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Potsdamer Uni-Skandal schlägt Wellen

Kritiker finden: Beide haben überzogen Potsdamer Uni-Skandal schlägt Wellen

Der bekannt gewordene Fall einer wegen Beleidigung von ihrem Professor angezeigten Studentin schlägt an der Universität Potsdam und bundesweit hohe Wellen. Kritiker sind der Meinung: Beide haben überzogen. Die Studentin ist derweil untergetaucht.

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Detlev W. Belling hat im Februar eine Studentin wegen Beleidigung sexueller Art angezeigt.

Quelle: K. Fritze

Potsdam. Was die MAZ am Mittwoch exklusiv berichtet hatte, war am Tag danach Titelgeschichte der „Bild“-Zeitung und wurde von Spiegel Online aufgegriffen. Während Kritiker finden, der Professor für Bürgerliches Recht, Detlev W. Belling, habe mit seiner Anzeige und dem Vorwurf der sexuellen Belästigung seine Machtposition als Professor ausgenutzt, sind die Leser der MAZ vor allem über den krassen Ton empört, den die Studentin der Rechtswissenschaft angeschlagen hat.

Statt Anfang Februar die vorgegebene Aufgabe zum Thema Schuldrecht zu lösen, hatte die Jura-Studentin Paula Heinrich (Name geändert) in der Klausur geschrieben: „Ich möchte mich hiermit bei Ihnen bedanken, dass Sie mich so sehr in den Arsch gefickt haben.“ Belling und sein Kollege trieben sie „in die Prostitution, weil ich sonst nichts anderes kann und ich mir ein Studium nicht mehr leisten kann, da im 4. Semester mein Anspruch auf Bafög wegfällt“. Als Grund für die Schmähungen gab sie an, dass das Schuldrecht im Vorfeld als Prüfungsthema ausgeschlossen worden sei. Belling hat Strafanzeige bei der Staatsanwaltschaft Potsdam eingereicht. Er fühle sich auch sexuell belästigt.

Ein Professor in Potsdam hat seine Studentin verklagt, nachdem diese ihm wüste Beleidigungen auf ein Klausurblatt geschrieben hatte. Nun schlägt der Vorfall Wellen. Die MAZ hat sich auf dem Campus umgehört: Das denken Potsdamer Jura-Studenten über den Skandal.

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Eine Leserin der MAZ zeigte sich am Telefon fassungslos ob des Tons und wies darauf hin, dass Heinrich ihr Studium überwiegend vom Staat finanziert bekomme. Ein Student teilte dagegen mit, er wisse aus „persönlicher Erfahrung“, dass Belling „bewusst und gezielt“ Studierende vor Prüfungen in die Irre führe. Eine Studentin ist sich sicher, dass ihre Kommilitonin nur „die Spitze des Eisbergs“ sei und weitere Studenten von den Professoren „verarscht“ wurden. Beide Studenten wollten aus Sorge vor Konsequenzen an der Uni anonym bleiben.

Indirekte Unterstützung erhält die angezeigte Studentin von der Brandenburgischen Studierendenvertretung (Brandstuve). „Das gesamte Prüfungswesen an der Universität ist nicht sehr menschenfreundlich“, sagt Brandstuve-Sprecher Daniel Sittler. Der an der Uni Potsdam studierende Sittler meint: „Es gibt einen Zusammenhang zwischen sehr hoher Prüfungslast und Prüfungsversagen.“ Immer mehr Studierende nähmen psychologische Beratung in Anspruch.

Viele Studenten stünden aufgrund der hohen Prüfungslast unter enormem Stress, so die Brandenburgische Studierendenvertretung.

Quelle: dpa

Dass Belling mit seiner Anzeige überzogen haben könnte, findet die für Geschlechterpolitik zuständige Referentin beim Asta der Universität, Claudia Sprengel. Professoren stünden in einer höheren Machtposition als Studenten. „Mit seiner Anzeige bringt Herr Belling die Kommilitonin jetzt noch einmal in Bedrängnis.“Allerdings betont sie auch, dass sie im Allgemeinen das Verhältnis zwischen Studierenden und Dozenten an der Universität als gut einschätze. Die Hochschule bemühe sich auch um Gleichberechtigung.

Der Vorsitzende der studentischen Partei RCDS Potsdam, Matthias Kaiser, nennt zwar das Verhalten Heinrichs „nicht hinnehmbar“, findet aber auch, Belling sei zu weit gegangen: „Ihr Schreiben verdient Konsequenzen, aber ob dies strafrechtlicher Natur sein muss, soll an dieser Stelle bezweifelt werden“, so Kaiser.Vielmehr lasse die überzogene Reaktion vermuten, dass die Studentin dringend Hilfe brauche. Er mache tolle Vorlesungen und sei ein „fairer Mensch“. Jura sei ein „hartes Brot“ und es komme öfter vor, dass ein Prüfling nicht über alle Details der Prüfung Bescheid wisse.Auf der Internetseite „Meinprof.de“, wo Studierende ihre Dozenten bewerten können, erhält der Professor für seine Vorlesungen fast durchweg die Note eins.

