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Potsdam Potsdam in den 1980er und frühen 90er Jahren
Lokales Potsdam Potsdam in den 1980er und frühen 90er Jahren
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09:37 15.03.2017
Zehntausende Potsdamer demonstrierten am 4. November 1989 für Reformen, Meinungsfreiheit und gegen die Staatssicherheit. Quelle: Foto: Archiv
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Potsdam

„Im Riss zweier Epochen“ ist der Titel einer mit Anhang 540 Seiten umfassenden wissenschaftlichen Untersuchung zu „Potsdam in den 1980er und frühen 1990er Jahren“, die am Donnerstag im Haus der Brandenburgisch-Preußischen Geschichte vorgestellt wird. Die Autoren Jutta Braun und Peter Ulrich Weiß waren Herausgeber des 2014 erschienenen Sammelbandes „Agonie und Aufbruch. Das Ende der SED-Herrschaft und die Friedliche Revolution in Brandenburg“.

„Die ostdeutsche Revolution von 1989/90“, so heißt es in der Einleitung des neuen Buchs, „war vieles: überraschend, gewaltarm, protestantisch, demokratisch, national ... Doch in ihren entscheidenden Momenten war sie vor allem eines: ein städtisches Ereignis.“ Die auf Potsdam konzentrierte Untersuchung besitze „auch exemplarischen Charakter“, heißt es mit Verweis auf die parallelen Ereignisse in anderen DDR-Bezirksstädten.

Die Stadtverordnetenversammlung tagte zeitweise im Restaurant „Zum Kahleberg“ in Waldstadt II. Quelle: MAZ/Archiv

Angekündigt ist das „Panorama einer vielgestaltigen Stadtgesellschaft im Wandel, in der sich mit dem politischen Wandel auch das Lebensgefühl fundamental veränderte“. Weiß schreibt von einem „multiperspektivischen Zugang“, „empirischen Tiefenbohrungen“ und „zum Teil collageartigen Strukturen“: „Stadt und Gesellschaft werden zu einer Gesellschaftsgeschichte des Lokalen verknüpft.“

Die nach dieser Einführung zu erwartende dichte, packende, mit Anekdoten gespickte Erzählung gelingt den Autoren teilweise. So im Kapitel „Kino und Krise – Filmstadt Babelsberg als Ort künstlerischer und politischer Unruhe“, in dem der Regisseur Andreas Dresen im Mai 1989 nach einer Paris-Reise in einem Wandzeitungsartikel fragt: „Wie lange können wir uns verschließen vor der Welt?“

Oder im Kapitel „Störsignale aus kulturellen Leuchttürmen“, in dem auch der bekannte Theaterskandal um die im Mai 1989 nach drei Aufführungen abgesetzte Satire „Revisor oder Katze aus dem Sack“ um eine weitere Episode bereichert wird: Der wütende SED-Bezirkschef Günther Jahn drohte dem Intendanten Gero Hammer, die Grube für den Theaterneubau am Alten Markt zuschütten zu lassen.

Reißwölfe in der Stasi-Zentrale an der Hegelallee. Quelle: Frank Buschner

Man erfährt, dass bei der gewaltsamen Räumung der Demonstration vom 7. Oktober in Klement-Gottwald- (heute Brandenburger) und Friedrich-Ebert-Straße ausgemusterte Wasserwerfer und Transporter der West-Berliner Polizei zum Einsatz kamen und dass auch der Sohn von SED-Bezirkschef Jahn unter den von der Volkspolizei Verhafteten war.

In der Chronologie der Ereignisse, den Porträts der unterschiedlichsten Oppositionsgruppen und den Exkursen über Geschehnisse im Umland klingt immer wieder die Struktur des 1990 von den Bürgerrechtlern Reinhard Meinel und Thomas Wernicke vorgelegten Recherchebandes „Mit tschekistischem Gruß ... Berichte der Bezirksverwaltung der Staatssicherheit / Potsdam ’89“ an, der nach Einschätzung von Jutta Braun „bis heute ein Standardwerk für die historische Forschung zu Potsdam geblieben“ ist.

Zu den herausragenden Kapiteln zählt auch der Beitrag über die Emanzipation der Stadtverordneten im November 1989 mit dem Beschluss über einen Abrissstopp für die historische Innenstadt und ersten Debatten um den Betrug zur Kommunalwahl vom 6. Mai 1989. Zu den Eigenheiten Potsdams zählte später zur Kommunalwahl vom 6. Mai 1990 mit 16,34 Prozent für Neues Forum/Argus eines der DDR-weit besten Wahlergebnisse der Bürgerbewegung. Schließlich wurde aus der „roten Bezirksstadt“, so die Autoren, „die einzige sozialdemokratisch geführte Landeshauptstadt in Ostdeutschland“.

