das war wirklich unglaublich. Mittlerweile hat das Deutsche Architekturmuseum Frankfurt/Main das Biosphärenmodell in seine Sammlung aufgenommen -wir wollten es gar nicht hergeben, aber sie waren sehr hartnäckig. Daran sieht man, welchen Stellenwert das Haus in der deutschen Architekturgeschichte hat.

Barkow : International hat man das Haus beachtet: In Kopenhagen haben wir einen Preis gewonnen, in den USA den Preis für Progressive Architektur - das war in der Berliner Stimmann-Ära ein Statement. Der Stadt Potsdam möchten wir sagen: Niemand kennt das Haus so gut wie wir. Wir sind einfallsreich!

Interview: Ulrich Wangemann

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