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Potsdam Potsdams Boheme trug „Schwarz-Weiß“
Lokales Potsdam Potsdams Boheme trug „Schwarz-Weiß“
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17:49 11.07.2017
Beim „Gartenfest“ in der Mittelstraße 30 am 11. Juli 1987. Quelle: Michael Gruner
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Potsdam

Der Hinterhof der Mittelstraße 30 war ungewöhnlich dekoriert. Mit einem Flies an der größten Brandmauer, mit Schattenfiguren aus Pappe, die ein Dach erkletterten, mit Schwarz-Weiß-Fotografien ringsum an den Wänden. Im Hof drängten sich Menschen. Am späten Nachmittag dieses 11. Juli 1987 kam der Regen: „Es fing wirklich an zu gießen“, sagt Ralf Petsching (56): „Doch wir haben einfach weitergetanzt. Wir haben die ganze Nacht durchgefeiert.“

Dekorierter Hinterhof in der Mittelstraße 30 am 11. Juli 1987. Quelle: Ralf Petsching

Petsching war aus Süd-Brandenburg nach Potsdam gekommen. Er wollte zum Film, arbeitete als Bühnentechniker am Hans-Otto-Theater, suchte eine Wohnung. Eine Freundin „empfahl mir, geh einfach durch die Stadt und guck, ob irgendwo Fester sind ohne Gardinen. Wenn du was findest, klopfst du beim Nachbarn an und fragst, was mit der Wohnung ist. Und wenn sie leer ist, ziehst du da ein“. Sein erstes Zimmer fand er in der Benkertstraße. „Da stand noch ein ausgeschlachteter Skoda-Motor im Raum. Neben dem habe ich dann die ersten Wochen geschlafen.“

Das Holländische Viertel mit seinen verfallenen Häusern „war ein wenig das Quartier Latin von Potsdam“, sagt Petsching. „Jeder, der ohne Zuzugsgenehmigung in die Stadt kam, musste sich zwangsläufig etwas suchen. Und da dort Wohnungen leer standen, hat man sie einfach instand besetzt. Schloss rein, geguckt, dass Strom war, Wasser kam aus der Wand, die Toilette eine halbe Treppe tiefer, fertig.“

Jörg-Peter Salge alias ZAP 1987 in seiner Wohnung. Quelle: Ralf Petsching

Im Holländischen Viertel war es „still wie auf dem Dorf“, sagt Jörg-Peter Salge alias ZAP (57). „Im Café Heider hatte mir einer einen Schlüssel in die Hand gedrückt für die Mittelstraße 28. Hier, Stichtag, mein Ausreiseantrag ist durch. So hatte ich plötzlich ein ganzes Haus für mich. Im Parterre wohnte noch eine alte Frau. Die hat an der Straße gesessen und die Tauben gefüttert.“ ZAP kam aus dem Harz und arbeitete als Haushandwerker in der Wissenschaftlichen Allgemeinbibliothek am Platz der Einheit.

Wenn man am Theater arbeitete, war man „mitten drin in der Szene“, sagt Petsching: „Nach drei Monaten kannte man alle, die ein bisschen schräg drauf waren. Viele wohnten im Holländerviertel, die meisten illegal. Viele waren kreativ, haben gemalt, fotografiert. Der zentrale Treffpunkt war das Café Heider. Das war die Dissidentenschmiede in Potsdam.“

In der Ausstellung „Schwarz-Weiß“, Mittelstraße 18, im Februar 1987. Quelle: Ralf Petsching

Petsching zog im Viertel mehrfach um. Zuletzt in die Mittelstraße 28: „ZAP wohnte neben mir. Wir waren dick befreundet, haben beide fotografiert.“ Die Idee zu einer größeren Fotoausstellung sei allmählich gewachsen. In der Mittelstraße 18 schräg gegenüber gab es eine sehr große Wohnung, die leer stand. Das Ausstellungsthema „Schwarz-Weiß“ hätten sie „ohne Hintergedanken“ gewählt, sagt Petsching: „Das war vollkommen unpolitisch. Nur aufgrund des Materials, das wir zur Verfügung hatten. Wir wollten einfach unsere Bilder zeigen. Landschaften, Stillleben, ein paar Akte, mehr war das gar nicht.“ Die meisten der beteiligten Fotografen waren Stammgäste im Heider.

