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„Potsdam wird nie autofreundlich werden“

Interview mit Jann Jakobs „Potsdam wird nie autofreundlich werden“

Jann Jakobs wird nicht wieder als Oberbürgermeister der Stadt Potsdam kandidieren. Im MAZ-Interview spricht er über die Verkehrssituation in der Stadt, über fehlende sowie teure Wohnungen und die Debatten zum Stadtbild.

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Der Oberbürgermeister der Stadt Potsdam gibt am 19.12.2017 der MAZ eine Jahresbilanz und den Ausblick für die Zukunft.

Quelle: Friedrich Bungert

Potsdam. Jann Jakobs (SPD) startet 2018 in sein letztes Jahr als Oberbürgermeister der Landeshauptstadt Potsdam – nach 16 Jahren. Wie schaut er auf die wachsende Stadt und ihre Zukunft? Wie muss Potsdam auf die Wachstumsfolgen reagieren? Das große MAZ-Interview zum Jahreswechsel:

Herr Oberbürgermeister Jakobs, der Potsdamer Verkehr platzt aus allen Nähten. Braucht es jetzt nicht einmal ein wirkliches Konzept – den großen Befreiungsschlag? Eine weitere Havelumgehung wäre doch eine Möglichkeit?

Wozu? Das würde nichts bringen. Wir haben gerade ganz aktuell an den Autobahnabfahrten um Potsdam herum ermittelt, wer wann in die Stadt reinfährt und wann und wo er sie wieder verlässt. Das Ergebnis spricht für sich: Nur neun Prozent der Autofahrer nutzen Potsdam als Durchfahrtstrecke, das sind die Hardcore-Autofahrer. Und für diese neun Prozent ist es Wahnsinn, eine teure Umgehungsstraße zu bauen, die wertvolle Natur zerstört. Das würde keine Entlastung bringen. 91 Prozent fahren in die Stadt hinein und wieder zurück.

Muss sich die Politik nicht trauen zu sagen: Das Limit ist erreicht – nun müssen die Bürger ihr Verhalten ändern?

Eins ist doch klar: Potsdam wird nie eine autofahrerfreundliche Stadt werden. Wer in die Innenstadt will, sollte allenfalls bis zur Stadtgrenze mit dem Auto fahren und dann in die Straßenbahn umsteigen oder in den Bus oder auf das Fahrrad. Wir setzen gerade ein 50-Millionen-Programm im Nahverkehr um, das am Ende zu verlängerten Tram-Strecken führt, wie zum Beispiel jetzt zum Jungfernsee und später nach Krampnitz. Das sind die richtigen Akzente. Und bei den Menschen setzt ja auch ein Umdenken ein.

Sollte Potsdams Innenstadt dann konsequenterweise nicht komplett autofrei werden?

Die Tendenz ist richtig, ich halte aber nicht viel von derart radikalen Lösungen.

In einem Jahr werden Sie Ihr Amt abgegeben haben. Was muss denn Ihr Nachfolger an Qualifikationen mitbringen?

Jann Jakobs: Potsdam ist eine komplexe Stadt, eine lebendige Stadt. Die kommende Oberbürgermeisterin oder der Oberbürgermeister sollte ein Händchen für die Menschen haben und sie ernst nehmen. Sie oder er muss also die Fähigkeit besitzen, die sehr unterschiedlichen Interessen zu moderieren. Es gehört aber auch dazu, dass man am Ende eine Entscheidung trifft – oft auch gegen Widerstände.

Welcher der Kandidaten, die bislang bekannt sind, erfüllt diese Anforderungen?

(lacht) Also: Zu einzelnen Kandidaten, die sich zur Wahl stellen, werde ich mich öffentlich nicht äußern.

Für ihre Partei, die SPD, gehen drei Kandidaten ins Rennen und müssen sich bis Januar erst einmal parteiintern durchsetzen. Eine Mitgliederversammlung entscheidet dann. Das hätte man auch einfacher haben können.

Das Verfahren innerhalb der SPD zur Kandidatenauswahl finde ich tatsächlich nicht optimal. Ich hätte mir ein anderes Verfahren gewünscht. Was ich aber beobachte ist, dass die Beteiligten damit sehr verantwortungsbewusst umgehen. Vielleicht fehlt ein bisschen Würze, aber das liegt auch daran, dass die Kandidaten nach einer Entscheidung weiterhin zusammenarbeiten müssen. Das diszipliniert.

