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Potsdam Potsdam zeigt Flagge gegen Unterdrückung
Lokales Potsdam Potsdam zeigt Flagge gegen Unterdrückung
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03:37 13.03.2018
Tibet-Initiative Potsdam: Horst Furtner und Gerit Dieter. Quelle: Rainer Schüler
Potsdam

Aus Solidarität mit dem gewaltlosen Widerstand der Tibeter gegen die chinesische Besatzung wird auch dieses Jahr wieder die tibetische Flagge vor dem Stadthaus Potsdams aufgezogen. Seit 2018 gibt es diesen offiziellen Akt der Landeshauptstadt, beschlossen von den Stadtverordneten. Ab Freitag erinnert die Flagge mit den beiden Schneelöwen und der aufgehenden Sonne einige wenige Tage an den tibetischen Volksaufstand vom 10. März 1959 und die Unterdrückung der kulturellen und politischen Selbstbestimmung des tibetischen Volkes, dessen Flagge in China verboten ist und dessen Regierung im indischen Exil sitzt, dann erlischt das öffentliche Interesse wieder. Einzig das Legen komplizierter Sand-Mandalas durch tibetische Mönche aus indischen Klöstern sorgt Jahr um Jahr nochmal für Aufmerksamkeit in Potsdam.

Seit rund zehn Jahren wird vor dem Haus der Stadtverwaltung die exotische Flagge Tibets aufgezogen, ein Zeichen der Solidarität mit den Tibetern, dessen Land seit fast 60 Jahren durch China besetzt ist, dessen Kultur verfälscht und dessen Traditionen unterdrückt werden. Die tibetische Regierung und der Dalai Lama als geistliches Oberhaupt der Tibeter seitzen im Exil. In Tibet passiert Raubbau an der Natur, wird die freie Meinungsäußerung verfolgt.

Die Tibet-Initiative in Potsdam ist nur klein

Horst Furtner findet das schade. Aber seine Regionalgruppe der Tibet-Initiative Deutschland hat auch nur sechs Mitglieder, und mehr Tibeter leben auch nicht in der Stadt. „Sie kommen nicht zu unseren Sitzungen, aber meist zum Hissen ihrer Flagge“, sagt Furtner: „Es ist schwierig, hier Kontakte aufzubauen und zu halten. Die Tibeter in Potsdam leben ihr eigenes Leben und scheuen die Öffentlichkeit.“ Möglicherweise hätten sie auch Angst um ihre noch in der Heimat lebenden Familien, die von der chinesischen Staatsmacht drangsaliert würden, sobald die im Westen lebenden Angehörigen Kritisches über das Agieren der Zentralregierung sagen. Repressalien gegen Hinterbliebene sind für Furtner auch der Grund, warum die Selbstverbrennungen in Tibet seit eineinhalb Jahren deutlich abgenommen haben. Seit 2008 sind mehr als 160 Selbstverbrennungen dokumentiert. Diese dramatische und gewaltlose Form des Protestes habe stets harte Konsequenzen für Angehörige und Unterstützer sowie für jene Klöster, aus denen die Mönche stammen, die sich verbrennen.

Tibet wird zu einer Art Disneyland gemacht

Furtner kennt eine Reihe von Exil-Tibetern, die mit großer Sorge beobachten, wie China die tibetische Kultur in eine Art Disneyland verwandelt und zu Folklore degradiert. Im 3000 Mitglieder starken chinesischen Volkskongress gebe es auch Abgeordnete aus Tibet, die in Trachten zu den Sitzungen kommen, aber „streng auf Linie“ sind, wie Furtner sagt.

Er selbst war noch nie in Tibet, wo Touristen in aller Regel auf feste Touren gelenkt werden und unter Aufsicht chinesischer Führer stehen. Aber seine Kassenwartin Gerit Dieter war drei Monate beruflich in einer chinesischen Region unterwegs, die tibetisch war, bevor China sie vor fast 60 Jahren in Besitz nahm.

Olympische Spiele lenkten die Aufmerksamkeit auch auf Tibet

Auf das Thema Tibet stieß Furtner 2008, als in Peking die Olympischen Sommerspiele stattfanden und alle regimekritischen Aktivitäten strengstens verfolgt wurden: Man schob Tibet-Protestler ab und inhaftierte sie, darunter auch Ausländer. Furtner wollte protestieren und hängte eine Tibet-Flagge an sein Babelsberger Haus. Das tun auch andere Potsdamer; zwei solcher Flaggen hängen allein in der Brandenburger Vorstadt. „Aber Menschenrechtsarbeit ist langwierig“, sagt Gerit Dieter: „Man kann keine schnellen Erfolge vorzeigen. Und die Menschen vergessen schnell.“

So gab es 2012 zwar eine gute Zusammenarbeit mit dem Evangelischen Gymnasium auf Hermannswerder, wo Tibet im Unterricht ein Thema war und die „Deckelaktion“ ein breites Interesse fand, aber das ebbte ab, als die beteiligten Schüler älter wurden und die Schule beendeten. Man hatte blaue, weiße, rote, grüne und gelbe Plastikverschlüsse von Mehrwegflaschen gesammelt und überall als fünffarbige Tibet-Ketten aufgehängt. Blau stand für Wasser, weiß für Raum und Wolken, rot für Feuer, grün für Luft und gelb für Erde. Dieser unpolitischen Bedeutung gab man eine politische bei, nach der blau für Rechtssicherheit stand, weiß für freie Religionsausübung, rot für Meinungsfreiheit, grün für eigene Kultur und gelb für intakte Umwelt.

Die Flagge wird europaweit gehisst

Am Flaggehissen vor Amtssitzen und öffentlichen Bauten beteiligen sich Jahr um Jahr rund 1000 deutsche Städte und Landkreise. In Mitteleuropa tun das mehr als zweitausend Städte in Deutschland, Frankreich, Luxemburg, Tschechien, Polen, Ungarn, Italien, Österreich und der Schweiz.

Die Landeshauptstadt Potsdam beteiligt sich an dieser Aktion, seit am 7. November 2007 der Beschluss gefasst wurde. Die Tibet-Fahne wird am 10. März gehisst oder einem Nachbartag in der Arbeitswoche. Nach Angaben der Stadtverwaltung leben heute rund 150.000 der sechs Millionen Tibeter im Exil.

Am 10. März 1959 hatten sich mehrere hunderttausend Tibeter in einem Aufstand gegen die gewaltsame Besetzung durch China erhoben und den Dalai Lama vor der Inhaftierung durch chinesische Militärs bewahrt; er floh nach Indien ins Exil. Bei der brutalen Niederwerfung der Demonstrationen verloren mehrere zehntausend Menschen ihr Leben.

Von Rainer Schüler

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