Am Tag nach der Maueröffnung bildete sich vor dem Volkspolizeipräsidium eine Wartenschlange, Potsdamer holten sich vor der Fahrt nach West-Berlin Visa-Stempel Quelle: Christian Elsner

Zum Problem für den Leser wird der gelegentlich sprunghafte Wechsel aus der kommunalpolitischen Ebene hin zur Bezirks- oder später auch zur Landesverwaltung. So findet man im Kapitel „Von der Akklamation zur Selbstverwaltung – Kommunalpolitik im Umbruch“ ersatzweise einen längeren Beitrag zum Runden Tisch für den Bezirk Potsdam. Man muss blättern, bevor man an anderer Stelle die Erklärung findet, dass „über die Tätigkeit und Zusammensetzung des Runden Tisches der Stadt ... kaum etwas überliefert“ sei: „Die Akten ... sind verschollen.“

Eine absolute Enttäuschung ist das Kapitel „Wessis in Potsdam“, das sich ausschließlich mit der Aufbauhilfe auf Landesebene befasst. Wer etwa nach stadtbildprägenden personellen West-Importen sucht wie Peter von Feldmann und Richard Röhrbein (beide Stadtentwicklung), Andreas Kalesse (Denkmalpflege), Jann Jakobs (Jugendamt, heute Oberbürgermeister) oder Helmut Knüppel (Gründungsrektor Fachhochschule Potsdam), der sucht vergebens.

Auf dem Gelände des einstigen Karl-Marx-Werkes prangt immer noch eine Losung zur Erfüllung des Fünfjahrplans. Quelle: Bernd Gartenschläger

Zu den strukturellen Mängeln der Arbeit zählt der Verzicht auf ein eigenes Kapitel für die Wirtschaft. Zwar heißt es eingangs, ein „enzyklopädischer Anspruch“ werde „nicht erhoben“. Das Aus großer Industriebetriebe wie des Karl-Marx-Werks in Babelsberg oder des Reichsbahn-Ausbesserungswerks wäre für eine „Gesellschaftsgeschichte des Lokalen“ aber sicher relevant. Die Treuhandanstalt findet in der Untersuchung überhaupt nur zweimal Erwähnung: Im Kapitel über die Defa und im Kapitel „Wessis in Potsdam“ mit dem Verweis auf eine „PDS-nahe Geschichtsschreibung..., die Treuhand habe eine blühende DDR-Wirtschaft ruiniert“.

Erstaunlich ist eine Anzahl von Fehlern bei Ortsbestimmungen, Bezeichnungen und Namen, die vielleicht in der zweiten Auflage korrigiert werden. Das Bild „Zerfallende Altbausubstanz in der Gutenbergstraße“ zeigt die spätere Kunstfabrik in der Hermann-Elflein-Straße, das Kulturzentrum „Drushba“ stand nicht in der Waldstadt, das Jugendfreizeitzentrum „im gleichnamigen Neubauwohngebiet“ hieß nicht „Schlaatz“, sondern „Alpha“, „Chicoree“ und „Silly“ waren mitnichten Punkbands, obwohl sie in dem Film „Flüstern und Schreien“ – laut Weiß ein „Filmporträt ostdeutscher Punkbands“ – mitspielten. Die Potsdamer Punkband mit Geili am Bass hieß nicht „Dilletanten“, sondern „Litertanten“, und die Potsdamer Antifa habe sich nie als „Anti-Skin-Front“ bezeichnet, wie eines der Gründungsmitglieder auf MAZ-Anfrage beteuert: „Die Stasi hat uns so genannt.“

Einen für wissenschaftliche Arbeiten ungewöhnlichen Kniff fanden die Autoren für Personen ohne Vornamen. Die Chefin der staatlichen Kulturhäuser Dorothea Stahnke-Jungheim heißt in dem Buch „Genossin Stanke-Jungheim“, Joachim Berger, Abteilungsleiter Kultur beim Rat des Bezirks, heißt mal „Dr. Bergner“, mal „Genosse Berger“. Schließlich gibt es Passagen, denen mehr Kühle gut täte. So liest man zum Theaterneubau am Alten Markt: „Im Moment des Diktaturzerfalls im Herbst 1989 brannte sich der Gebäudetorso umso stärker in die Optik der revoltierenden Einwohnerschaft ein, deren Protestzüge immer wieder daran vorbeiführten.“

Info Buchvorstellung im HBPG, Am Neuen Markt 9, am Donnerstag um 19 Uhr. Anmeldung erbeten unter anmeldung.potsdam@fes.de oder per Fax über 0331/275 88 18.

Von Volker Oelschläger

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