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Flüchtlinge ziehen am 23. November ein

Infoabend in Potsdam-Babelsberg Flüchtlinge ziehen am 23. November ein

Am 23. November ziehen die ersten Flüchtlinge in die Hallen An der Sandscholle in Potsdam-Babelsberg ein. Das gaben am Donnerstag der Oberbürgermeister und die Sozialdezernentin der Stadt Potsdam vor rund 1200 Anwohnern bekannt. Nicht alle Zuhörer gingen nach dem Infoabend beruhigt nach Hause.

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Quelle: Julian Stähle

Potsdam. Der Infoabend zur Unterbringung von Flüchtlingen am Donnerstag, 5. November, in Potsdam-Babelsberg lockte nach Angaben des Filmparks rund 1200 Menschen in die Metropolishalle. Die zunächst abgetrennte Mehrzweckhalle, die bei Großveranstaltungen bis zu 5000 Personen Platz bietet, wurde nach Eintreffen der ersten Anwohner nach hinten erweitert, um allen Interessenten einen Sitzplatz zu ermöglichen. Oberbürgermeister Jann Jakobs (SPD) und die Sozialbeigeordnete Elona Müller-Preinesberger (parteilos) standen Rede und Antwort.

So verlief der Infoabend:

OB wirbt für dezentrale Unterbringung

Der Oberbürgermeister (OB) Jann Jakobs begrüßte zu Beginn die Anwohner und entschuldigte sich zunächst dafür, dass der Infoabend zuletzt wegen des hohen Andrangs in die Metropolishalle verlegt werden musste. "Wir haben einen Grundsatz: Wir bringen die Flüchtlinge nicht in eine Einrichtung, sondern in möglichst viele kleine Einrichtungen", sagte er gleich zu Beginn. "Die Menschen brauchen eine akzeptierende Nachbarschaft", so Jakobs weiter. Im Publikum blieb es zunächst ruhig, alles lauschte gespannt den Worten des OB, der für ein friedliches Miteinander mit den Asylbewerbern warb.

Warum Leichtbauhallen?

"Zelte gehen gar nicht und wir möchten keine Turnhallen schließen", erklärte danach die Sozialbeigeordnete der Stadt, Elona Müller-Preinesberger (parteilos).

"Welche Mutter, welcher Vater nimmt sein Kind, um den Weg nach Deutschland anzutreten? Bestimmt nicht, um hier von Sozialhilfe zu leben", sagte Müller-Preinesberger. Vom Publikum gab es dafür lautstarken Beifall.

Weiterhin informierte die Beigeordnete über Deutschkurse und Willkommensklassen. An allen Standorten werden gemeinnützige Arbeiten geschaffen und Helfer aus der Nachbarschaft benötigt. Außerdem sollen die erwachsenen Flüchtlinge in Arbeit integriert werden, so das Ziel der Stadt. 

Warum so spät informiert?

Um kurz vor 18.30 Uhr bekamen dann die Anwohner die Möglichkeit, Fragen zu stellen. Eine Anwohnerin kritisierte die in ihren Augen schlechte Informationspolitik: "Wie soll Bürgernähe aussehen?" Für einen Babelsberger kommt die Infoveranstaltung viel zu spät.  

Bedenken im Umgang mit männlichen Flüchtlingen 

"Ich fühle mich in meinem Garten nicht mehr wohl", sagte einen Anwohnerin, die direkt am zukünftigen Flüchtlingsheim wohnt. Eine junge Frau äußerte Bedenken, wie der Umgang mit den männlichen erwachsenen Flüchtlingen sein wird. "Wie bringen Sie denen bei, dass hier in Potsdam Frauen auch nachts unterwegs sein werden?" 

OB Jann Jakobs versprach den besorgten Anwohnern einen gemeinsamen Vor-Ort-Besuch, um Bedenken auszuräumen.

Sicherheitsdienst ist 24 Stunden vor Ort

Frank Thomann, Fachbereich Gesundheit und Soziales der Stadt, informierte anschließend weiter über das Sicherheitskonzept: Die Hallen werden belegt mit Männern und Frauen. Allerdings räumte Thomann ein, es kämen mehr Männer als Frauen. Das Verhältnis sei 2:1. Es würden keine Familien An der Sandscholle untergebracht. 

Es gäbe kein Grund zur Angst vor männlichen Flüchtlingen, sagte Thomann. Bislang habe es keine Gewalttaten gegenüber Anwohnern gegeben. Außerdem sei der Sicherdienst 24 Stunden vor Ort. Eine Polizistin bestätigte Thomann in dieser Frage. Wenn Beamte in Unterkünfte gerufen würden, seien meist Auseinandersetzungen zwischen verschiedenen kulturellen Gruppen der Grund, nicht etwa Übergriffe auf Anwohner.

Sozialbeigeordnete: Auf Flüchtlinge zugehen

Elona Müller-Preinesberger warb um Verständnis: "Ich bin selbst Frau und habe keine Angst." Sie rief die Menschen auf, Kontakt zu den Flüchtlingen aufzunehmen, auf die Asylbewerber zuzugehen. Das helfe, um Ängste abzubauen.

Während einige Bewohner ihre Ängst vor Flüchtlingen aus muslimischen Kulturkreisen bekundeten, meldete sich auch ein mutiger Junge von der Griebnitz-Schule zu Wort: "Wie können wir als Schüler helfen?", fragte er. Eine andere Anwohnerin lud ein zum gemeinsamen Nikolausfest mit den Neuankömmlingen. "Wer Fragen zum Islam hat, kann gern auf mich zukommen", bot eine Kulturwissenschaftlerin der Universität Potsdam an.

