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Potsdamer Schüler ehren preußischen Pestalozzi

Blumen für den Ehrenbürger Potsdamer Schüler ehren preußischen Pestalozzi

Er war halb blind, halb taub und doch ein Wohltäter: Wilhelm von Türk. Sprach- und hörgeschädigte Kinder haben den Namensgeber ihrer Potsdamer Schule mit Blumen auf seinem Grab in Klein Glienicke geehrt. Ururur-Enkel Gerhard Petzholtz erzählte den Fünftklässlern etwas über Türk und sein Werk, das heute noch Früchte trägt, auch für ihre Schule.

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„Ihr müsst kräftig ziehen!“ Gerhard Petzholtz demonstriert das Läuten auf dem Friedhof von Klein Glienicke, und die Kinder der Wilhelm-von-Türk-Schule vom Schlaatz taten es ihm begeistert gleich.

Quelle: Rainer Schüler

Klein Glienicke / Schlaatz. „Damals gab es so tolle Hörhilfen noch nicht, wie ihr sie habt und ich. Damals musste man ein Hörrohr nehmen.“ 14 hörgeschädigte Kinder hat Gerhard Petzholtz vor sich am Grabe seines Ururur-Großvaters Wilhelm von Türk, dessen Namen die Förderschule vom Schlaatz seit 15 Jahren trägt.

Die Türk-Schule fördert hör- und sprachgeschädigte Kinder

Die Türk-Schule fördert hör- und sprachgeschädigte Kinder. Sie ist die einzige Förderschule dieser Art im Land Brandenburg.

Quelle: Rainer Schüler

Jedes Jahr am 8. Januar, zu Türks Geburtstag, kommen Fünftklässler der Förderschule am Bisamkiez im Schlaatz auf den alten Friedhof von Klein Glienicke, um Blumen auf das Grab des Wohltäters zu legen, der ihrer Schule noch immer hilft. Die Wilhelm-von-Türk-Stiftung tut das, sie gibt nach Angaben aus dem Schul-Collegium mehrere tausend Euro jährlich für Projekte, Praktika und Schulausstattung. Ihr Stiftungsvermögen ist das Civil-Waisenhaus in der Berliner Straße.

Die Kinder hören ohne technische Hilfen schwer oder gar nicht. Implantate und Hörgeräte aber lassen sie an diesem schneemilden Wintertag verstehen, was Gerhard Petzholtz ihnen erzählt; er selbst hat Hörhilfen seit einem Jahr. Für ein Mädchen wird gebährdet, wie Klassenlehrerin Theres Nägler die Handzeichensprache nennt, auch sowas funktioniert.

Die Grabtafel für Wilhelm von Türk mit den Blumen der Kinder

Die Grabtafel für Wilhelm von Türk mit den Blumen der Kinder.

Quelle: Rainer Schüler

Die Kinder wissen schon einiges über diesen Türk, zu dessen 242. Geburtstag sie hergekommen sind. Und sie lesen in güldenen Buchstaben auf einem eisernen Grabschild das Motto des „preußischen Pestalozzi“ Türk, das im Schaukasten des Hauptflures ihrer Schule hängt: „Lasset uns Gutes thun und nicht müde werden.“ Türk selbst wurde niemals müde, obwohl das Schicksal ihn schwer getroffen hatte: Als er fünf Jahre alt war, verlor er seine Mutter. Er erblindete auf einem Auge, wurde später einseitig taub. Außer seinen eigenen beiden Kindern mit Wilhelmine von Buch, einem Jungen, einem Mädchen, hatte er sieben „Pflegekinder“, wie er seine Stiftungen und Werke gerne nannte.

Wilhelm von Türk: Leben und Werk

Carl Christian Wilhelm von Türk wurde am 8. Januar 1774 im thüringischen Meiningen geboren.

1791 nahm der 17-Jährige an der Universität Jena ein Studium der Rechtswissenschaften auf.