Haben Sie Sorge, dass ein Nachfolger Projekte, die Ihnen wichtig waren, revidiert oder einen anderen Kurs einschlägt?

Ich bin nicht so vermessen, dass alles genauso fortgeführt werden muss, wie ich es angeschoben habe. Es wird sicher andere Akzentuierungen geben. Wichtig ist nur, dass die Grundausrichtung bleibt. Denn die Potsdamer leben gerne in dieser Stadt, das hat ja auch die jüngste Bürgerbefragung ergeben. Und: Die Verwaltung schneidet dabei nicht schlecht ab.

Klingt so, als seien Sie ganz zufrieden mit sich.

Nehmen wir das jetzt ablaufende Jahr – das war ein richtig gutes Jahr für die Stadt: Es hat im Januar furios begonnen mit der Eröffnung des Museums Barberini. Das war eine Sensation. Potsdam spielt jetzt in der ersten Liga in Sachen Kunstausstellungen mit. Das wird weltweit registriert. Wir haben – auch nach jahrelanger Debatte – das neue Freizeitbad „blu“ eröffnen können. Auch das nehmen viele inzwischen für selbstverständlich. Und nicht nur das: Der Bau der Garnisonkirche hat begonnen – und die FH wird nun zurückgebaut und damit nimmt die Mitte weiter Formen an. Das sind alles jahrelange Diskussionen, die sicher nicht vorbei sind, aber wo wir einen wichtigen Schritt vorangekommen sind.

Hat das Wachstum der Stadt Potsdam Grenzen? Schon jetzt fehlen Wohnungen, der Verkehr kommt immer öfter zum Erliegen und Kitaplätze fehlen allerorten.

Jede Stadt hat natürliche Grenzen des Wachstums. Insbesondere Familien entscheiden sich ganz bewusst für Potsdam, dadurch wird die Stadt jünger - und das ist gesund. Diese Chance muss man nutzen, ohne den Bogen zu überspannen. Nicht jede Fläche sollte mit Wohnungsbau versehen werden – wir brauchen auch öffentlich nutzbare Freiflächen.

Es wirkt aber so, als würden derzeit vor allem immer Lücken gestopft, wenn sie denn auftauchen. Bräuchte Potsdam nicht einen Wachstums-Masterplan?

Es ist nicht so, dass wir nur reagieren. Wir gestalten aktiv. Aber bei den Themen Kitas und Schulen funktionieren die Dinge oft nicht richtig – es braucht bis zu sechs Jahre bis die Einrichtungen zur Verfügung stehen. Diesen Zeitraum wollen wir in Zukunft komprimieren. Doch es ist schwer zu prognostizieren, wie viele Kinder in bestimmten Stadtteilen zu welchem Zeitpunkt leben werden. Und so müssen wir Prognosen und Planung besser miteinander abgleichen - das geschieht derzeit zu wenig. Deshalb werden wir hier im Rathaus einen neuen Arbeitsbereich etablieren und dort auch Neueinstellungen vornehmen.

Also gibt es ein neues Referat im Rathaus für den Bereich „Wachsende Stadt“?

Das kann man so sagen, ja. Wir nennen das zunächst einmal „Planungsbüro“ mit eigenen Befugnissen und allen Kompetenzen aus der eigenen Verwaltung.

Was sagen Sie einer jungen Familie, die gerne nach Potsdam ziehen möchte – doch die Wohn- und Kita-Situation völlig abschreckt. Schicken Sie die wieder weg?

Natürlich nicht. Wir versuchen immer, Lösungen für Einzelfälle zu finden. Wenn der gewünschte Kita-Platz erst einmal nicht in Wohnortnähe zur Verfügung steht, dann wird es zunächst einen anderen geben. Aber wir klotzen ja jetzt richtig ran und werden im nächsten Haushalt zusätzlich etwas drauflegen, sowohl was die Schulplätze angeht, als auch für Kitas. Aber wir stoßen auch an Grenzen, denn noch größere Investitionen kann man derzeit schlichtweg gar nicht umsetzen.

Wohnen ist in Potsdam teuer – nicht wenige empfinden es so, dass die Stadt vor allem vermögende Menschen anziehen soll. Ist das gewollt?

