Volltextsuche über das Angebot:

3 ° / -3 ° wolkig

Navigation:
Potsdamer kämpft gegen heimtückische ALS

Hoffen auf ein Happy End Potsdamer kämpft gegen heimtückische ALS

Als Bodybuilder hat Patric Zocher oft die Muskeln spielen lassen. Bis vor einem halben Jahr war das Fitnessstudio sein zweites Zuhause. Heute kann der 40-jährige Potsdamer die Arme nicht mehr bewegen. Diagnose: ALS. Patric Zocher verliert allmählich die Kontrolle über seinen Körper. Doch so schnell geben er und seine Frau nicht auf.

Voriger Artikel
Potsdam am Donnerstag: Das ist heute wichtig
Nächster Artikel
Köstlicher Neuzugang am Holländischen Viertel

Patric und Nicole Zocher wollen die als unheilbar geltende Nervenkrankheit ALS besiegen.

Quelle: Bernd Gartenschläger

Waldstadt. Auf seinen Körper war Patric Zocher immer stolz. Er hat hin trainiert und gepflegt, ist fünf, sechs Mal in der Woche ins Fitnessstudio gegangen und Tag für Tag zur Arbeit gejoggt. Er hat bei Mister-Wahlen auf dem Laufsteg die Muskeln spielen lassen, hat sich in kleinen Rollen beim Film präsentiert und manchmal auch als Fotomodell. Auf seinen Körper konnte sich Patric Zocher immer verlassen. Dann wachte er eines Morgens mit Kopfschmerzen auf.

Jeder Tag mehr Kontrollverlust

Mit Kopfschmerzen und einem steifen Hals beginnt Patric Zochers Leidensgeschichte. Heute, kein halbes Jahr später, kann der 40-Jährige seine Arme nicht mehr bewegen, er hat 20 Kilogramm verloren, das Atmen und Sprechen fallen ihm schwer. Was die Ärzte – und Patric Zocher war bei vielen – lange nicht erkannten: Der Potsdamer ist an einer Amyotrophen Lateralsklerose – an ALS – erkrankt. In seinem Körper sterben unaufhaltsam jene Nervenzellen ab, die die willkürlichen Muskelbewegungen steuern. Patric Zocher verliert bei vollem Bewusstsein die Kontrolle über seinen Körper. An jedem Tag ein wenig mehr.

Ende Mai 2016 erhielt er die Diagnose. „Ich stehe immer noch unter Schock“, sagt Patric Zocher. Als sich im Sommer vor zwei Jahren Menschen rund um den Globus Kübel voller Eiswasser über den Kopf schütten, um so auf ALS aufmerksam zu machen, ist für ihn diese heimtückische, unheilbare Krankheit so weit weg wie kaum etwas anderes. Bloß nicht daran denken, sagt sich damals der Mann, der bei der Stadtentsorgung Potsdam (Step) bis zur Krankschreibung die größten Laster fuhr. „Bloß nicht dran denken – ich hab das Gott sei Dank nicht.“

Patric Zocher (r) als er noch fit war auf dem Laufsteg

Patric Zocher (r.) als er noch fit war auf dem Laufsteg.

Quelle: Privat

Pflege zu Hause

Er war ja auch so glücklich zu dieser Zeit! Mit seiner Frau Nicole war er gerade erst in die Siedlung Eigenheim gezogen. Den Garten vor dem Haus hat er nach seinen Vorstellungen beackert und eine Wohlfühloase mit Hollywoodschaukel, Loungemöbeln und Gartenzwergen erschaffen. Jetzt sitzt Patric Zocher in seinem kleinen Paradies in der Abendsonne und kann das Glas vor ihm auf dem Tisch nicht erreichen. Seine Frau tupft ihm den Schweiß von der Stirn. „Egal, was kommt, wir möchten hier in unserer Wohnung bleiben“, sagt Nicole Zocher (42). „Das ist Patrics Zuhause – und Patric ist der Mensch, den ich über alles liebe.“ Deshalb habe sie sich entschieden, ihren Mann zu pflegen. „Ich werde nicht von seiner Seite weichen.“

Nicole Zocher ist bereit für all das, was nun auf das Paar zukommen mag. Gerade ringt sie mit der Krankenkasse, mit Versicherungen und Behörden. Sie alle seien sehr langsam. Für das Paar aber rennt die Zeit. „Wer weiß, wie lange ich noch laufen kann?“, sagt Patric Zocher. Vor ein paar Wochen erst – er wollte sich nur schnell abduschen – sind ihm die Beine einfach so weggeknickt. Stundenlang saß er in der Badewanne und wartete darauf, dass Nicole von der Arbeit heimkommt, um ihm aufzuhelfen.

Warten auf den Zuschuss der Krankenkasse

Das Bad soll nun umgebaut werden. Wanne raus, ebenerdige Dusche rein – das klingt so einfach. Aber so ein Umbau ist teuer, zumal in einem alten Haus. Seit Wochen warten Patric und Nicole Zocher darauf, dass die Krankenkasse das Antragsformular für den möglichen Zuschuss schickt. „Manchmal fühlt man sich verlassen und verraten“, sagt Patric Zocher.

ALS – selten und heimtückisch

Die amyotrophe Lateralsklerose (ALS) ist eine seltene, bisher unheilbare Nervenkrankheit. Dabei ist derjenige Teil des Nervensystems betroffen, der für die willkürliche Steuerung der Skelettmuskulatur verantwortlich ist. Die Betroffenen verlieren nach und nach die Kontrolle über ihren Körper.

