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Potsdam Sieben Mal Blindgänger-Verdacht in Potsdam
Lokales Potsdam Sieben Mal Blindgänger-Verdacht in Potsdam
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02:18 11.04.2018
Einen Blindgänger zu finden, gleicht der Suche nach der Nadel im Heuhaufen – mit einem engen Raster von Bohrungen wird sichergestellt, dass nichts übersehen wird. Quelle: Peter Degener
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Teltower Vorstadt

Zwischen der Heinrich-Mann-Allee und der Kolonie Daheim läuft seit drei Monaten eine ungewöhnliche Rasterfahndung. Gesucht werden Bombenblindgänger aus dem Zweiten Weltkrieg. Die Firma Heinrich Hirdes sucht im Auftrag der Pro Potsdam das Baufeld neben und hinter dem Humboldt-Gymnasium ab, wo 750 Wohnungen entstehen sollen. Eigentlich gehören zur Spezialisierung der in Duisburg beheimateten Firma Einsätze auf dem Wasser, sogar auf dem Meer.

Ein halbes Jahr dauert die Suche mit Hilfe von 25 620 Bohrlöchern

Doch auch der rund 1,3 Millionen Euro schwere Auftrag der Pro Potsdam ist eine Herausforderung. „Für eine Landbergung ist das ein sehr großer Bereich“, sagt Kristina Kästner, die technische Leiterin der Teltower Niederlassung der Firma. 20 Mann, ein Viertel ihrer Belegschaft, sind vermutlich ein halbes Jahr damit beschäftigt, die 5,6 Hektar große Fläche zu sondieren.

Das geschieht nach einem festen Plan. Mindestens 25 620 Bohrlöcher sind nötig, um auszuschließen, dass sich noch Kampfmittel wie Granaten oder Fliegerbomben auf dem Gelände befinden. Seit drei Monaten wird täglich auf dem Baufeld mit mindestens drei Bohrgeräten gearbeitet.

Die blauen Rohre werden in den Bohrlöchern versenkt, damit sie nicht wieder zu fallen. Darin wird dann die Magnetsonde herabgelassen. Quelle: Peter Degener

Sechs Meter tief wird nach magnetischen Signalen gesucht

Die Bohrlöcher werden in einem festen Raster gesetzt – jedes Loch hat einen Abstand von 1,60 Meter zu den nächsten Bohrungen. Dadurch ergibt sich das charakteristische Muster aus zueinander versetzten Erdpyramiden an der Oberfläche. In vier Schritten wird bis auf sechs Meter Tiefe gebohrt. Mit Sonden, die in die Bohrlöcher geführt werden, sucht die Firma alle anderthalb Meter nach ganz bestimmten magnetischen Signalen.

„Es gibt hier zahlreiche Einbauten und Anomalien“, sagt Projektleiter Mathias Bölt. Alter Schrott, Metallrohre oder Stahlarmierungen von früherer Bebauung liegen seit Jahrzehnten unter der Oberfläche. Sollte eine magnetische Signatur auftauchen, die mit einem Bombentyp in der Datenbank der Firma übereinstimmt, würde das Raster verengt werden. Durch eine von der Firma Hirdes entwickelte Technik lässt sich dann sogar die „Geometrie“ des magnetischen Gegenstands – also seine Form – erkennen. „Wir können damit sehen, ob es tatsächlich eine Bombe ist oder nur ein alter Brunnenfilter, der ansonsten für viel Geld geborgen werden würde“, sagt Kästner.

Kristina Kästner und Mathias Bölt von der Firma Heinrich Hirdes aus Teltow sind für die umfangreiche Bombensuche auf dem Baugelände der Pro Potsdam verantwortlich. Quelle: Peter Degener

Bei einem Fund übernimmt der Kampfmittelbeseitigungsdienst

Wenn sich der Verdacht bei einer magnetischen Signatur allerdings bestätigt, wird der Blindgänger freigegraben. Bei einer Entschärfung oder gar Sprengung übernimmt dann der Kampfmittelbeseitigungsdienst des Landes Brandenburg um Sprengmeister Mike Schwitzke. Eine großräumige Evakuierung, wie sie zuletzt im November wegen eines Funds am Hauptbahnhof stattfand, wäre auch hier unerlässlich.

In den vergangenen zwei Monaten gab es bei der Sondierung der früheren Tennisplätze und Schulsportanlagen noch keine verdächtige Stellen, geschweige denn Treffer. Doch jetzt beginnt die Suche auf dem nordwestlichen Baufeld, wo sich das frühere Tramdepot und zu Kriegszeiten auch ein Zwangsarbeiterlager mit zahlreichen Baracken befand.

Das Luftbild entstand am 16. April 1945, zwei Tage nach dem Bombenangriff auf Potsdam. Zu sehen ist die Kolonie Daheim (o.r.), das heutige Hauptgebäude des Humboldt-Gymnasiums (unten Mitte), sowie das mittlerweile abgerissene Tramdepot mit den Baracken des Zwangsarbeiterlagers (o.l.). Man kann zudem zahlreiche Bombentrichter erkennen. Quelle: Recherche und Beschaffung Kriegsluftbild: Luftbilddatenbank Dr. Carls GmbH.

Auf dem gesamten Areal gibt es 14 Bombentrichter. Sie finden sich auf einem Luftbild, das zwei Tage nach der „Nacht von Potsdam“ – dem schweren Bombenangriff auf das Stadtzentrum am 14. April 1945 – aufgenommen wurde.

In einem alten Deckungsgraben könnte sich noch Munition befinden

Kritisch sind aber nicht die deutlich erkennbaren Trichter, sondern die kleinen „Nadelstiche“ , die nicht-explodierte Bomben beim Aufschlag hinterlassen. „Es gibt laut der Luftbildauswertung sieben Vermutungspunkte für Bombenblindgänger auf dem Gelände“, sagt Kristina Kästner. Auch die Standorte von drei sogenannten Mannlöchern und eines großen Deckungsgrabens sind bekannt. Dort könnte sich ebenfalls noch Munition befinden.

Schon 187 Bomben wurden in Potsdam seit 1990 entschärft

Etwa 10 000 Bohrungen sind mittlerweile erledigt, weitere 15 000 folgen auf dem zweiten Baufeld. Die Wahrscheinlichkeit, dass dort etwas gefunden wird, ist deutlich höher. „Wenn, dann erwarten wir das dort etwas los ist“, sagt Projektleiter Mathias Bölt. Noch bis Anfang August dauert die Suche. Bis dahin könnte im engen Raster die 188. Weltkriegsbombe in Potsdam seit der Wende gefunden werden.

Hier gibt es mehr Informationen zu „Nacht von Potsdam“ und früheren Funden von Blindgängern.

Von Peter Degener

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