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Pöbeleien an der Uni nur die Spitze des Eisbergs?

Potsdamer Professor Detlev W. Belling von Studentin beleidigt Pöbeleien an der Uni nur die Spitze des Eisbergs?

Die sexuellen Beleidigungen einer Studentin gegenüber dem Juraprofessor Detlev W. Belling an der Uni Potsdam haben eine heftige Debatte ausgelöst. Deutschlands größtem Boulevardblatt war die von der MAZ aufgedeckte Affäre heute sogar eine Titelgeschichte wert. Laut einer Studentenvertretung sei das Prüfungswesen an der Uni "nicht sehr menschenfreundlich“.

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Viele Studenten stünden aufgrund der hohen Prüfungslast unter enormem Stress, so die Brandenburgische Studierendenvertretung.

Quelle: dpa

Potsdam. Es sei Bellings Art, sagte eine Studentin der MAZ, "in Bezug auf anstehende Prüfungen bewusst auf falsche Fährten zu locken“. Während MAZ-Leser völliges Unverständnis für die Umgangsformen der jungen Frau zeigen, stellen sich Kommilitonen hinter die Jurastudentin. Auf der Internet-Seite MeinProf.de, auf der Studenten ihre Professoren bewerten können, erzielt Belling dagegen zumindest für seine Vorlesungen durchweg sehr gute Bewertungen.

Indirekte Unterstützung erhält die Studentin von der Brandenburgischen Studierendenvertretung (Brandstuve). Das Gremium spricht für alle Studierenden im Land. “Das gesamte Prüfungswesen an der Universität ist nicht sehr menschenfreundlich“, sagt Brandstuve-Sprecher Daniel Sittler. Der an der Universität Potsdam studierende Sittler sagt: „Es gibt einen Zusammenhang zwischen sehr hoher Prüfungslast und Prüfungsversagen.“ Viele Studenten hätten Sorge, wegen einer verpatzten Prüfung zwangsexmatrikuliert zu werden. Ähnlich hatte auch die angezeigte Studentin ihren Angriff begründet. Sittler betonte weiter, seit der Umstellung des Studiums auf Bachelor- und Masterstudiengänge würden immer mehr Studierende die psychologische Beratung in Anspruch nehmen.

Ähnlich sieht es die Studentin Claudia Sprengel, die das Referat für Geschlechterpolitik beim Asta der Universität innehat. „Die Art, wie die Kommilitonin reagiert hat, ist natürlich total daneben“, räumt sie ein. Man müsse aber auch ihre mögliche Verzweiflung in Rechnung stellen. Womöglich würde eine nicht bestandene Jura-Prüfung tatsächlich zu einer ökonomischen Notlage mit baldigem Ende zum Beispiel des Bafög führen.

Laut einer Studentenvertretung sei das Prüfungswesen an der Uni "nicht sehr menschenfreundlich“.

Quelle: dpa

„Die soziale Realität, die die Studentin geschildert hat, trifft im Allgemeinen zu“, sagt Sprengel. Umgekehrt seien die Professoren von vornherein in einer Machtposition, die die Studentin mit ihrem krassen Bild vom „gefickt werden“ haben illustrieren wollen. „Mit seiner Anzeige bringt Herr Belling die Kommilitonin jetzt noch einmal in Bedrängnis.“ Der Asta halte es nicht für gut, dass Belling sich auf seiner Opferrolle ausruhe.

Sprengel beschreibt das Verhältnis von Studierenden und Professoren als überwiegend positiv.  „Mit dem Machtgefälle geht aber jeder anders um.“ Auch sei der Ton zwischen den Geschlechtern nicht anders als sonst an einer Hochschule in Deutschland. „Natürlich gibt es ab und zu Einzelfälle von verbaler Belästigung“, sagt Sprengel. Hier seien aber zumeist Frauen die Opfer. So fielen zum Beispiele Bemerkungen über die Körperformen einer Frau oder es würden Rollenklischees aufgerufen. „Das ist sehr vielfältig,“ Im Grunde sei die Universität Potsdam aber eine moderne Hochschule, die auch viel für Geschlechtergerechtigkeit tue. Die Uni Potsdam hat zum Beispiel im Hochschulentwicklungsplan vom 2008 festgeschrieben, familienfreundliche Hochschule zu werden.

Detlev W. Belling hatte Strafanzeige gegen Paula Heinrich (Name geändert) erstattet, nachdem diese ihm auf dem Klausurblatt geschrieben hatte, er habe sie mit der Prüfungsfrage „in den Arsch gefickt“  und sie würde seinetwegen in „irgendeinem Puff“ landen.

Mittlerweile lenkt Belling, Rechtsprofessor an der Universität Potsdam, ein: Er würde eine persönliche Entschuldigung der Studentin akzeptieren und seine Strafanzeige zurückziehen. „Erbarmungslos bin ich nicht“, sagte der Jurist am Mittwoch der MAZ.

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Unter dem Kollegium der Juristischen Fakultät schlägt das Bekanntwerden der Vorgänge derzeit noch keine großen Wellen. Es sind Semesterferien und der Campus ist recht leer. Universitätssprecherin Birgit Mangelsdorf macht dennoch deutlich, dass es kein Verständnis für das Verhalten der angezeigten Studentin gibt. „Wir legen hier schon viel Wert auf gute Umgangsformen“, sagt sie. Der Ausfall der Studentin sei vollkommen inakzeptabel. Ihr sei kein Fall eines ähnlich extremen Verhaltens an der Universität bekannt.

Auch Bernd Schlütter, Sprecher der Technischen Hochschule Wildau (Dahme-Spreewald) sagt, an seiner Hochschule habe es bisher noch keinen Fall von sexueller Belästigung gegeben. „Wenn es so etwas gegeben hätte, wäre das sicher bei mir aufgeschlagen“, so Schlütter, der seit elf Jahren für die Hochschule arbeitet. Die Technische Hochschule Wildau ist mit derzeit 4249 Studierenden die größte Fachhochschule des Landes Brandenburg.

Die Universitätsleitung in Potsdam hält sich weiterhin in dem gesamten Verfahren zurück. Das Strafgesetzbuch würde ihr gemäß Artikel 194 grundsätzlich als der Dienstvorgesetzten von Belling die Möglichkeit einer eigenen Strafanzeige einräumen. Davon hat das Präsidium aber ausdrücklich Abstand genommen. Eine Beleidigung kann laut Strafgesetzbuch schlimmstenfalls mit Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr oder mit einer Geldstrafe belegt werden.

Rüdiger Braun/MAZonline

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Die Universität Potsdam hat einen Skandal wegen sexueller Belästigung. Allerdings mit umgekehrten Vorzeichen. Der Lehrstuhlinhaber für Bürgerliches Recht, Detlev Belling, hat eine Studentin angezeigt, von der er sich belästigt und beleidigt fühlt.

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