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Auch die Gleichstellungsbeauftragte der Universität, Barbara Schrul, stellt sich vor Belling. Die Studentin habe „eine Grenze überschritten“. Gerade Belling verdiene solche Worte nicht, da er sich an seiner Fakultät sehr für Frauenrechte einsetze.

Auf den Weg eines regulären Einspruchs gegen ungerechtfertigte Prüfungen verweist der Dekan der Juristischen Fakultät, Tobias Lettl. Der betonte auch: „Niemand wird herausgeprüft.“ Das Wissenschaftsministerium teilt mit, dass Jurastudenten sich auch schon auf dem Klageweg versuchten, Recht bei Prüfungen zu verschaffen.

An anderen Hochschulen Brandenburgs sind ähnliche extreme Fälle von Beleidigung nicht bekannt geworden. Der Sprecher der Technischen Hochschule Wildau (Dahme-Spreewald), Bernd Schlütter, teilt mit: „Wenn es so etwas gegeben hätte, wäre das sicher bei mir aufgeschlagen.“ Auch die Referentin des Präsidenten der Fachhochschule Potsdam (FHP), Angela Bernasch, sagt: „Uns ist kein solcher Fall an unserer Hochschule bekannt“.

Einspruch bis zur Klage

  • Die angezeigte Studentin hätte andere Möglichkeiten gehabt, sich gegen eine mögliche ungerechte Behandlung zu wehren.
  • Bei allgemeinen Fragen zum Prüfungsrecht ist die Prüfungsrechtsberatung der Studierendenvertretung eine erste Anlaufstelle der Studenten. Der Asta der Universität Potsdam hat zum Beispiel seit 2009 ein sehr gut ausgebautes Beratungsangebot. In wirklich schweren Fällen hilft es Studierenden auch eine Rechtsanwältin oder einen Rechtsanwalt einzuschalten.
  • Ein offizielles Instrument innerhalb der Universität ist die Remonstration. Bei dieser legt eine Studentin oder ein Student Widerspruch gegen eine bestimmte Note ein. „So etwas kommt schätzungsweise bei 100 Arbeiten fünfmal vor“, sagt der Dekan der Juristischen Fakultät, Tobias Lettl. Manchmal liege der Korrektor wirklich nicht richtig in der Einschätzung einer Prüfung. „Es kommt aber mindestens genauso oft vor, dass die Remonstration unbegründet ist.“
  • Eine Stufe höher angesiedelt ist der Gang zur Fakultätsleitung. Dort kann ein Student beim Studiendekan oder beim Dekan einer Fakultät Beschwerde gegen eine ihm ungerecht erscheinende Prüfung einlegen.
  • Die letzte Instanz, die Studierende einschlagen können, ist die Klage vor dem Verwaltungsgericht. Laut Brandenburgischem Wissenschaftsministerium haben gerade Studierende der Juristischen Fakultät schon mehrmals versucht, sich auf diesem Weg Recht zu verschaffen.
  • Die Zwischenprüfung an der Juristischen Fakultät findet in der Vorlesungszeit in Form von Klausuren zu den Grundlagenfächern statt. Geprüft wird der Stoff, der in den Lehrveranstaltungen der ersten drei Fachsemester gelehrt wurde. Hat ein Student oder eine Studentin eine bestimmte Prüfung nicht bestanden, kann sie zweimal wiederholt werden.

Die angezeigte Studentin scheint nach dem Wirbel der vergangenen Tage abgetaucht zu sein. Nach Auskunft von Nachbarn hat sie ihre Wohnung in Potsdam verlassen. RCDS-Vorsitzender Matthias Kaiser: Das Vorgehen der Studentin stellt eine Überreaktion dar, auf die der Professor ebenso überzogen reagierte. Offensichtlich handelt es sich hier um eine junge Frau, die der Hilfe und Beratung bedarf und der Überlegung, ob der akademische Weg der beste für sie ist. Ob sie noch mal an die Uni zurückkehrt, ist fraglich. Belling, selbst hatte der MAZ gesagt, er würde seine Strafanzeige vielleicht zurückzuziehen, sollte sich die Frau persönlich entschuldigen „Erbarmungslos bin ich nicht“, sagte der Jurist.

Von Rüdiger Braun und Odin Tietsche

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