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Potsdam ist mit Ärzten überversorgt– sagen Ärzte

Lange Wartezeiten Potsdam ist mit Ärzten überversorgt– sagen Ärzte

Es ist eine spürbare Kluft: Fragt man die Potsdamer, gibt es nicht genügend Haus- und Fachärzte, die Wartezimmer gelten als überfüllt. Die Kassenärztliche Vereinigung spricht jedoch von einer Überversorgung in allen Bereichen – bis auf zwei fehlende Kardiologen.

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Viele Patienten müssen lange Wartezeiten in Kauf nehmen.

Quelle: dpa

Potsdam. Hat Potsdam eigentlich ausreichend Ärzte oder mangelt es an Haus- und Fachärzten? Die MAZ fragte nach.

Wer entscheidet, wo ein Arzt arbeiten darf?

Jeder Arzt kann prinzipiell frei wählen, wo er sich niederlassen möchte – das sieht das Grundgesetz vor. Allerdings gibt es Einschränkungen für all jene Ärzte, die ambulant gesetzlich versicherte Patienten behandeln möchten – sogenannte Vertragsärzte. Hier gibt die Bedarfsplanung der Kassenärztlichen Vereinigungen (KVBB) vor, ob man sich als Vertragsarzt in einer Region niederlassen darf oder ob dort bereits genug Ärzte eine Praxis betreiben.

Gibt es statistisch gesehen in Potsdam ausreichend Ärzte?

Rein rechnerisch-statistisch hat Potsdam laut der Kassenärztlichen Vereinigung Berlin Brandenburg (KVBB) eine sehr gute Versorgung.

Wie viele niedergelassene Ärzte arbeiten in der Stadt?

Zur Zeit arbeiten 505 Ärzte in der Stadt, davon sind 355 selbstständig mit eigener Zulassung und 150 angestellt. Hinzu kommen 32 Ärzte, die für eine ambulante Spezialbehandlung ermächtigt sind.

Wie viele Bewohner kommen auf einen Hausarzt – und was wäre in dieser Hinsicht der Bundesvergleich?

Auf 171.597 Einwohner (Stand 31. Dezember 2016) kommen 111,5 Ärzte. Das bedeutet, ein Hausarzt betreut 1538 Einwohner. „Das ist eine gute Quote“, sagt Christian Wehry von der Kassenärztlichen Vereinigung. Hinzu komme, dass Potsdam eine junge Stadt ist: „Die Menschen gehen nicht so oft zum Arzt und ihre Besuche sind nicht so behandlungsintensiv – das macht die Arbeit für die Ärzte relativ einfach.“ Im Bundesdurchschnitt betreut ein Hausarzt 1586 Einwohner. Die Potsdamer Bedarfsplanung lässt sogar 1694 Einwohner pro Arzt zu. In diesem Jahr wird die KVBB für das wachsende Potsdam voraussichtlich 1,5 Versorgungsaufträge im hausärztlichen Bereich neu schaffen. „Ein besonderes Augenmerk haben wir dabei auf den schnell wachsenden Potsdamer Norden gelegt“, sagt Wehry.

Wie gut ist Potsdam mit Fachärzten versorgt?

Die Versorgung ist laut KVBB „in allen Fachrichtungen eine sehr, sehr gute“. Die KVBB rechnet mit Versorgungsgraden und Planbezirken. Bei 100 Prozent spricht die KVBB von einer vollkommen ausreichenden Versorgung. Ab 110 Prozent sind weitere Niederlassungen in dem betreffenden Gebiet nicht ohne Weiteres möglich. „Potsdam liegt überall über der 110-Prozent-Marke“, sagt Christian Wehry. „Man könnte schon fast von einer Überversorgung reden.“ Die Gynäkologen liegen demnach mit 110 Prozent genau im Plan. Bei den HNO-Ärzten sind es laut KVBB 116 Prozent; in der Chirurgie 188, in der Orthopädie 127,3, bei den Augenärzten 123,3, bei den Psychotherapeuten 137,7 und bei den Psychologen 120,9. Die Hausärzte liegen bei 110,3 Prozent.

Welches Potsdamer Gebiet hat die höchste Hausarztdichte, welches die geringste?