Ralf Petsching (r.) und Michael Gruner in der Ausstellung „Schwarz-Weiß“. Quelle: Ralf Petsching

Ungewöhnlich war, dass die Ausstellung an allen Instanzen vorbei stattfand: „Wenn man in der DDR Kunst präsentieren wollte, musste man in einem Verband sein oder es gab ein Gremium, das entschied, was Kunst sein darf. Doch das wollten wir nicht“, sagt Petsching: „Die Behörden haben immer gedacht, dass die Leute im Holländerviertel Kern des Widerstandes sein müssten. Wenn man so etwas macht, ohne jemanden zu fragen, muss man doch Dissident sein. Dabei haben wir einfach am Rande der Gesellschaft gelebt.“

Jörg-Peter Salge alias ZAP mit der Einladungskarte für „Schwarz-Weiß“. Quelle: Bernd Gartenschläger

Zur Ausstellung waren nicht nur die Bilder schwarz-weiß, sondern auch die Räume: „Wir haben im größten Zimmer einen Nagel in den Fußboden geschlagen und dann mit einem Bindfaden Kreise gezogen bis über die Wände, die Decke, den Boden und das schwarz-weiß nachgemalt.“ Auch an die Gäste ging zur Vernissage am 28. Februar 1987 der Hinweis: „bitte nur in schwarz-weisz“. ZAP erzählt, dass die Stasi zur Eröffnung die Mittelstraße in Ost-Berlin überwachte. Der Grund: Auf der auch in Berlin verteilten Einladung hatten sie die Nennung der Stadt vergessen.

Ralf Petsching mit einer 30 Jahre alten Aufnahme der Mittelstraße 30 vor dem selben Haus. Quelle: Bernd Gartenschläger

In den Akten war später von einer „nicht genehmigten Fotoausstellung mit teilweise politisch-indifferenter Aussage“ die Rede, die eine Woche lang „täglich von 100 Personen“ besucht wurde. Man ließ die Macher in Ruhe. Erst nach Öffnung der Akten erfuhren sie, dass ein „Operativplan“ zum Vorgang „Aussteller“ angelegt worden war mit Zielen wie „Einleitung von Maßnahmen der zielgerichteten Zersetzung“. Sie hätten Glück gehabt, meint Petsching: „Ich bin dankbar, dass wir nicht in der Zeit gelebt haben, in der man dafür noch in den Knast gegangen wäre.“

Am 11. Juli folgte das Nachspiel mit dem Gartenfest im Hinterhof: „Das war Schwarz-Weiß 2, nichts anderes. Weil es Spaß gemacht hatte, weil es Erfolg hatte, weil die Leute lechzten nach solchen Formen des Ausdrucks, entstand spontan die Idee: Wir machen noch mal so ein Ding.“ Es gab weitere Hoffeste, sagt Petsching, „aber nicht mehr als Ausstellung. Es war das letzte Mal unter dem Ansatz, Fotografie in Schwarz-Weiß zu zeigen.“

Von der Mittelstraße zur Schiffbauergasse – Epilog

In der Mittelstraße 18 wurde kurz nach dem Mauerfall auf maßgebliche Initiative von Ralf Petsching eine der ersten Szenekneipen der Nachwendezeit in Potsdam eröffnet. In der Mittelstraße 30 gründeten Ursula und Rainer Sperl 1991 die mittlerweile älteste Privatgalerie Potsdams – heute Sitz im Parterre der alten Fachhochschule.

Ralf Petsching wurde später erster Geschäftsführer des vor 25 Jahren eröffneten Waschhauses in der Schiffbauergasse, schließlich Gründungsgeschäftsführer der Landesarbeitsgemeinschaft für Soziokultur, zu deren Mitgliedern namhafte Kulturzentren wie das Waschhaus und der Babelsberger Lindenpark zählen. Heute ist er Mitinhaber einer Firma Patcool für Faltbootzubehör.

Jörg-Peter Salge alias ZAP gründete kurz nach dem Mauerfall in der besetzten Fabrik, Gutenbergstraße, ein Tonstudio, wechselte damit 1992 in die Schiffbauergasse. Bei der Sanierung des Kulturquartiers wurde die Technik 2007 abgeräumt. Heute arbeitet ZAP mit seinem Studio 13 in Bergholz-Rehbrücke.

Von Volker Oelschläger

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