Angst und Toleranz halten sich die Waage

Andere waren skeptisch: Akzeptieren die Flüchtlinge Zäune? Das fragte ein älterer Anwohner. Er hatte Sorge, dass Recht und Ordnung nicht eingehalten werden. Eine Mitarbeiterin der Stadt hielt dagegen: Die ankommenden Asylbewerber würden über alles einführend informiert.

Ein Potsdamer Mieter klagte indes über das Zusammenleben mit syrischen Flüchtlingen in seinem Haus. Es sei gar nicht möglich, mit den Frauen ins Gespräch zu kommen - anfangs wohnten zwei Frauen dort, Mutter und Tochter, mittlerweile gingen an die 20 Menschen dort ein und aus. "Wenn sie sich belästigt fühlen, wenden Sie sich am besten wie in allen anderen Fällen auch an Ihren Vermieter", schmetterte Elona Müller-Preinesberger die Bedenken des Mannes ab.

Bedenken vor Krankheiten

Auch das Thema Gesundheit trieb die Anwohner um. Eine Anwohnerin äußerte die Angst, Flüchtlinge brächten Krankheiten, etwa Tuberkulose, mit nach Deutschland. Die Stadt strebt eine Durchimpfung - zumindest für die Kinder der Flüchtlinge - an. Allerdings gebe es weder für Flüchtlinge noch Deutsche eine Impfpflicht, sagte Müller-Preinesberger.

"Ich habe Angst, dass wir hier nicht ernst genommen werden", sagte eine Anwohnerin mit Blick auf die Themen Gesundheit, Integration der Flüchtlinge in den Arbeitsmarkt und Umgang der männlichen Asylbewerber mit den Frauen. "Sagen sie es doch, verarscht, wir fühlen uns verarscht", rief ein Mann zornig dazwischen. Eine Mitarbeiterin der Stadtverwaltung versuchte zu beschwichtigen: "Wir nehmen Ihre Ängste tatsächlich mit und müssen gucken, dass wir Begegnungen organisieren. Wir nehmen das ernst", sagte sie. 

"Rechtsradikalismus hat in Potsdam keinen Platz", betonte zuvor Jakobs.

Wann ziehen die ersten Flüchtlinge ein?

Am 23. November sollen die ersten Flüchtlinge in den Hallen An der Sandscholle einziehen. Ab dem 18. November sind bereits Sozialarbeiter der Stadt vor Ort.

"Anwohner und Flüchtlinge könnten sich doch mal zum gemeinsamen Kochen treffen", schlug eine Babelsbergerin daraufhin vor. Dabei könnten sich alle besser kennenlernen - ein Vorschlag, der im Publikum überwiegend für Beifall sorgte. Ein Mann war anderer Meinung: "Die essen doch sowieso kein Schweinefleisch", rief er lautstark populistisch in den Saal.

Die Babelsberger sind geteilter Meinung

Während einige immer wieder ähnliche Bedenken äußern, gibt es auch viele, die die Neuankömmlinge mit offenen Armen empfangen wollen: "Warum sind sie nicht in der Lage, die Menschen mit Herz aufzunehmen und stecken Sie stattdessen in Schubladen?", mahnte ein Anwohner. 

"Ich gehe resigniert nach Hause", schimpfte eine Anwohnerin kurz vor Schluss der Veranstaltung. Sie wisse nach dem Infoabend nicht, wie das Zusammenleben mit den Flüchtlingen künftig aussehen solle. Viele Fragen blieben offen. Andere Babelsberger appellierten noch einmal an Solidarität mit den ankommenden Flüchtlingen.

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Bis zum Jahresende soll Potsdam bis zu 1600 Flüchtlinge aufgenommen haben. Die Standortsuche gestaltet sich jedoch schwierig. Gerade jetzt, wo der Wintereinbruch naht, brauchen die Menschen schnellstmöglich ein Dach über dem Kopf. In den kommenden Wochen werden daher in verschiedenen Stadtteilen Notunterkünfte für Flüchtlinge errichtet.

Unterkünfte in vier Stadtteilen

Vier Standorte wurden für die Notunterbringung ausgewählt: in der Teltower Vorstadt, in Neu Fahrland, in Drewitz und in Babelsberg. Dort fand am heutigen Donnerstagabend in der Metropolishalle erneut ein Infoabend statt, bei dem Potsdams Sozialbeigeordnete Elona Müller-Preinesberger (parteilos) die Anwohner über die Einzelheiten informierte.

Zelte für 96 Flüchtlinge An der Sandscholle

Ab morgen sollen An der Sandscholle zwei Leichtbauhallen für je 48 Flüchtlinge aufgestellt werden, ergänzt mit Aufenthalts-, Versorgungs- und Büroräumen. Einige Anwohner hatten zuletzt die Sorge geäußert, dass womöglich nur Männer dort einziehen könnten. Elona Müller-Preinesberger sicherte auf einer vorangegangenen Infoveranstaltung eine „gemischte Belegung“ zu. Die Flüchtlinge sollen in etwa drei Wochen einziehen, hieß es in der vergangenen Woche am Montag.

Wer helfen will, findet alle Infos unter www.fluechtlingshilfe-babelsberg.de

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