Die höchste Dichte hat die nördliche Innenstadt mit 25 Hausärzten auf die jeweils 515 Einwohner kommen. Es folgt Neu Fahrland mit zwei Ärzten, die rein rechnerisch jeweils auf 775 Einwohner kommen. Dahinter rangiert Babelsberg Süd mit 13 Ärzten für jeweils 934 Einwohner. Die schlechteste Quote hat Eiche, wo es einen Hausarzt für 5304 Einwohner gibt.

Wie verhält es sich mit der Praxisauslastung?

„Die Praxen sind alle voll“, sagt Christian Wehry. „Jede Praxis, die wir haben, ist versorgungsrelevant – die Ärzte arbeiten alle am Limit.“ Vor allem Kardiologen sind demnach „vollkommen ausgebucht“. Wehry: „Wir könnten ohne Weiteres sagen, dort herrscht Sonderbedarf, wir brauchen mehr Kardiologen. Das muss man im Zulassungsausschuss, einem unabhängigen Gremium aus Vertretern der Ärzteschaft und der Krankenkassen, behandeln.

Wie viele Ärzte erreichen demnächst das Rentenalter?

99 von 505 niedergelassenen und angestellten Ärzten (19,6 Prozent) sind 60 Jahre alt und älter.

Wie viele Ärzte sind bereits älter als 65?

Das sind derzeit exakt 32, also 6,3 Prozent.

Darf ein Hausarzt einen Patientenaufnahmestopp verhängen?

Im Notfall muss ein Arzt immer handeln. Ansonsten ist er gemäß Berufsordnung der Ärztekammer frei, eine Behandlung abzulehnen. Es liegt also im Ermessen des Arztes, ob er neue Patienten abweist. Das passiert zum Beispiel, wenn die Praxiskapazitäten ausgeschöpft sind. Christian Wehry wirbt um Verständnis: „Niemand will wie am Fließband behandelt werden.“ Das Problem ist die Deckelung der Kosten. In der Praxis hat ein Arzt pro Quartal einen bestimmten Betrag von den Kassen zur Verfügung. Mehr darf er nicht ausgeben – oder er zahlt es aus eigener Tasche. Deswegen nehmen besonders gefragte Ärzte keine neuen Patienten mehr an. Nicht, weil sie die nicht betreuen könnten, sondern weil sie dafür mit Einkommenseinbußen bestraft würden. „Die Fachärzte bekommen rund 85 Prozent der Arbeit, die sie erbringen, wirklich vergütet“, sagt Christian Wehry. „Vertragsärzte in Brandenburg arbeiten mehr als in allen anderen Bundesländern. Das Klischee, dass ein Arzt nur 20 Prozent der Woche arbeitet und den Rest auf dem Segelboot verbringt, trifft in Brandenburg nicht zu.“

Was können Patienten unternehmen, die keinen Haus- oder Facharzt finden?

Sie können auf die Website der KVBB gehen – dort liefert eine Arztsuche schnell und einfach auf einen Blick nebst Kontaktdaten, wer wann Sprechstunde hat. Die Terminservicestelle der KVBB unterstützt Patienten bei der Vermittlung eines Facharzttermins und ist Montag und Freitag von 9 bis 12 Uhr, Dienstag und Donnerstag von 9 bis 11 Uhr sowie von 13 bis 15 Uhr und am Mittwoch von 12.30 bis 15.30 Uhr unter 0331/98 22 99 89 zu erreichen. „Bei planbaren Untersuchtungen wie Vorsorge, Check-up und Impfen müssen Patienten akzeptieren, dass es nicht sofort klappt und auch mal drei Monate Wartezeit entsteht“, sagt Christian Wehry. „Wir sehen bei den Patienten auch ein gesteigertes Anspruchsverhalten – alles in unserer Gesellschaft ist direkt verfügbar, nur der Arzttermin nicht.“ Der ärztliche Bereitschaftsdienst ist unter der bundesweit einheitlichen Rufnummer 116 117 zu erreichen. Er hilft bei Erkrankungen wie anhaltendem Brechdurchfall oder Erkältungen mit Fieber höher als 39 Grad Celsius, mit denen man normalerweise einen Arzt in einer Praxis aufsuchen würde. In lebensbedrohlichen Fällen ist der Rettungsdienst unter der Notrufnummer 112 zu alarmieren.

Von Nadine Fabian

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