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Potsdams 120 Griechen bangen mit

Politische Krise in der Heimat Potsdams 120 Griechen bangen mit

Ihr Land erlebt Schicksalstage – die rund 120 Potsdamer Griechen sind in Gedanken zu Hause. Die MAZ hat Gastwirte besucht und festgestellt: Viele wollen gar nicht mehr über Politik reden. Und andere fahren sogar nach Griechenland fürs angekündigte Euro-Referendum.

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Gregorius Tzimas (M.) und seine Kollegen vom Restaurant Syrtaki (Bornim) haben Angst um Griechenlands Zukunft.

Quelle: Foto: gartenschläger

Potsdam. Griechenland steht vor der Entscheidung – Euro oder nicht? Die meisten der in Potsdam lebenden Griechen fiebern mit. Die MAZ hat sie besucht.

„Die EU ist wie eine Faust. Sie ist nur stark, wenn sie zusammenhält“, sagt Gregorius Tzimas. Der 31-jährige ist Geschäftsführer des Restaurants Syrtaki in Bornim. Tzimas lebt seit seiner Kindheit in Deutschland, ursprünglich stammt er aus Kanallaki, einem 5000-Seelen-Dorf im Westen des Landes. „Natürlich werde ich wählen gehen, ich bin doch Grieche!“ sagt er. Da es in Griechenland keine Briefwahl gibt, stehen ihm zehn Stunden Autofahrt nach Italien bevor, anschließend will er mit der Fähre übersetzen. Keineswegs zu viel Aufwand, findet Tzimas: „Es geht um die Zukunft der EU. Wenn Griechenland aus dem Euro geht, ist das der Anfang vom Ende.“ Dabei ist er sich sicher, was den Ausgang des Referendums angeht: „Kein Grieche, der logisch denkt, will aus der Eurozone austreten. Der Euro bringt Sicherheit“. Sicherheit ist genau das, was den Griechen im Moment fehlt. Tzimas’ Verwandte, seine Mutter, Schwester und Großmutter leben in Griechenland, er besucht sie dort drei bis vier Mal im Jahr. „Man fürchtet den kommenden Tag, keiner kann sagen, was als nächstes kommt“, beschreibt Gregorius Tzimas die ungewisse Zukunft seiner Familie.

Der Großmutter gehe es als Rentnerin besonders schlecht. „Sie hat schon wieder keine Rente gezahlt bekommen. Zum Glück hat sie noch etwas Bargeld zu Hause, aber das reicht nicht länger als eine Woche. Sie muss davon auch Medikamente bezahlen“. Wer die Verantwortung für die Misere trägt, liegt für den in Schleswig-Holstein aufgewachsenen Griechen auf der Hand. „Es sind die Politiker und die korrupten Eliten, die Griechenland über viele Jahre hinweg kaputt gemacht haben“, sagt Tzimas. Er verspürt keine Wut auf Deutschland, wie sie in griechischen Medien dargestellt wird. Im Gegenteil: „Ich kenne keinen einzigen Griechen, der sauer auf die EU oder Deutschland ist. Das Problem sitzt in unserem eigenen Land“, betont Tzimas. Kann er sich unter den aktuellen Umständen überhaupt auf den Besuch in Kanallaki freuen? „Ich freue mich auf meine Familie. Aber die Gedanken sind nur bei Sonntag und bei dem, was dann kommt.“

Lambrini Spentza sieht die Situation entspannter: „Ich weiß nicht, welches Ergebnis ich mir wünschen soll“, sagt sie zum Referendum, „aber mittlerweile denke ich: ,Mein Gott, dann kommt eben die Drachme wieder’.“ Seit 1996 lebt die 34-Jährige in Potsdam, ihre Familie betreibt das Restaurant Athos in Potsdam-West. Täglich telefoniert sie mit den Verwandten in Griechenland, die von der Lage verunsichert sind. „Die Leute haben es schwer. Keiner weiß, was wird“, sagt Spentza, „und anstatt mal die Steuern für Superreiche oder Glücksspiel anzuheben, machen sie die Butter teurer“. Sie – das ist die griechische Politik.

Auch Lambrini Spentza sieht die Regierung in der Verantwortung, dennoch findet sie lobende Worte für Premierminister Alexis Tsipras. Der habe aufgeräumt, findet Spentza, doch jahrelange Misswirtschaft könne man nicht in wenigen Monaten beseitigen. Spentzas Vater Ippokrates lebt seit 1978 in Deutschland. Im Moment sitzt er meistens vor dem Fernseher und verfolgt die Nachrichten im griechischen Fernsehen. Er beklagt die steigende Kriminalität in seiner Heimat: „Leute haben ihr Leben lang gearbeitet, holen all ihr Geld von der Bank und packen es sich unters Kopfkissen. Dann wird bei denen eingebrochen und alles ist weg. Das ist furchtbar – und denen hilft keiner!“

Der 60 Jahre alte Gastronom ist dennoch sicher: „Die Griechen schaffen das.“ Seine Tochter Lambrini ergänzt halb lachend, halb ernst: „Wir haben schon Schlimmeres überstanden. Wir haben ja schließlich auch die Türken überlebt“.

Von Saskia Popp

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