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Potsdam Potsdamer halten nichts vom Hamstern
Lokales Potsdam Potsdamer halten nichts vom Hamstern
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15:58 30.08.2016
Symbolbild. Quelle: imago
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Potsdam

In Einkaufswagen, die die Potsdamer aus dem „Kaufland“ in den Bahnhofspassagen schieben, liegen tatsächlich oft Großpackungen mit Mineralwasser. Dass die Bevölkerung auf den Wink von Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) hin extra losgeeilt wäre, um Trinkwasser auf Vorrat zu kaufen, um für alle Fälle gerüstet zu sein, ist aber zweifelhaft. Die meisten, die man auf das künftige Zivilschutzkonzept der Bundesregierung anspricht, winken bloß ab. Manche zeigen gar einen Vogel.

Voraussichtlich am Mittwoch wird das Ministerium Pläne vorstellen, dass Bürger Trinkwasser für mindestens fünf und Lebensmittel für mindestens zehn Tage vorrätig haben sollen. Diese Hinweise sollen nur Randaspekt eines größeren Pakets sein. Auch sind sie kein Novum. Das Bundeslandwirtschaftsministerium empfiehlt die Vorratshaltung schon lange. Das Ministerium denkt an Katastrophen wie Hochwasser, an Tierseuchen oder Reaktorunfälle.

Marie Wolf, 29 Jahre: „Ich finde das Unsinn, weil das sowieso unplanbar ist. Ich bin eh nicht für Massenhortung. Ich kaufe lieber jeden Tag das ein, was ich gerade brauche.“ Quelle: MAZ

Das Potsdamer Innenministerium hält Bevorratung für sinnvoll

Trotzdem teilt der mit Risiken befasste Direktor des Potsdamer Instituts für Nachhaltigkeitsstudien (IASS), Ortwin Renn, die Skepsis der Potsdamer. „Es sind Maßnahmen, die zunächst auf die Situation passend erscheinen, tatsächlich aber halte ich sie nicht für angemessen“, sagt Renn der MAZ.

Terroristische Attacken, die in diesem Zusammenhang genannt würden, seien in der Regel Einzelaktionen, die allenfalls zwei Tage dauerten. Selbst wenn es Angreifern gelingen würde, das Internet oder die Stromzufuhr lahmzulegen, könne das das zivile Leben nicht tagelang außer Kraft setzen.

Renate Espig, 83 Jahre: „Ich finde das unsinnig. Die Leute sind ehedem alle schon gereizt und dann bringt man solche Vorschläge. Ich kenne überhaupt nicht den Grund dafür.“ Quelle: MAZ

Sinnvoll seien Vorräte bei Naturkatastrophen wie Hurrikans. Aber selbst in Zeiten des Klimawandels kann sich Renn hier in der Region keine Situation vorstellen, die etwa mit den Notständen nach Wirbelstürmen in den USA vergleichbar wäre. In der Stadtverwaltung hält man sich mit einer Einschätzung der ministeriellen Vorschläge bedeckt. Anders beim Potsdamer Innenministerium: „In bestimmten Situationen sollte man bestmöglichst vorbereitet sein“, sagt dessen Sprecher Ingo Decker. „Und das ist auch keine Panikmache.“ Deshalb empfehle sein Haus schon lange, zum Beispiel Vorkehrungen bei Hochwassergefahr zu treffen. Aktuell sei allerdings nicht zu erwarten, dass die Menschen die Läden leerkaufen würden. „Es ist auch nicht zu empfehlen.“ Dagegen sei es durchaus sinnvoll, den Zivilschutz insgesamt zu aktualisieren, wie das jetzt beim Bund geschehe.

Das Ernährungsinstitut rät zu Hülsenfrüchten und Haferflocken

Unabhängig vom politischen Sinn des Vorstoßes hält das Deutsche Institut für Ernährungsforschung (Dife) in Bergholz-Rehbrücke die einzelnen Empfehlungen aus ernährungsphysiologischer Sicht durchaus für sinnvoll. Die Sprecherin der Einrichtung, die Biologin Gisela Olias, weist zum Beispiel auf die grundlegende Bedeutung von frischem Trinkwasser hin. „Trinkwasser würde ich als das wichtigste Lebensmittel ansehen, da man längere Zeit ohne Essen auskommt, ohne Flüssigkeit aber nicht“, sagt sie. Unter normalen Umständen reichten 1,5 Liter Wasser aus, um den Flüssigkeitsbedarf eines Erwachsenen zu decken, erläutert Olias. In den vom Bundesministerium vorgegebenen zwei Litern sei aber sicher auch noch Wasser mit einberechnet, das zum Zubereiten von Speisen gebraucht werde. Dieser Mehrbedarf sei wichtig. Beim Anlegen eines Trinkwasservorrats solle man immer bedenken, dass man eventuell auch Wasser benötige, um Lebensmittel wie Kartoffeln, Reis, Erbsen oder Nudeln zuzubereiten. „Das geht natürlich nur dann, wenn die Energieversorgung zum Kochen noch ausreichend ist.“

Johannes Gusti, 56 Jahre: „Das Problem ist, dass es überhaupt keine Transparenz bezüglich der Motivation gibt. Man fragt sich: Ist da jetzt eine neue Bedrohung da?“ Quelle: MAZ

Bei den Lebensmitteln selbst müsse man darauf achten, dass sie gut zu lagern sind. Dazu zählten zum Beispiel getrocknete Hülsenfrüchte, Haferflocken, Nudeln, Reis, Nüsse, Trockenobst und nicht zuletzt auch Kartoffeln. Lange aufheben könne man auch pflanzliche Öle, haltbare Milch, Zucker, Honig, Marmelade Mehl, eingemachtes Obst und Gemüse, sowie Fleisch und Fisch in Dosen oder Gläsern. Alles solle auch ohne Kühlung haltbar sein. Sie selbst habe sich noch keine Gedanken über Katastrophenschutz gemacht, räumt Olias ein. Ihr Trinkwasser- und Lebensmittelvorrat würde derzeit nicht für 14 Tage halten. „Ich werde aber darüber nachdenken, ob ich dies zukünftig ändern werde.“

Von Rüdiger Braun

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