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Potsdam Potsdam: „Eine Preußenkulisse ohne Seele“
Lokales Potsdam Potsdam: „Eine Preußenkulisse ohne Seele“
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13:31 10.06.2018
Aufstand: 250 Menschen protestierten am Alten Markt. Quelle: Christin Iffert
Innenstadt

Aufstand in Potsdam: 250 Menschen haben Samstag am Alten Markt ein Zeichen gesetzt. Die Stadt müsse für alle Schichten in der Bevölkerung lebenswert und vielfältig sein. Das ist der Konsens, weshalb sie sich vor der Kulisse der alten Fachhochschule, die vollständig entkernt und auf den letzten Abriss wartet, am historischen Platz auf den aufgeheizten Boden setzten und als Zeichen des Protests nach wenigen Minuten aufstanden.

Sagen, was stört oder wofür es sich einzustehen lohne, lautete der Aufruf der Initiatoren der Demonstration, dem Bündnis „Stadtmitte für Alle“. Die Potsdamer hatten Einiges, wofür sie an diesem Tag aufstanden: fehlende Infrastruktur, Verdrängung der Freiräume, ein zu hoher Mietspiegel, Lähmung des Wohnungsmarktes, gegen die „Arroganz und Ignoranz der Potsdamer Politiker“, für ein grüneres Potsdam, gegen tote Räume – etwa Parks, die abends geschlossen werden. „Ich bin aufgestanden, um mich wieder zu setzen. Zu widersetzen“, sagte eine Frau. Die Demonstranten applaudierten.

Einige Demonstranten hatten klare Botschaften zu Papier gebracht. Quelle: Martin Müller

2018 sei ein kritisches Jahr in Potsdam, sagte Kunsthistoriker und Mitgründer der Potsdamer Initiative ‚Kulturlobby’, André Tomczak. Man erlebe zum Beispiel den Abriss der Fachhochschule. „In Potsdam geht es nur noch um die Oberfläche“, sagte er. Minsk, Freiland, Rechenzentrum trotz Schonfrist, ebenfalls das Mercure Hotel: „aufgeschoben ist noch nicht aufgehoben.“ Also müsse man kämpfen. Grundsätzlich sei der Druck auf die Räume nicht nur in der Mitte groß. Er forderte Entscheidungsspielräume dort, wo es Entscheidern der Politik weh tue.

Jennifer Schöpf (30) lebt seit elf Jahren in Potsdam, hat mit dem Studium die Stadt lieben gelernt, eine Heimat gefunden. „Nicht nur Schlösser und Touristen machen die Stadt aus, sondern die Vereine, Initiativen, die Menschen – und die brauchen Freiräume, um sich entfalten zu können“, sagte sie, bevor sie sich auf den Boden setzte. Doch die seien bedroht, gleichzeitig würden die Menschen durch den angespannten Wohnungsmarkt an den Rand oder ganz aus der Stadt gedrängt. „Wenn man Potsdam das alles nimmt, dann bleibt nur eine Preußenkulisse ohne Seele.“ Also stehe sie auf, um für die eigenen Interessen und die ihrer Mitmenschen einzustehen.

Jennifer Schöpf lebt seit elf Jahren in Potsdam und kämpft für Freiräume in der Stadt, die das Leben erst lebenswert machen. Quelle: Christin Iffert

Eigentlich wollte Klaus Hugler (63) gar nicht mehr vom Markt aufstehen. „Doch das Schweigen und Sitzen hat mich mit dem Menschen verbunden und mit ihnen stehe ich gerne auf.“ In Potsdam, sagte er, werde alles zur Ware gemacht. Doch das Leben und der Boden diene der Allgemeinheit.

Der Babelsberger sieht die Stadt an einem Punkt angekommen, von dem man einen Countdown herabzählen müsse. Protest sei das Zeichen der Zeit, in der politische Verantwortung gefragt sei. „Verändern sich die sozialen Bedingungen in der Stadt nicht, geht das Herz der Menschen einem Infarkt entgegen“, sagte er. Allerdings müsse mancher dies erst noch erkennen.

Klaus Hugler (63) protestiert gegen Verdrängung auf dem Alten Markt in Potsdam. Quelle: Martin Müller

Dass die Politik viele Wünsche der Potsdamer nicht ernst nimmt, frustriert Heide Sinn. Die 74-Jährige war eine der ältesten, engagiert sich im Bündnis. Zwar berufe man sich innerhalb des Stadtmitte-Konzepts im darauf, dass es bereits beschlossen sei. „Die Zeit bleibt doch aber nicht stehen, sie verändert sich. Entscheidungen werden von Menschen getroffen – und genau die können sie ändern“, sagte Sinn.

Martina Junge protestierte für ein „grünes Potsdam“. Sie sagte: „Diese Stadt pflanzt hier Beton.“ Allerdings möchte sie atmen können, Pflanzen und Artenvielfalt schützen. Quelle: Christin Iffert

Von Christin Iffert

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