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Potsdamer begeben sich ins Reich der Toten

„Friedhofsgeflüster“ mit Anja Kretschmer Potsdamer begeben sich ins Reich der Toten

Kunsthistorikerin Anja Kretschmer aus Rostock hat den Potsdamern am Sonnabend auf dem Alten Friedhof alles andere als traurige Geschichten aufgetischt. Bei ihrem „Friedhofsgeflüster“ tauchte sie tief in die Leichenkultur unserer Vorfahren ein und verriet das ein oder andere skurrile Geheimnis.

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Von wegen Tränen: Anja Kretschmer zeigt Seiten des Todes, die alles andere als traurig sind.

Quelle: Friedrich Bungert

Innenstadt. Langsam legt sich der nächtliche Schatten über die Dächer der Stadt. In der Luft liegt ein lauer Sommerwind und das Zirpen der Grillen. Sonst ist es totenstill. Normalerweise verirrt sich gegen 22 Uhr niemand mehr hierher. Die Friedhöfe an der Heinrich-Mann-Allee in Potsdam gehören in der Nacht den Toten. Doch an diesem Sonnabend haben sich hier vor der Kapelle des Alten Friedhofs etwa 40 Menschen versammelt, die sich von der Rostocker Kunsthistorikerin Anja Kretschmer über den Friedhof führen lassen wollen.

„Ich gehöre zu denen, die es nicht für gesund erachten, die Endlichkeit so weit von sich wegzuschieben“, sagt die 35-Jährige zu Beginn ihres „Friedhofsgeflüsters“. Der Tod gehört zum Menschsein dazu – warum also sollte man sich nicht damit beschäftigen? Die meisten Geschichten, die Kretschmer erzählt, spielen zwischen dem 17. und 19. Jahrhundert. Zuerst aber geht es den dunklen Rundweg entlang. Die Stimmung unter den Friedhofsgängern ist gespannt. Einige von ihnen kennen bereits den ersten Teil von Kretschmers Führungen, der von Totenkronen, Wiedergängern und der Angst vor dem Scheintod handelt. Doch die meisten wissen noch nicht so richtig, was gleich auf sie zukommt.

Totentänze für die gelangweilte Seele

Nach ein paar hundert Metern hält Kretschmer an und erzählt von der Totenwache. „Unsere Vorfahren im Mittelalter haben drei Tage lang auf den toten Körper aufgepasst. Die Seele des Verstorbenen brauchte Unterhaltung. Ihr sollte nicht langweilig werden“, erzählt Kretschmer. Also wurden Spiele organisiert, aber nicht nur Würfel- oder Kartenspiele, sondern richtige Rollenspiele. Das sei bis hin zu Totentänzen und Theateraufführungen gegangen. Die Hinterbliebenen haben dem Toten in manchen Stücken sogar eine eigene Rolle gegeben. „Sobald jemand starb, wurde das Glas erhoben“, so Kretschmer. Da kam es schon mal vor, dass der Leichenwächter den Verstorbenen aus dem Sarg nahm, um seinen Rausch darin auszuschlafen.

Beim Rundgang über den Alten Friedhof gab es mehrere Stopps

Beim Rundgang über den Alten Friedhof gab es mehrere Stopps.

Quelle: Friedrich Bungert

Mithilfe einer Taschenlampe leuchtet die Kunsthistorikerin auf dem stockdüsteren Friedhof nun auf ein Foto, das eine Grabbeigabe zeigt. Sie selbst war dabei, als die Gruft in Greifswald untersucht wurde, aus der diese Beigabe stammt. „Sie ahnen nicht, was wir da gefunden haben – einen Schwamm“, sagt sie und lacht dabei aus vollem Herzen. Grabbeigaben sind Dinge, die dem Verstorbenen mit in die Ruhestätte gegeben werden, weil sie ihm etwas bedeuteten – eine Tabakpfeife oder eine Spindel zum Beispiel. „Heute würde das Handy mit ins Grab kommen“, scherzt Kretschmer.

Post-Mortem-Fotografie im 19. Jahrhundert sehr beliebt

Die Stimmung ist jetzt entspannter, von Angst keine Spur. Am Glockenturm, dem zentral gelegenen Denkmal des Friedhofs, lädt Kretschmer alle dazu ein, eine Kerze für die Menschen anzuzünden, die sie bereits verloren haben. Binnen weniger Minuten brennen rund 40 Lichter am Fuße des Denkmals. Vorbei an Gießkannen und Grabsteinen berichtet Kretschmer von der Post-Mortem-Fotografie, bei der Leichen abgelichtet wurden. „Für den klaren Blick hat man ihnen Glycerin ins Auge gespritzt und den Unterkiefer mit Lippenkleber geschlossen“, verrät sie.

Mit einem Fläschchen selbst produziertem Schnaps, dem „Leichenbitter“, gehen die Friedhofsgänger nach etwa 90 Minuten wieder nach Hause. „Man sieht sich immer zweimal im Leben“, ruft ihnen Kretschmer nach.

Mehr als 100 Führungen

Die Idee für das „Friedhofsgeflüster“ kam Anja Kretschmer während ihrer Doktorarbeit. Sie hatte den Schwerpunkt Friedhofskultur gewählt und beschäftigte sich viel mit Grabgebäuden und Stadtfriedhöfen.

Seit fünf Jahren führt Kretschmer unter anderem über Friedhöfe in Kiel, Rostock, Hamburg und Potsdam. Vom „Friedhofsgeflüster“ gibt es bereits zwei Teile, die sich inhaltlich immer mal wieder verändern. Mehr als 100 Führungen hat Kretschmer schon geleitet.

Hintergrund ist der Versuch, jüngere Menschen für Friedhöfe und die Kultur zu interessieren.

Am 25. September findet um 20 Uhr Teil 1 des „Friedhofsgeflüsters“, erzählt von der schwarzen Witwe, auf dem Alten Friedhof in Potsdam statt. Der Eintritt kostet 12 Euro pro Person.

Von Luise Fröhlich

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