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Potsdam-Buch vermeldet irrtümlich Tod von Ex-Minister

„Im Riss zweier Epochen“ Potsdam-Buch vermeldet irrtümlich Tod von Ex-Minister

Die vom Land geförderte wissenschaftliche Abhandlung „Im Riss zweier Epochen“ sorgt für neue Irritationen. Neben anderen Fehlern haben die Autoren vom Zentrum für Zeithistorische Forschungen Potsdam nun auch noch den früheren SPD-Landeschef Jochen Wolf irrtümlich ins Grab geschickt.

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Der frühere SPD-Politiker und Jochen Wolf im Jahr 2002 im Gerichtssaal.

Potsdam/Brandenburg. Jochen Wolf (75), Mitbegründer der brandenburgischen SPD, im Skandal aus dem Amt geschiedener Bauminister, später wegen Anstiftung zum Mord an seiner Ehefrau zu einer Gefängnisstrafe verurteilt, lebt. Angelika Jurchen, Pressesprecherin des Rathauses von Brandenburg/Havel, hat auf MAZ-Anfrage mitgeteilt, dass „Herr Jochen Wolf in der Stadt Brandenburg an der Havel gemeldet“ sei. Auf Nachfrage bestätigte sie am Dienstag: „Ihre Annahme ist richtig. Herr Wolf ist hier aktiv gemeldet und lebt noch.“ Auch André Wirsing, Redakteur beim Brandenburger Stadtkurier der Märkischen Allgemeinen, sagte am Telefon auf die Frage nach Wolf: „Sicher, der lebt hier ganz unauffällig.“

Laut Buch ist Jochen Wolf bereits vor zehn Jahren gestorben

Folgte man hingegen der jüngsten Publikation von Jutta Braun und Peter Ulrich Weiß, zwei Mitarbeitern des Zentrums für Zeitgeschichtliche Forschungen (ZZF) Potsdam, wäre Jochen Wolf schon lange tot. In einer Anmerkung des vergangene Woche im Haus der Brandenburgisch-Preußischen Geschichte vorgestellten Bandes „Im Riss zweier Epochen“ über „Potsdam in den 1980er und frühen 1990er Jahren“ liest man zu „Jochen Wolf (1941-2006)“: „1994 Austritt aus der SPD, 2002 Verurteilung wegen zweifacher versuchter Anstiftung zum Mord an seiner Ehefrau, 2004 Entlassung aus dem Gefängnis, 2006 erliegt er einem Krebsleiden.“

Buch hat bereits mit Fehlern für Aufsehen gesorgt

Bei dem vom Landesministerium für Wissenschaft, Forschung und Kultur sowie dem Verein der Freunde und Förderer des ZZF Potsdam geförderten Buchprojekt handelt es sich um die thematisch bislang umfassendste Recherche zu Akteuren, Institutionen und Ereignissen in Potsdam von der Vorwende- bis zur unmittelbaren Nachwendezeit: Im Vorwort ihres 540-Seiten-Buchs betonen die Autoren den „exemplarischen Anspruch“ ihrer Arbeit: Eine „historische Umbruch- und Transformationsgeschichte der ehemaligen DDR und ihrer Bezirksstädte“ stehe „noch völlig am Anfang“. Weiterer Forschungsbedarf wird klar formuliert: „Vor allem auf der Ebene regionaler Akteure offenbaren sich für die Spätphase der DDR noch blinde Flecken.“

Für Irritation sorgte schon vor der ersten öffentlichen Präsentation des Buches eine Reihe von Fehlern, die von der MAZ bekannt gemacht wurden. Zwar schreiben die Autoren in ihren „Schlussüberlegungen“: „Es fehlt eine ergänzende Sichtachse, die eher topografisch vermisst.“ Doch gerade mit der Topografie, mit Ortsbestimmungen und Bezeichnungen haben die Wissenschaftler immer wieder einmal ein Problem. Besonders erstaunt, dass Weiß im Beitrag „Traumstadt und Krise“ Defa-Filmstudios und Karl-Marx-Werk in einem „zusammenhängenden Industriegebiet“ südlich der heutigen Großbeerenstraße verortet. Nach seiner Berufsausbildung zum Kulissenmaler bis 1991 im Defa-Filmstudio – so die Vita auf der ZZF-Seite – müsste er eigentlich wissen, dass die Defa auf der anderen Straßenseite war.

Das bewegte Leben des Jochen Wolf

Der Diplom-Ingenieur Jochen Wolf war Mitbegründer der Brandenburger SPD, seit 1990 Landtagsabgeordneter, seit 1991 Bauminister im ersten Kabinett von Manfred Stolpe. 1993 musste Wolf nach einem Immobilienskandal als Minister zurücktreten. 1994 verließ er die SPD.

Jochen Wolf war viermal verheiratet. Eine Ehefrau beging Selbstmord, 1998 erschoss sich eine Geliebte. 2002 wurde er wegen zweifacher versuchte Anstiftung zum Mord an seiner letzten Ehefrau verurteilt, 2004 aus dem Gefängnis entlassen.

Über die Gründe für das angebliche Sterben des Jochen Wolf „Im Riss zweier Epochen“ aber kann man nur spekulieren. Die Daten fanden sich in einer Anmerkung zum Beitrag „Wessis in Potsdam“ von Jutta Braun. Doch die Historikerin war am Dienstag nicht für Nachfragen zu erreichen. Eine mögliche Erklärung ist eine Seite der Internet-Enzyklopädie Wikipedia über Jochen Wolf, über die die Bild-Zeitung im August 2014 unter der Überschrift „Er galt schon als tot – jetzt beichtet er sein Leben“ berichtete: „Auf ,Wikipedia’ gilt er seit 2006 als tot“, hieß es damals weiter. Allerdings hat man die Sterbenotiz zu Wolf bei Wikipedia längst entfernt. Jener Beitrag endet nun mit der Haftentlassung 2004.

Von Volker Oelschläger

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