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Ein Potsdamer Kriegstagebuch auf Facebook

Vier Jahre im Ersten Weltkrieg – Tag für Tag im Internet Ein Potsdamer Kriegstagebuch auf Facebook

Seit einem Jahr wird stückweise das Tagebuch eines Potsdamer Garde-Soldaten auf Facebook veröffentlicht, der 1914 für Kaiser und Vaterland in den Krieg zog. Die detaillierten Aufzeichnungen des 21-jährigen Alexander Steinborn über seine Erlebnisse an drei Fronten werden Tag für Tag genau 100 Jahre später erstmals veröffentlicht.

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Im August 1914 fährt Alexander Steinborn (mit Mütze) aus Potsdam in den Krieg.

Quelle: privat

Potsdam. Im August 1914 beginnt für einen 21-jährigen Potsdamer der Kriegsdienst. Der junge Alexander Steinborn ist stolzer Reservist der Garde-Jäger und wird wie Millionen andere neben ihm aus seinem Berufsleben in den Ersten Weltkrieg gerissen. Im Moment der Mobilmachung Anfang August beginnt der als Förster arbeitende Steinborn ein Tagebuch, das er bis zum bitteren Ende des Weltkrieges über vier Jahre später regelmäßig führt. Die mehr als 2000 eng beschriebenen Seiten sind erhalten und dokumentieren den Krieg aus der Perspektive eines jungen Mannes, der verwundet, befördert und ausgezeichnet wird und an verschiedenen Fronten im Osten, Westen und Süden Europas kämpft.

Fast täglich wird das Kriegstagebuch auf Facebook veröffentlicht

Auf Facebook kann man diesem einzelnen Schicksal (von insgesamt über 70 Millionen mobilisierten Soldaten) durch den Krieg folgen. Das Tagebuch Alexander Steinborns wird in dem sozialen Netzwerk seit einem Jahr fast täglich mit zahlreichen Hintergrundinformationen veröffentlicht.

Der Potsdamer Journalist Peter Degener hat damit genau 100 Jahre nach Beginn des Ersten Weltkriegs im vergangenen Sommer begonnen. „Ich habe die Geschichte von Steinborn im Potsdam-Museum in einer Sonderausstellung zum Ersten Weltkrieg entdeckt, durch die ich selbst Führungen im Auftrag des Museums gemacht habe“, erzählt Degener. Zur Vorbereitung bekam er eine digitalisierte Version des gesamten Textes. „Diese Quelle war von Beginn an unglaublich faszinierend, weil Steinborn sehr detailliert über den Alltag in seiner Einheit berichtet. Man merkt, wie schnell der Hurra-Jubel unter den Strapazen und dem immer ferner scheinenden Sieg verstummt, wie die Soldaten verrohen. Aber Steinborn hat auch ein Auge für das Schöne. Er beschreibt Dörfer und Städte und bewahrt sich auch einen kritischen Blick auf den Krieg“, sagt Degener über seinen Protagonisten.

2000 handbeschriebene Seiten wurden entziffert

Schon vor Jahren hat die Familie Alexander Steinborns dessen handschriftliche Aufzeichnungen vom Verein Sütterlinstube Hamburg entziffern und transkribieren lassen, sodass die alte deutsche Schreibschrift kein Hindernis mehr für eine Veröffentlichung ist. Die Tagebücher und viele private Fotos Steinborns gehören heute zum Bestand des Potsdam-Museums. Für Peter Degener ist das ehrenamtliche Projekt zu einer echten Leidenschaft geworden. Er verfolgt den Weg Steinborns durch den Krieg, erstellt Karten, sammelt zu den Einträgen passende historische Fotos und bereitet die Texte für die Fans der Facebook-Seite auf. Mittlerweile folgen ihm regelmäßig rund 350 Leser. Die Seite ist allerdings öffentlich gestaltet, sodass man auch ohne eigenes Facebook-Konto mitlesen kann.

Blick ins Tagebuch

Blick ins Tagebuch.

Quelle: Privat

Der Journalist sprach auch mit der Familie des jungen Försters, die ihm Fotos zur Verfügung stellte. Darauf sieht man, wie aus dem jungen Reservisten in prächtiger Gardeuniform mit dem typischen Jäger-Tschako als Kopfbedeckung ein Mann wird, dem seine Kriegserlebnisse in den Augen anzusehen sind.

