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Potsdamer Rechenzentrum ist ausgebucht

Die Künstler sind angekommen Potsdamer Rechenzentrum ist ausgebucht

70 Künstler und andere Kreative haben seit September Räume in den oberen Etagen des alten Potsdamer Rechenzentrums bezogen. Damit ist der zunächst verfügbare Platz des neuen Kunst- und Kreativhauses fast komplett belegt. Weitere Räume werden erst frei, wenn die bisherigen Nutzer ausgezogen sind. Nach aktuellem Stand ist damit erst im September 2016 zu rechnen.

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Anja Engel, die Koordinatorin des Kunst- und Kreativhauses im alten Rechenzentrum.

Quelle: Volker Oelschläger

Potsdam. „Havellandschaft“ ist der Titel des Bildes mit dicht gesetzten Farbspritzern über erdigem Grund, das Sebastian Kommerell (44) in seinem Atelier gerade für den Verkauf signiert. Im Nachbarraum ein E-Piano und ein Sofa. Durch die Fenster lärmt von tief unten der Verkehr der Breiten Straße. „Ein bisschen belastend“ sei das. Doch auch in seinem früheren Atelier in der Geschwister-Scholl-Straße 77 war es laut: „Da ist gerade eine Riesenbaustelle.“ Mitte September hat der Maler, Musiker und Schauspieler die Räume unterm Dach des alten Rechenzentrums bezogen.

Kaum neun Monate ist es her, dass Oberbürgermeister Jann Jakobs (SPD) den Bau als zeitweiliges Domizil für Künstler und andere Kreative anbot. Im September zogen die ersten Mieter ein. Mittlerweile sind bis auf zwei Zimmer alle zunächst verfügbaren Räume in den beiden Obergeschossen besetzt oder reserviert. Weitere Büros werden nach aktuellem Stand erst im September 2016 frei. So lange dauert es nach Angaben der Verantwortlichen, bis die bisherigen Nutzer ausgezogen sind.

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70 Künstler und andere Kreative sind seit September in das alte Potsdamer Rechenzentrum eingezogen. Wir stellen einige von ihnen vor.

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Anja Engel (31), die das neue Kunstquartier im Auftrag der Stiftung SPI koordiniert, spricht von einem „interessanten Mix“. Das Spektrum der bislang rund 70 neuen Mieter reiche „vom jungen, frischen Absolventen Mitte 20 bis zum Künstler im Ruhestand“.

Brigitta Bungard (39) und Robert Saling (34) teilen sich einen geräumigen Eckraum mit Panoramablick von der Plantage bis zum „Mercure“-Hotel. Die Bürogemeinschaft entstand zufällig. Die Grafikdesignerin arbeitete zuletzt vier Jahre in der künstlerischen Direktion des Museums of Modern Art (MoMa) in New York. Nun kehrt sie aus der Elternzeit zurück: „Ich wohne in Potsdam und kann es mir nicht erlauben, jeden Tag nach Berlin zu fahren.“ Aktuell bereitet Bungard eine Ausstellung für die Hamburger Kunsthalle vor.

Saling, Absolvent der Fachhochschule Potsdam, sorgte vor zwei Jahren für Beachtung mit dem ironischen Vorschlag, dem umstrittenen „Mercure“-Hotel mit einem wuchtigen Ziegelspeicher auf dem Dach eine barocke Zutat zu verpassen. Heute arbeitet er an barrierefreien Architekturlösungen.

Zum Thema wurde das Kunsthaus im Rechenzentrum durch die Raumnot von Künstlern und anderen Kreativen. Immer mehr Ateliers und Proberäume in Potsdam werden bei explodierender Wohnungsnachfrage geschlossen oder unbezahlbar. Anja Engel erlebte die Verdrängung als Sängerin der Band Fosbury Flop, die ihren Proberaum in der Alten Brauerei aufgeben musste. Dass sich der geplante Einzug von Bands ins Rechenzentrum weit ins Jahr 2016 hinausschiebt, findet die Koordinatorin ungerecht, weil gerade die Musiker den Protest der Künstler im vergangenen Jahr mit der Kulturlobby auf die Straße trugen.

Doch auch als Kulturmanagerin absolvierte die langjährige Chefin des Festivals Localize eine Odyssee mit Arbeitsplätzen vom Kunsthaus „Sans titre“ über eine Bürogemeinschaft in der Holzmarktstraße bis zum Kunsthaus „Scholle 51“ in Potsdam-West.

Eröffnungsfest am 5. November

Am 5. November wird das Kunst- und Kreativhaus im alten Rechenzentrum an der Breiten Straße offiziell eröffnet. Angekündigt sind die Vernissage einer Kunstausstellung, Filme, Musik, Performances, offene Atelier- und Studiotüren und Visionen rund um den neu entstehenden Kreativkosmos im Zentrum der Stadt.

Eröffnet wird das Fest um 18 Uhr. Die Ausstellung zum offiziellen Start zeigt Arbeiten, Ideen und Projekte der ersten Mieter und soll die ganze Vielfalt des Hauses zusammen bringen. Ab 19 Uhr sind Ateliers, Werkstätten, Studios und Büros in der vierten und dritten Etage geöffnet. Der Eintritt ist frei.

Mit dem Fest wird erstmals für eine breitere Öffentlichkeit der Blick ins Haus freigegeben. Bisherige Kunstaktionen und Performances wie die rituelle Waschung des Kosmonauten-Mosaiks Ende Juni fanden ausschließlich im Freien statt.

