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Potsdamer mochten ihre alte Schwimmhalle

Halle am Brauhausberg endgültig dicht Potsdamer mochten ihre alte Schwimmhalle

Am Samstag fand das letzte Spiel der Potsdamer Wasserballer in der Schwimmhalle Am Brauhausberg statt. Dienstag wird wenige Meter entfernt das neue Sport- und Freizeitbad „Blu“ eröffnet. Die alte Halle soll abgerissen werden. Das ist schade, denn ihr Bau steht auch für den Umgang mit der Planwirtschaft in der DDR. Ein Nachruf auf eine beliebte Halle.

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Die alte Schwimmhalle am Brauhausberg mit den markanten Stufen-Brunnen.

Quelle: MAZ/MV/Anneliese Jentsch

Innenstadt. Manchmal dauert ein Abschied doch länger als gedacht. So gingen die Wasserballer des OSC Potsdam am Samstag dank einer Sondergenehmigung noch einmal in der Schwimmhalle Am Brauhausberg ins Wasser (7:10 gegen Duisburg), ehe am Dienstagabend Oberbürgermeister Jann Jakobs (SPD) das neue Sport- und Freizeitbad “Blu“ eröffnet. Die alte architektonisch anspruchsvolle Schwimmhalle, die seit 1971 ihren Dienst tat, soll demnächst abgerissen werden. Das ist schade, steht ihre Baugeschichte doch nahezu exemplarisch für den Umgang mit den Fährnissen der sozialistischen Planwirtschaft in der DDR.

Trotz Plan: Niemand wollte die Schwimmhalle bauen

1968 hatte das Zentrale Investitionsbüro für Sportbauten beschlossen, dass in der Bezirksstadt Potsdam eine Schwimmhalle gebaut werden solle. Bei dem Gebäude mit der markanten Spanndachkonstruktion handelte es sich um ein preisgekröntes „Wiederverwendungsprojekt“, bei dem alle architektonischen Vorgaben streng einzuhalten waren. „Da es jedoch an Geld, Personal und Material mangelte, sah sich niemand in der Lage, den Bau auszuführen“, erinnert sich Ulrich Sotscheck (73), von 1968 bis 1974 Direktor des Sportstättenbetriebes und bis 2009 Sachgebietsleiter Sportanlagen der Stadt. Schließlich wurde mit „politischer Autorität“ ein Betrieb aus Rathenow mit dem Bau beauftragt. „Dieser hatte einen Kran und eine Mischanlage. Diese war unter der Woche kaputt und wurde an den Wochenenden privat genutzt. Doch wir haben die Termine gehalten“, erzählt Sotscheck lachend.

Die Baugrube der Schwimmhalle Am Brauhausberg im August 1969

Die Baugrube der Schwimmhalle Am Brauhausberg im August 1969. Im Hintergrund ist das Interhotel Potsdam (r.) zu sehen, das am 7. Oktober 1969 eröffnet wurde.

Quelle: MAZ/MV/Wolfgang Mallwitz

Erschwerend kam hinzu, dass der Armeesportklub Vorwärts am Luftschiffhafen nahezu zeitgleich eine eigene Schwimmhalle für den Hochleistungssport hochziehen ließ. Was zu einer weiteren Finanzierungslücke für den Bau am Brauhausberg führte, erwies sich für die Einwohner Potsdams indes als Segen – sie traten als Spender auf und konnten die Halle später intensiver nutzen.

Trotz der strengen Verpflichtung zur Einhaltung der architektonischen Vorgaben wurde in Potsdam oft improvisiert. Der Kellerraum unter dem Kassen- und Garderobetrakt wurde nicht – wie gefordert – zugeschüttet, sondern nach dem Einbau von Lichtschächten zur Turnhalle für die Schule Am Brauhausberg und die Kraftsportler umgestaltet. Da dies zu Mehrkosten von 68 000 DDR-Mark führte, wurde gegen Sotscheck ein Parteiverfahren eröffnet. Er wurde gerügt.