1794 wurde er Kammerjunker am Hof des Herzogs von Mecklenburg-Strelitz und studierte pädagogische Literatur

1802 übernahm er die Leitung der Schulangelegenheiten im Herzogtum und lernte die Schulreformpläne von Johann Heinrich Pestalozzi kennen.

1804 traf er Pestalozzi und befasste sich eingehender mit dessen Methoden; es wurde eine schicksalhafte Begegnung, denn im wurde „klar, daß einzig auf dem Wege eines vernünftigen Jugend-Unterrichts ein besseres Geschlecht gebildet werden könnte und dass ein solcher Unterricht möglich ist.“ In Pestalozzis Schulunterricht herrschten Menschlichkeit, Unbefangenheit, Anspruchslosigkeit, Offenheit, Güte, Hingebung und Treue; er war frei von Standesanmaßungen der Eitelkeit, frei Ehrgeiz und Selbstsucht.

1806 Heirat mit Wilhelmine von Buch, mit der er zwei Kinder bekommen wird

1808 Wechsel in eine Anstalt Pestalozzis in der Schweiz

1815 Regierungs- und Schulrat in Frankfurt (Oder); Weiterbildung von Lehrern; Schaffung einer Schullehrer-Witwenkasse

1816 Regierungs- und Schulrat in Potsdam; Aufbau eines Schullehrerseminars mit 60 Teilnehmen; Gründung des „Civil-Waisenhauses“ für Kinder; Schaffung der Baugewerkschule; Bau der Schwimmanstalt an der Havel und des Turnplatzes am Brauhausberg; Gründung einer „Kinderbewahranstalt“ am Neustädter Tor in Potsdam; Schaffung eines Wohltätigkeitsvereins mit Suppenverteilung; Stiftung der „Waisen-Versorgungs-Anstalt“ in Klein Glienicke; Gründung des Elisabeth-Stiftes in der Potsdamer Charlottenstraße 67 als „Rettungsanstalt“ für verwahrloste Mädchen; Errichtung der Friedensgesellschaft

1838 Ernennung Wilhelm von Türks zum Ehrenbürger der Stadt Potsdam

1846 Nach einer Fußverletzung, die vermutlich zu einer Blutvergiftung führte, starb Wilhelm von Türk am 31. Juli 1846 in Klein-Glienicke und wurde dort auf dem Friedhof in der Familiengrabstätte beigesetzt. „Wenn ich dereinst hingegangen sein werde, so pflanzt auf mein Grab einen Maulbeerbaum, fünf Rosenbüsche und einen Veilchenstock als Symbol für meine sieben Kinder“, hatte er verfügt.

Das vierte dieser „Pflegekinder“ war die Civilwaisenhaus-Stiftung zu Potsdam, aus der die Wilhelm-von-Türk-Stiftung hervor ging. „Es ward geboren den 26. April 1820“, schrieb Türk über dieses „Kind“, „denn an diesem Tage verfaßte ich die erste Aufforderung zur Gründung einer Versorgungs-Anstalt für verwaiste Söhne von Staats- und Kommunalbeamten, die zur Erfüllung ihres Berufs einer höheren Bildung bedurft hatten.“

Ein Bild von Türks ist auf dem Familiengrabgelände des Friedhofes Klein Glienicke an einen Baum geheftet

Ein Bild von Türks ist auf dem Familiengrabgelände des Friedhofes Klein Glienicke an einen Baum geheftet.

Quelle: Rainer Schüler

Türk veräußerte zur Finanzierung der Stiftung rund 90 Ölgemälde seiner Sammlung über eine Lotterie und verkaufte Aktien. Er aktivierte die Seidenraupenzucht in Glienicke, pflanzte Maulbeerbäume, gab seinen Zöglingen damit Beschäftigung und verdiente Geld ein zur besseren Bezahlung der Lehrer.

Von Rainer Schüler

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