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Physiker möchte Plastikproblem in Afrika lösen

Recycling-Ofen statt Hightech Physiker möchte Plastikproblem in Afrika lösen

Er wirkt nicht wie ein Garant, der die Welt verändert – und doch könnte er eines der größten Umweltprobleme in Afrika lösen: Ein Kunststoff-Ofen, der schadstoffarme Wärme und Energie erzeugt. Der Physiker Mario Parade vom Wissenschaftsladen Potsdam konstruiert gerade den Prototypen. Statt Hightech benutzt er dafür alte Autoteilen und leere Gasflaschen.

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Mario Parade präsentiert den Kunststoffofen

Quelle: Peter Degener

Potsdam. Schrottreife Autos, alte Elektrogeräte und leere Gasflaschen gibt es in Afrika überall. Für den Potsdamer Physiker und Umweltwissenschaftler Mario Parade sind das die Rohstoffe, mit denen er dort das massive Müllproblem lösen will – nicht auf dem ganzen Kontinent, sondern erst einmal in dem Dorf Balanka in Togo.

„In Westafrika haben Ölvorkommen zu einer intensiven Kunststoffindustrie geführt. Selbst Wasser wird in Plastiktüten verkauft und um die Dörfer gibt es Zonen, wo der Boden mit Plastikfetzen durchtränkt ist“, beschreibt er die Situation. Der 42-Jährige hat den Potsdamer Wissenschaftsladen auf dem Gelände des Freiland aufgebaut, arbeitet als Lehrer und ist Stipendiat in einer Bildungsakademie der Stanford-Universität in Kalifornien. Gemeinsam mit dem Maschinenbauer Julian Gunold arbeitet er an einem Ofen, in dem die Kunststoff-Reste zur Wärme- und Energiegewinnung verbrannt werden sollen.

Der Prototyp sieht nicht so aus, als würde er die Welt verändern können. Rohre, die aus einem alten Auto stammen, sowie eine große und kleine Gasflasche sind miteinander verbaut. Doch das Projekt benötigt keine komplexe Technologie, die nach ein paar Wochen nicht mehr funktioniert. „Es geht um einen Ofen, der mit den Mitteln vor Ort gebaut und repariert werden kann“, betont Parade. Er nennt das Gerät Fortek-Ofen. Der Name stammt vom Kameruner Wissenschaftler George Teke Forbid, der das Konzept an der Technischen Universität in Cottbus entwickelt hat. „Wenn wir das Müllproblem in den Griff bekommen, lösen wir gleichzeitig die meisten Probleme Afrikas“, sagte Forbid selbst über den Ofen. Doch durch eine schwere Krankheit kam das Projekt zum Erliegen, bis Mario Parade es im vergangenen Jahr wieder aufgegriffen hat.

Das Dorf „Balanka“ in Togo

Balanka ist ein Dorf im westafrikanischen Togo und liegt rund 5000 Kilometer von Potsdam entfernt nahe des Äquators. Die Stadt und dazugehörigen Dörfer haben etwa 8000 Einwohner, die meisten davon Kleinbauern. Sie leben vom Anbau von Sojabohnen, Cashew-Nüssen, Baumwolle, Kochbananen und Bohnen.

Der Verein „Bildung für Balanka“ setzt seit 1999 Projekte vor Ort um. Bislang wurden bereits eine Oberschule und eine Bibliothek errichtet. Regelmäßig reisen Freiwillige nach Balanka, um die Projekte weiter zu entwickeln.

„Die Kunststoffe werden nicht verbrannt, sondern verdampft. Erst das darauf entstehende Gas wird dann bei sehr hohen Temperaturen verbrannt. Das macht den Ofen sehr sauber“, erklärt Parade das Prinzip, das auch bei Holzvergasern Anwendung findet. Am Ende entsteht zwar Kohlendioxid, aber keine anderen gefährlichen Dämpfe. Die Vorsortierung des Mülls ist allerdings wichtig. Gelingen kann das Projekt deshalb nur durch eine Initiative vor Ort. Immerhin wartet ein Dorfkomitee in Balanka bereits auf die Öfen bereitet sich auf die nötige Mülltrennung vor. Eine Art Wissenschaftsladen in Togos Hauptstadt Lomé unterstützt die Bürger dabei, denn sortierte Kunststoffe sind nicht nur voller Energie, sondern auch wertvoll.

Die Verbindung von Potsdam in das 5000 Kilometer entfernte Balanka hat Koko N´Diabi Affo-Tenin hergestellt. Sie ist Vorstand des Vereins „Bildung für Balanka“, der ebenfalls im Freiland sitzt. Für ihren Heimatort würde das Projekt bei drei Problemen Entlastung bedeuten: „Wir würden die Umwelt schonen, da die Energie des Ofens zum Kochen genutzt werden könnte und nicht mehr so viel Wald um das Dorf herum abgeholzt werden müsste. Auch die Verschmutzung durch Plastikmüll könnten wir damit reduzieren und gleichzeitig eine Einnahmequelle für die Menschen schaffen, indem sie Plastik sammeln und sortieren.“ Sie hofft, dass der Fortek-Ofen Ende des Jahres fertig ist. „Der Prototyp funktioniert bereits, aber wir haben ihn noch nicht im Dauerbetrieb getestet“, sagt Parade. 2016 könnte man dann mit einem Gerät nach Balanka reisen und vor Ort zeigen, wie man mit einfachen Bauelementen weitere Öfen konstruiert. Diese Offenheit ist Teil einer neuen „Bürgerwissenschaft“. Damit das Projekt auch zugänglich bleibt, soll der Fortek-Ofen nicht durch Patente geschützt werden, sondern als sogenannte Open-Source-Hardware jedermann zur Verfügung gestellt werden. Für Parade ist das „die Demokratisierung von Technologie“.

Er und seine Mitstreiter hoffen auf Förderung durch das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, das bereits frühere Projekte des Balanka-Vereins finanziell unterstützt hat. Auch Potsdamer Schülern soll das Engagement zu Gute kommen. In der Vergangenheit hat Parade seine Idee der Bürgerwissenschaft stets in den Unterricht getragen. „Es kann auch nicht immer nur „Zurück zur Natur“ heißen, da Kunststoffe eine immer größere Bedeutung haben“, sagt er. Im kommenden Schuljahr will er daher Workshops zu diesem Thema in Potsdam durchführen.

Von Peter Degener

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