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„Potsdam ist einfach schön“

Die Alten entdecken Potsdam für sich „Potsdam ist einfach schön“

Harald Simons forscht zu Bewegungen bestimmter Altersgruppen innerhalb Deutschlands. Für Potsdam kann er bemerkenswerte Ergebnisse vorlegen. Nicht nur die Jungen lieben die Havelmetropole, sondern auch die Alten. Die Gründe sind vielfältig.

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Prof.Dr. Harald Simons

Quelle: Privat

Potsdam. Harald Simons im Exklusivinterview mit der MAZ. Er untersuchte das neue Wanderungsverhalten bestimmter Altersgruppen.

Herr Simons, hat Schwarmstadt etwas mit „schwärmen für eine Stadt“ zu tun?

Harald Simons: Nicht nur. Vor allem ist es an den Vogelschwarm angelehnt. Menschen, die wie Vögel aufsteigen und gemeinsam in eine Stadt oder bestimmte Stadtteile fliegen. Es hat aber auch etwas mit Schwärmen zu tun. Warum ziehe ich nach Berlin? Es hat immer etwas mit dem Ruf der Stadt zu tun.

Was sind Gründe dass Potsdam eine Schwarmstadt ist?

Simons: Potsdam ist einfach schön, liegt nicht in einem Talkessel, ist nicht eng, klein und laut. Es hat auch keine alten Industriebrachen. Es ist vielmehr eine landschaftlich attraktive Residenzstadt. Prachtvolle Gebäude wie der Landtag sind absolut förderlich.

Was sind die klassischen Kennzeichen solch einer Stadt?

Simons: Dass da viele Gleichaltrige sind, ist der Hauptgrund. Ich nenne das Zusammenrottung. Betrachten wir zum Beispiel die Jüngeren denken viele, die Anwesenheit einer Universität wäre das bestimmende Kriterium, aber nein. Es ist notwendig aber nicht hinreichend. Die Universitätsstadt Siegen ist zum Beispiel keine Schwarmstadt. Studentenorganisationen, Studentenkneipen und ähnliches. Da muss eine lebendige Szene sein. Die Masse von allem ist der Schlüssel.

Welche Rolle spielen Arbeitsplätze?

Simons: Fast keine. Das war eine der zentralen Erkenntnisse der Studie. Es entstehen Jobs und die Leute kommen? Nein! Ein Missverhältnis aus Jobangebot und Nachfrage löst sich dann auf im Pendelverkehr den eine Stadt hat. Die Leute pendeln zum Arbeiten in die Stadt, wollen dort aber nicht wohnen.

Was wird der Trend für Potsdam sein?

Simons: Schwarmverhalten ist eine sich selbst verstärkende Wirkung. Der Wille zur Zusammenrottung ist ausschlaggebend. Also noch mehr Alte und noch mehr junge Leute für Potsdam.

Wer hat den Begriff erfunden?

Simons: „Ich war’s“ muss ich da wohl sagen.

Ist „Schwarmstadt“ ein Begriff unter Wissenschaftlern oder hat er sich schon darüber hinaus durchgesetzt?

Simons: Es gab ein Dossier in der ZEIT und bei anderen Zeitungen. Es setzt sich gerade über die Medien durch. Es ist halt ein schöner Begriff, der ein Bild transportiert. Auf wissenschaftlichen Kongressen hört man den Begriff aber durchaus auch.

Seit wann gibt es dieses Phänomen?

Simons: Wir sehen das seit Ende 2008. Zu sehen sind dabei Wanderungen der 70er-Generation. Das sind die ersten Schwärmer nach dem Pillenknick. In dieser Zeit sind durch eine Veränderung im Denken der Menschen weniger geboren worden. Und das ist erstaunlich, denn normalerweise gibt es nicht so krasse Knicks in demographischen Entwicklungen.

Wer hat Sie beauftragt und was war der Hintergrund?

Simons: Der Bundesverband deutscher Wohnungs- und Immobilienunternehmen e.V. (GDW) und was den Hintergrund angeht lässt sich folgendes sagen: Die Zahlen und Prognosen von denen stimmten nicht mehr. Alles ergab auf einmal keinen Sinn mehr. Plötzlich war die Wohnungsnachfrage in bestimmten Regionen riesig und in anderen fast null. Es war also ein Erkenntnisinteresse der GDW.

Wie sind Sie vorgegangen?

Simons: Wir haben geschaut wer nach Potsdam zieht und dabei die Daten der Einwohnermeldeämter verwendet. Neu war die Verwendung von Kohorten; das heißt alternder Altersgruppen. Dabei wird die Alterung der Menschen über den Untersuchungszeitraum mit betrachtet. Es gab auch keine Befragung, denn davon halte ich nicht viel. Es war quasi eine Vollerhebung.

Wie wirkt sich die Nähe zur Schwarmstadt Berlin auf die Ergebnisse aus?

Simons: Potsdam profitiert von der Nähe zu Berlin. Für Junge ist das „Berghain“ schnell erreichbar und für Ältere die Oper. Alles was man ab und an mal braucht und möchte, aber in Potsdam nicht vor Ort ist, ist in Berlin zu finden.

Gibt es dieses Phänomen auch in anderen Ländern?

Simons: Bestimmt. Geben Sie mir Geld und ich untersuche es Ihnen. - Das gleiche würden wir auch in Paris oder London finden. Mit Deutschland vergleichbar wäre Italien. Denn auch hier gibt es mehrere interessante Städte wie Mailand oder Turin, also eine Multizentralität.

Was gibt es aus Ihrer Sicht für Potsdam zu hoffen?

Simons: Läuft doch gut. Lebe ich lieber in einer Stadt mit Wachstumsschmerzen wie steigenden Mieten oder lieber in einer ausblutenden Stadt, aus der alle wegziehen? Sich über hohe Mieten zu beschweren, ist Jammern auf hohem Niveau. Lieber über Wohnungsnot diskutieren als über das Ausbluten von ganzen Landschaften. Die Mietpreisbremse verstärkt dieses Ausbluten im Übrigen.


Von Ildiko Röd und Mathieu Krause

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