Wir sind einer Marktentwicklung ausgesetzt, der wir nur in begrenztem Maß entgegensteuern können. Wegen der Wohnungsnot in Berlin drängen viele Menschen in die nahen Städte und Gemeinden– eine Riesenchance übrigens für Brandenburg. Und das verschärft gerade in Potsdam die Wohnungssituation, ohne dass wir darauf Einfluss nehmen können.

Sie finden sich also damit ab?

Nein, Potsdam soll natürlich keine Stadt der Reichen werden. Ich bin glücklich, dass wir eine eigene Wohnungsbaugesellschaft haben. Sie ist hier der größte Vermieter und bietet neben den Genossenschaften preiswerte Mieten. In der Waldstadt wird gebaut – das erste Projekt im sozialen Wohnungsbau. Auch im Bornstedter Feld wird es sozialen Wohnungsbau durch die Pro Potsdam geben und wir haben weitergehende Pläne in Krampnitz. Das Viertel Behlertstraße soll saniert werden – und zwar möglichst ohne Verdrängung der alten Mieter. Dazu kommt der große Wohnkomplex am Brauhausberg. Mich würde natürlich freuen, wenn auch private Investoren den sozialen Wohnungsbau vorantreiben könnten, aber wegen der Niedrigzinsphase ist das für die wenig attraktiv.

Dennoch gelten mehr als ein Drittel der Potsdamer als wohngefährdet, weil sie ein Drittel ihres Nettoeinkommens für das Wohnen ausgeben müssen. Das muss Sie doch erschrecken.

Das ist in der Tat nicht zufriedenstellend, aber wir können uns nicht außerhalb der Rahmenbedingungen stellen. Wir nutzen die Instrumente, die wir haben, um die Situation zu verbessern.

Wann wird es besser werden?

Wir legen richtig los mit dem sozialen Wohnungsbau und das beste Mittel gegen Wohnungsnot oder teure Mieten ist eben das Bauen. Das Angebot muss vergrößert werden.

Über Architektur wird in Potsdam besonders gern diskutiert: Zuletzt ging es um die Fassade eines geplanten neuen Hotels. Sind die Potsdamer da besonders streitlustig?

Nein, das ist kein Potsdamer Spezifikum. In Berlin haben sie dieselben Debatten. Damit muss man leben, aber solche Diskussionen befördern auch eindeutig die Identifikation mit der Stadt. Nichts wäre schlimmer, als wenn die Menschen sagen würden, dass ihnen ihre Stadt egal ist.

2018 steht bevor – doch wenn wir noch weiter denken: Wie sieht Potsdam in zehn Jahren aus?

Das wäre dann im Jahr 2027. Dann wird Potsdam etwa 200 000 Einwohner haben. Wir werden neue Wohnungen gebaut haben. Die Tram-Bahnstrecke nach Krampnitz wird fertiggestellt sein, der neue Stadtteil wächst und wir werden eines gelernt haben: Rechtzeitig die Infrastruktur – also Kitas und Schulen – fertigzustellen. Auch in der Waldstadt wird die Bebauung im Jahr 2027 beendet sein. Die Potsdamer Mitte hat dann ein schönes Antlitz. Die Innenstadt wird aber nicht barockisiert sein, es wird vielfältige, moderne Architektur geben, die sich in dieses Stadtbild einfügt. Wir werden eine lebendige Mitte haben, wir werden eine Stadt sein, die sich durch ein hohes Ausmaß an Wissenschaft und Forschung auszeichnet und der Standort Golm wird ausstrahlen wie renommierte internationale Einrichtungen. Wir werden internationale Wissenschaftler hier zu Gast haben und bis dahin wird es vielleicht auch den ersten Nobelpreisträger aus Potsdam geben.

Und Ihre ganz persönliche Zukunft? Wie stellen Sie sich Ihr Leben in einem Jahr vor?

Ich werde mich dann garantiert nicht nur meinem Gärtchen widmen. Erst einmal will ich meiner Frau einen Wunsch erfüllen: Zu Beginn des Jahres 2019 werde ich mit ihr durch Afrika reisen. Und in Potsdam werde ich mir eine Aufgabe suchen, bei der ich mich sinnvoll einbringen kann. Eines kann ich ausschließen: In der Politik werde ich nicht mehr landen – weder in der Landes- noch in der Kommunalpolitik. Ich werde sicherlich nicht in der Stadtverordnetenversammlung sitzen, um mir meinen Nachfolger anzuschauen.

Von Hannah Suppa und Jürgen Stich

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