Volltextsuche über das Angebot:

0 ° / -5 ° wolkig

Navigation:
Potsdamer entgeht Anschlägen in Paris

Chef verlängerte Urlaub nicht Potsdamer entgeht Anschlägen in Paris

Christian Zausch ist Koch im französischen Restaurant Maison Charlotte in Potsdam. Am Terror-Freitag war er mit seiner Freundin in Paris. Eigentlich wollte er zum Länderspiel ins Stade de France. Doch daraus wurde nichts – zum Glück.

Voriger Artikel
Nikolaus im Holländischen Viertel
Nächster Artikel
Aufbau-Gegner empört über Vorwürfe

Christian Zausch ist Koch im Maison Charlotte.

Quelle: Christel Köster

Potsdam. Er hätte länger bleiben wollen, das Fußballspiel im Stade de France sehen. Deutschland – Frankreich. Wann hat man die Gelegenheit schon? Aber länger bleiben ging nicht. Christian Zausch wurde gebraucht. Er entging den Anschlägen in Paris nur um wenige Stunden. Weil er am Wochenende in Potsdam in der Küche stehen musste – ausgerechnet in einem französischen Restaurant.

Zum Fünfjährigen in die Stadt der Liebe

„Freitagnacht kamen dann viele Handy-Nachrichten von Freunden: Seid ihr etwa noch in Paris?“, erzählt Christian Zausch. Der 28-Jährige ist Koch im Maison Charlotte im Holländischen Viertel. Im Hintergrund laufen französische Chansons. La Piaf. Es duftet nach Bouillabaisse, französischer Fischsuppe. Auf den Tischen stehen Drahtkörbe mit Baguette. Huitres (Austern) empfiehlt die Tafel auf dem Tresen. Flair mitten in der Landeshauptstadt. Christian Zausch wollte das Savoir-vivre, das er in Potsdam kulinarisch verbreitet, einmal direkt erleben. Zweieinhalb Tage Paris hatte er gebucht. Zum Fünfjährigen mit seiner Freundin in die Stadt der Liebe, der Klassiker.

„Eine schöne Stadt“, schwärmt Zausch. Bei dem milden Wetter seien die Leute überall draußen gesessen in den Cafés. Sie wollten schauen, ob es noch Karten für das Fußballspiel gibt, sie noch einen Tag dranhängen können, aber im Maison Charlotte gab es viel zu tun. Also fuhren Zausch und seine Freundin Freitagfrüh wehmütig zum Flughafen Charles de Gaulle, vorbei am Stade de France, wo am Abend die Attentatsserie in Paris mit mehr als 130 Toten ihren Anfang nehmen sollte. Gegen Mittag waren sie wieder in Potsdam. „Als wir abends die Nachrichten hörten, war das ein Schock“, sagt Zausch. „Das kommt einem sehr unwirklich vor, wenn man gerade noch vor Ort war.“

Auch die Schwester von Thomas Hütte hatte Glück. Die Potsdamerin studiert in Paris, ist aber zur Zeit in Deutschland. Trotzdem haben Thomas Hütte die Ereignisse vom Wochenende mitgenommen. Der 18-Jährige, der am Helmholtz-Gymnasium Abitur machte, organisierte das Modellprojekt Europarlament mit: 250 politikinteressierte Schüler aus 28 Ländern kommen zusammen und stellen das Brüsseler Parlament nach. Vergangene Woche fand das Treffen in Berlin statt. Zusammen mit den internationalen, jungen Gästen saß Thomas Hütte in einer Berliner Herberge, verfolgte erst das Fußballspiel, dann die schrecklichen Nachrichten aus der französischen Hauptstadt. „Unter der Teilnehmern waren auch fünf Schüler aus Paris“, sagt Hütte. Die für Samstag geplante „Plenardebatte“ wurde abgesagt. Stattdessen trafen sich die Jugendlichen zu einer Schweigeminute. „Die Marseillaise wurde gesunden. Eine Französin hielt eine emotionale Rede“, erzählt der Potsdamer. Zum Glück gab es bald die Nachricht: Den Familien der fünf Pariser war nichts passiert.

Touristen beteiligen sich spontan an der Schweigeminute

„Es kann jetzt überall passieren“, sagen zwei Touristinnen aus den Niederlanden im Maison Charlotte. Die beiden Frauen haben mehrere Tage Berlin und Potsdam gebucht. Punkt zwölf kamen sie an der Französischen Kirche am Bassinplatz vorbei, hielten für eine Minute schweigend inne. „Das ist auch ein Angriff auf das französische Lebensgefühl. Und unsere Demokratie“, sagt die Niederländerin auf Französisch. Dass sie nun ausgerechnet in einem französischen Lokal zu Mittag essen – Zufall und auch wieder nicht. „Schon in Berlin waren wir beim Franzosen“, sagt sie. Nicht als bewusstes Zeichen der Solidarität, sondern weil sie das einfach liebten: Frankreich, gute Küche. Koch Christian Zausch gibt sein Bestes, um den Gästen ein Stück Frankreich nach Potsdam zu zaubern. „Das Leben muss ja weitergehen“, sagt er und dass er auch wieder nach Paris wolle, unbedingt. „Aber nicht in nächster Zeit“, schränkt er ein. Etwas Angst bleibe doch. Dass der Dienst rechtzeitig ruft – so viel Glück habe man wohl nicht zweimal.

250 Mitarbeiter der Potsdamer Stadtverwaltung haben sich am Montag an der Schweigeminute für die Opfer der terroristischen Anschläge am Freitag in Paris beteiligt. Um 12 Uhr verharrten die Stadtbediensteten still vor dem Rathaus.

Oberbürgermeister Jann Jakobs (SPD) hatte zuvor in einer Ansprache sein Mitgefühl und das aller Potsdamer für die Angehörigen der Opfer zum Ausdruck gebracht. „Die schrecklichen Terrorakte von Paris waren kein Schlag gegen Frankreich, sondern Anschläge gegen ein vereintes Europa, das ein Leben in Sicherheit und Freiheit führen will. Es waren Anschläge gegen die Freiheit“, so Jakobs. Dass sich die Attentäter ausgerechnet ein Fußball-Freundschaftsspiel aussuchten, offenbare das schreckliche Kalkül wenige Monate vor der Europameisterschaft in Frankreich.

Auch die Busse der Beelitzer Verkehrs- und Servicegesellschaft mbH (BVSG) standen am Montagmittag für eine Minute still.

Von Marion Kaufmann

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Potsdam
Potsdams Innenstadt - vor und nach dem Krieg

Der 14. April 1945 ist ein sonniger, warmer Frühlingstag – ein Sonnabend.  Um 22:15 Uhr ertönen die Sirenen, Bomben fallen auf Potsdam und wenig später marschiert die russische Armee in Potsdam ein. Das Stadtbild ist ein anderes geworden.

Das Protokoll zum Luftangriff: www.maz-online.de/Nacht-von-Potsdam

57811e88-cc1d-11e5-9fb5-3858ea6ed044
Babys aus Oberhavel (6)

Babys aus Oberhavel, Januar/Februar 2016

MAZab: Termine

Was geht ab? Jede Menge Events in Potsdam und im Land Brandenburg

Kinoprogramm

Alle aktuellen Filme in den Kinos von Potsdam und im ganzen Land Brandenburg