Schon nach wenigen Tagen schildert er Kriegsverbrechen

Durch die Mobilmachung am 2.August 1914 wird der Steinborn von seinem Arbeitsort in Westpreußen nach Potsdam beordert. Hier wohnt er als Garde-Jäger an der feierlichen Verabschiedung der Truppen durch die Kaiserfamilie im Potsdamer Lustgarten bei. Wenige Tage später geht es für ihn per Zug an die Westfront, wo er in Belgien einmarschiert. Dort beschreibt er auch die Kriegsgräuel deutscher Truppen an der belgischen Zivilbevölkerung. Bereits im September wird er nach Ostpreußen verlegt, wo die Schlacht von Tannenberg gefochten wird. Er selbst schreibt im August 1915 in seinem Tagebuch in einem knappen Rückblick über das erste Kriegsjahr:

»Zur Feier des Jahrestages meines ersten Ausrückens spendierte ich eine Flasche Wein. Es ist doch eine ganze Menge was man im verflossenen Jahr erlebt hat. Zuerst Straßenkampf in Andenne, Belagerung von Namur, Schlacht bei Allenburg, 11 Tage vor Iwangorod, Gefecht bei Marianenpol, im Lazarett, zu Hause, Infanterist in Zossen, 15. Jäger vom 22.4. bis 13.5. vor Ypern und dann der Höhepunkt vom 14.5. bis 3.7. Riesenschlacht La Banie Arras, wie es offiziell im Nationale heißt, wieder 10 Tage in Deutschland, Schlachtfelder von 1870, dann wieder in Frankreich.«

Zum gegenwärtigen Zeitpunkt liegen noch mehr als drei weitere Kriegsjahre vor ihm. Im Juli und August 1915 kämpft Steinborn in der Nähe von Verdun im Nordosten Frankreichs. Hier wird er auch zum Pionier ausgebildet. Im Herbst wird er erneut versetzt und lernt nach Ost- und Westfront auch den Kriegsschauplatz auf dem Balkan kennen.

Schon jetzt ist er einmal verwundet worden und mehrfach nur knapp dem Tode entgangen. Er wird diesen Ersten Weltkrieg überleben, und auch den Zweiten, der ihn an der Ostfront zum Teil in die selben Orte führt, die er schon 1914 als Soldat kennen gelernt hat.

Er überlebt den Krieg, spricht aber nie mehr über die Erlebnisse

Nach dem Ersten Weltkrieg führt Alexander Steinborn allerdings kein Tagebuch mehr. Was er Tag für Tag erlebt und einmal in den dünnen Heften aufgeschrieben hat, scheint er nie mit jemandem geteilt zu haben. Viele Jahre später schreibt er in einer Art Anmerkung zu seinen Kriegserlebnissen:

„Jeder wahre Frontsoldat kann über seine Erlebnisse nicht sprechen. Wenn er nach schweren Stunden oder Tagen irgendwo geborgen wieder mit den Kameraden zusammen sitzt, verzichtet er darauf, von der Hölle zu erzählen. Große Gebärden oder gar große Worte wären wie kindische Prahlereien erschienen und hätten den Kameraden nur ein Lächeln abgelockt. Das ist aber nicht zufällig so. Vor der höchsten Steigerung des Erlebens werden Worte schal. Die Sprache ist der Steigerung nicht in dem Wesen fähig, wie die Gewalt des Erlebens wächst. Alles Bemühen um Ausdruck bleibt leer und schmeckt unangenehm nach Übertreibung. Es bildete sich eine feste Kameradschaft, die nicht gefordert und bewußt genährt, sondern stillschweigend geübt und immer treu gehalten wurde.“

>>> Der Link zum Tagebuch auf Facebook.

Die Biografie von Alexander Steinborn

Alexander Steinborn wird am 16. März 1893 in Groß-Väter (Kreis Templin in der Uckermark) als Sohn des Königlichen Försters Nicolaus Steinborn geboren. 1898 zieht die Familie nach Potsdam. Der Vater stirbt früh, seine Mutter zieht die insgesamt drei Geschwister alleine groß.

Nach seiner Schulzeit beginnt Alexander Steinborn 1909 eine Ausbildung zum Förster. Bereits vier Generationen – sowohl väter- als auch mütterlicherseits – sind schon Förster gewesen.

Anschließend wird er von 1911 bis 1912 als „Einjährig Freiwilliger“ beim Garde-Jäger-Bataillon ausgebildet. Anschließend arbeitet er als Forstmann.

Von 1914 bis 1918 wird er eingezogen und dient als Soldat im preußischen Heer. Nach Kriegsende kehrt er in seinen Beruf zurück. Von 1921 an ist er Stadtförster in Spandau. Er heiratet und bekommt mit seiner Frau drei Töchter.

1939 wird er erneut eingezogen und kämpft an der Ostfront im Zweiten Weltkrieg. 1945 gerät er in sowjetische Gefangenschaft, aus der er 1948 zurückkehrt.

Er stirbt am 17. Februar 1950 im Alter von nur 56 Jahren in Potsdam.

Von MAZonline

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