An ALS erkranken jedes Jahr etwa zwei von 100.000 Menschen. Unter 10 Prozent der ALS-Patienten erkranken vor dem 40. Lebensjahr. Männer sind etwas häufiger betroffen als Frauen.

Der Verlauf der ALS ist bei jedem Patienten unterschiedlich. Die meisten Patienten sterben allerdings innerhalb der ersten zwei bis fünf Jahre. Die Erforschung der Krankheit steht noch am Anfang.

Im Sommer 2014 rückte die Ice Bucket Challenge, bei der sich Menschen rund um den Globus einen Kübel Eiswasser über den Kopf schütteten und Spenden für die ALS-Forschung sammelten, die Nervenkrankheit ins Rampenlicht.

Gemeinsam für Patric“ heißt die Facebookseite von Nicole Zocher. Wer will, kann Patric dort Mut machen. Etliche Freunde und Step-Kollegen haben dies schon getan, aber auch Unbekannte. nf

Der große Traum

Die kleine Wohnung ist gemütlich. Die Türen, sind zum Glück so breit, dass ein Rollstuhl durchpassen könnte. Nur die Schwellen müssen noch Weichen, einige Möbel sicher verrückt werden. An den Wänden hängen Urlaubsfotos: Kleine Insel-Auszeiten, zwei braun gebrannte, lachende Menschen unter Palmen. „Ein großes Haus, ein großes Auto – das war für mich nichts wert“, sagt Patric Zocher. Aber das Reisen, dafür brennt er. Dafür hat er all sein Geld gespart. Als ihm Europa zu klein wurde, entdeckte er die Karibik für sich. Die weißen Strände, das türkisblaue Meer, die fröhlichen Menschen – das ist bis heute sein Traumziel geblieben. Im Juni – die Diagnose stand gerade einmal ein paar Tage fest – waren Patric und Nicole Zocher zuletzt in der Dominikanischen Republik. „Wir konnten nach Wochen endlich mal wieder abschalten“, sagt Nicole Zocher.

Im September möchte sie mit Patric noch einmal in die Karibik fliegen, in ihr Lieblingsressort in Punta Cana, wo sie sich beide wohl fühlen, wo man Patrics Geschichte kennt und sie niemandem erklären müssen, weshalb ein so junger Mann gefüttert wird. „Allein zu erleben, was mit ihm passiert, wenn er das Meer nur sieht, wie er dort aufblüht...“ Nicole Zocher blüht selbst auf, wenn sie davon erzählt. Am liebsten, sagt sie, würden sie zwei für immer dort bleiben. Einfach auswandern und gemeinsam alt werden am Ende der Welt. „Wenn Patric wieder gesund ist, sind wir hier weg. Auch wenn es noch kein Mittel gegen ALS gibt: Patric wird definitiv der erste sein, der überlebt.“ Patric Zocher schaut seine Frau, von der er sagt, sie sei übereilt (sie hat ja auch den Heiratsantrag nicht abwarten können!) mahnend an. Er hat die Rechnung mal wieder ohne sie gemacht: „Schatz, da kein anderer Mann in Frage kommt, musst du bleiben“, sagt Nicole Zocher. Es klingt trotzig.

Selbstbestimmtes Sterben

Und was, wenn Patric nicht wieder gesund wird? „Wir haben über alles, über wirklich alles gesprochen“, sagt Nicole Zocher. Über das Sterben. Und auch übers Sterbendürfen. Patric Zocher nickt. Er möchte sein Leben nicht an Maschinen hängen, möchte nicht beatmet, nicht über eine Magensonde ernährt werden. „Wenn es Patrics Wunsch ist zu gehen, fahren wir mit einer dicken Limousine in die Schweiz“, sagt Nicole Zocher. „Ich sage: Wenn! – Ich habe nicht vor, diesen Kampf zu verlieren.“

Das Kämpfen sei sie schließlich gewohnt. „Ich habe schon so viel durch...“ Zum Beispiel die große Schlecker-Pleite. 17 Jahre war Nicole Zocher Filialleiterin in Teltow. 2012 dann der Niedergang des Drogerie-Imperiums. Doch Nicole Zocher gab nicht auf, suchte sich einen neuen Job und landete schließlich im Dorv-Zentrum in Seddin. Sogar beim Film hat sie sich verdient gemacht. Die Potsdamer Produktionsfirma Ufa engagierte sie für die Sat-1-Komödie „Die Schlikkerfrauen“ als Beraterin.

So viel gekämpft, so lange durchgehalten, so oft ein gutes Ende erstritten. Jetzt hofft Nicole Zocher noch einmal auf ein Happy End. Es wäre das größte in ihrem Leben.

Von Nadine Fabian

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Potsdam
Potsdams Innenstadt - vor und nach dem Krieg

Der 14. April 1945 ist ein sonniger, warmer Frühlingstag – ein Sonnabend.  Um 22:15 Uhr ertönen die Sirenen, Bomben fallen auf Potsdam und wenig später marschiert die russische Armee in Potsdam ein. Das Stadtbild ist ein anderes geworden.

Das Protokoll zum Luftangriff: www.maz-online.de/Nacht-von-Potsdam

57811e88-cc1d-11e5-9fb5-3858ea6ed044
Babys aus Oberhavel (6)

Babys aus Oberhavel, Januar/Februar 2016

MAZab: Termine

Was geht ab? Jede Menge Events in Potsdam und im Land Brandenburg

Kinoprogramm

Alle aktuellen Filme in den Kinos von Potsdam und im ganzen Land Brandenburg