Das geneigte Dacht blieb bis 1995 undicht

Riesige Probleme gab es von Anfang an mit der Dachform. Da es in der DDR keinen geeigneten Kleber für die geneigte Dachhaut gab, blieb es trotz aller Bemühungen der Dachdecker undicht. „Nach Regentagen tropfte es vom tiefsten Punkt der Decke noch tagelang ins Becken“, erinnert sich Sotscheck. Ein Mangel, der erst 1995 beseitigt werden konnte.

Das große Schwimmbecken während der Bauarbeiten 1971

Das große Schwimmbecken während der Bauarbeiten 1971.

Quelle: H. Dörries

Kurz vor der Eröffnung der Halle stellte sich zu allem Überfluss auch noch heraus, dass das 50-Meter-Becken nach Einhängen der Kontaktplatten zur Zeitmessung am Anschlag nur noch eine Länge von 49,95 Meter aufwies. Innerhalb von zwei Tagen wurde entschieden, die Stirnwand des Beckens abzutragen und zu verlängern. „Nach heutigen Maßstäben hätte es einen zweijährigen Baustopp gegeben“, ist sich Sotscheck sicher. Beim Ablassen des Wassers aus dem Becken wurde dann das Leipziger Dreieck unfreiwillig überflutet, da es noch keine Druckrohrleitung gab. „Die Gullydeckel flogen heraus und die Weiße Flotte hätte mit ihren Booten an der Straßenbahnhaltestelle anlegen können“, witzelt Sotscheck.

Wird das „Blu“ jemals so beliebt?

Der gebürtige Babelsberger könnte noch viele Anekdoten auftischen, die offenbar bei einem derartigen Großprojekt dazugehören. So jene über den aus heutiger Sicht völlig ungesicherten Transport der mit Chlorgas gefüllten Gasflaschen für die Wasseraufbereitung. Diese wurden mit einem Kleintransporter (Multicar) aus Bitterfeld herbeigeschafft, bis schließlich eine Firma für Gefahrentransporte einsprang.

Das letzte Spiel in der Schwimmhalle am Brauhausberg

Das letzte Spiel in der Schwimmhalle am Brauhausberg: Trainer Alexander Tchigir feuert am Samstag die OSC-Wasserballer an.

Quelle: Friedrich Bungert

Nach der Einweihung im Jahr 1971 wuchs die Schwimmhalle den Potsdamern schnell ans Herz. 1974 bestand sie bei der Europameisterschaft der Flossenschwimmer und Streckentaucher auch ihre erste internationale Bewährungsprobe. Doch nun ist Zeit für den Abschied. „Das neue Sport- und Freizeitbad wird bestimmt mit Freude übernommen“, glaubt Sotscheck. Ob es jedoch eine solche Beliebtheit erreicht, wie einst die Schwimmhalle Am Brauhausberg, müsse die Zukunft erst zeigen.

Schwimmhalle Am Brauhausberg

1969 wurde mit dem Bau der Schwimmhalle Am Brauhausberg begonnen. Als Vorbild diente die Schwimmhalle am Freiberger Platz in Dresden, die 1969 fertiggestellt worden war und heute unter Denkmalschutz steht.

Ähnliche Schwimmhallen wurden in Rostock, Leipzig, Erfurt und Halle (Saale) errichtet.

Im Gegensatz zu den Schwimmbädern in diesen Städten sollte die Schwimmhalle Am Brauhausberg der Bevölkerung zur breiten Nutzung übergeben werden und nicht nur für den Leistungssport zur Verfügung stehen.

Die Schwimmhalle wurde nach einigen finanziellen und bautechnischen Schwierigkeiten zum Tag der Republik am 7. Oktober 1971 eingeweiht.

Sie erfreute sich sofort großer Beliebtheit und war auch Austragungsstätte vieler wichtiger Wettkämpfe.

Von Jens Trommer

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