Sebastian Kommerell gehört zu zehn Künstlern, die auf Vermittlung der „Kunsttick“-Agentur von Lars Kaiser (44) im Rechenzentrum sind. Der Deal: Im Falle eines Mietrückstands springt Kaiser ein, die Künstler revanchieren sich dafür mit Beiträgen für die mehr als 100 Kunsttick-Automaten, an denen man mittlerweile bundesweit für wenig Geld Kunstminiaturen ziehen kann. Der erste dieser Automaten wurde 2003 am Potsdamer Szenecafé „La Leander“ aufgestellt.

Ingo Pehla (48), ein weiterer Kunsttick-Partner, hatte ein Atelier im Holländischen Viertel, später in der Schollstraße. Mit seiner jüngsten Ausstellung nahm der Architekt, Restaurator und Kunstmaler Abschied vom „Melodie“-Kino. Anna Trubel (32), die ihre Bilder über mehrere Jahre im Schaufenster eines Kurzwarenladens in der Babelsberger Garnstraße zeigte, hat nun ein eigenes Atelier. Die Kostüm- und Modedesignerin Nora Fritz (30), die unter anderem im „Sans titre“ arbeitete, will im Rechenzentrum ein eigenes Label etablieren.

Fast so viel Raum wie die kleine Künstlerkolonie hat Stefan Pietryga (60) allein. Zu seinen Meriten zählt Anfang der 1990er Jahre die Mitgründung der ersten Ateliergemeinschaft in der legendären Essener Zeche Zollverein. Nach Potsdam kam er über seine Frau, die als Gartenbauingenieurin an der Buga 2001 beteiligt war. Als sich Brandenburgs Landeshauptstadt – vergeblich – um den Titel Kulturhauptstadt Europas 2010 bewarb, stand Pietryga auf der Seite der erfolgreichen Konkurrenz. Sein Preis für den Sieg des Ruhrgebiets: Das Atelier in der Zeche musste Großgastronomie weichen.

Der lange Weg ins Rechenzentrum

Das Rechenzentrum an der Dortu-/ Ecke Breite Straße wurde um 1970 errichtet. Nach bisherigen Planungen sollten sowohl das zur Plantage weisende zweigeschossige Gebäude mit den Rechnern, als auch der fünfgeschossige Verwaltungsbau an der Breiten Straße abgerissen werden, um Platz für die Rekonstruktion des historischen Stadtquartiers mit Plantage, Langem Stall und der Garnisonkirche zu schaffen.

Für Verzögerungen sorgen einerseits Schwierigkeiten beim geplanten Umzug des Rechenzentrums an einen anderen Ort. Noch immer ist unklar, wo es eigentlich hin soll. Andererseits gibt es städtebaulich moderaten Druck, weil die Finanzierung der Garnisonkirche noch völlig unklar ist. Der damals noch amtierende Baudezernent Matthias Klipp (Grüne) stellte zu Beginn dieses Jahres im Gespräch mit dieser Zeitung klar, dass der Abriss des Flachbaus für die Rekonstruktion der Stadtmitte vorrangig sei.

Das Verwaltungsgebäude des Rechenzentrums hingegen stünde nur der noch gar nicht absehbaren Rekonstruktion des Garnisonkirchschiffs im Wege. Der Wiederaufbau allein des Kirchturms aber würde durch das Bürogebäude „nicht beeinträchtigt“, so der damalige Baudezernent zur MAZ.

Seine Feststellung fiel zu einer Zeit, als im Zusammenhang mit dem überhitzten Immobilienmarkt der Landeshauptstadt verstärkt über eine Verdrängung von Künstlern und anderen Kreativen aus der Stadt diskutiert wurde. Hermann Voesgen, Professor für Kulturarbeit an der Fachhochschule Potsdam, sprach von einem Verlust an Möglichkeitsräumen.

Der aktuelle Protest formierte sich im Zusammenhang mit der Räumung der Alten Brauerei am Leipziger Dreieck, in der Bands und bildende Künstler Ateliers und Proberäume hatten. Die in diesem Kreis gegründete Kulturlobby richtete ihre Aufmerksamkeit zunächst auf Raumpotenziale im alten Fachhochschulgebäude an der Friedrich-Ebert-Straße.

Eine überraschende Wende brachte Oberbürgermeister Jann Jakobs (SPD), der am 14. Januar nach dem anstehenden Freizug der Büros eine zunächst zeitweise Nutzung des Rechenzentrums als Kunst- und Kreativhaus anbot. In einem von der Stadt organisierten „Bürgerdialog“ wird mittlerweile neben anderen Varianten auch ein Betrieb des neuen Kunsthauses für Jahrzehnte diskutiert. Der Abriss dieses Baus bliebe damit späteren Generationen überlassen. vo

Neben einem Atelier auf Hermannswerder für Holzarbeiten hatte Pietryga, der neben der Kunst als Kirchenrestaurator tätig ist, in Potsdam wechselnde Atelieradressen für Bildhauerei und Malerei. Nun hat er im Rechenzentrum mehrere Räume, darunter ein ehemaliges Direktionsbüro mit dunkler Schrankwand, Vorzimmer, Sekretariat und einem Blick auf das Große Waisenhaus mit der güldenen Caritas-Skulptur.

Eines seiner aktuellen Projekte ist eine Steubenparade mit acht 40 Zentimeter großen Steubenskulpturen aus Beton, die er als Gruppe auf 1,20 Meter hohen Sockeln auf dem Steubenplatz vor dem Stadtschloss platzieren will. Ein erstes Figurenprojekt Pietrygas zum Landtagsschloss scheiterte bereits. Er hatte sich mit der Idee am Wettbewerb „Kunst am Bau“ beteiligt, Kopien aller 80 Attikafiguren des alten Stadtschlosses auf dem Hof zu gruppieren.

Von Volker Oelschläger

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