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12:36 10.05.2017
Wilhelm von Humboldt Quelle: MAZ
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Potsdam

Eigentlich beklagenswert: Nicht einmal die Humboldtbrücke über die Havel ist direkt nach einem der größten Söhne Potsdams benannt. Die erst Mitte der 70er-Jahre entstandene Brücke ist sowohl Wilhelm als auch Alexander von Humboldt gewidmet. Dabei ist nur der ältere der beiden Brüder, nämlich Wilhelm, in der ehemaligen Garnisonstadt geboren worden – am 22. Juni 1767. Seinen Geburtsort verdankt er dem Umstand, dass sein Vater Alexander Georg von Humboldt ab 1765 diensttuender Kammerherr bei Elisabeth Christine von Braunschweig, der Ehefrau des Thronfolgers Friedrich Wilhelm war. Der wiederum war ein Neffe Friedrichs des Großen. Obwohl ein Sohn Potsdams, wird Wilhelm von Humboldt auch von Potsdamern selbst meist mit Berlin assoziiert. Dort zog der Gelehrte später hin und dort gründete er 1809 die Berliner Universität, an deren Eingang er als Denkmal thront. Aber wenigstens zu seinem 250 Geburtstag kehrt er jetzt zurück. Die Humboldt-Gesellschaft für Wissenschaft, Kunst und Bildung ehrt den Sprach- und Bildungsforscher vom 5. bis zum 7. Mai mit einer Tagung in Caputh und in der Landeshauptstadt selbst.

Der Geschäftsführer der sich eigentlich mit beiden Brüdern beschäftigenden Humboldt-Gesellschaft, Georg Freiherr von Humboldt-Dachroeden, hatte jedenfalls keine Schwierigkeiten, die rund 250 Mitglieder der in Mannheim eingetragenen Gesellschaft nach Potsdam zu laden. Einem Ur-Ur-Ur-Enkel Wilhelm von Humboldts würde man vermutlich in dieser Sache auch ungern widersprechen, zumal dessen Vater auch noch in der Potsdamer Garnisonkirche selbst getauft worden war.

„Wilhelm ist in Potsdam geboren und wir feiern seinen 250. Geburtstag“, sagt von Humboldt-Dachroeden. Da habe es keine langen Diskussionen gegeben. Die Mitglieder des Vereins, zu denen nicht nur Professoren, sondern auch viele Interessierte gehörten, seien sowieso über ganz Deutschland verstreut und hätten bei Tagungen immer eine weite Anreise. Dem Verein gehe es auch um die Pflege des geistigen Vermächtnisses der Humboldt-Brüder: „Individuelle Freiheit und Bildung sind Stichworte, die Sie bei uns immer wieder finden werden“, sagt von Humboldt-Dachroeden. Deshalb lege man auch so viel Wert darauf, auch jüngere Menschen als Mitglieder zu rekrutieren. Die Bedeutung von Bildung hat der Nachfahr des berühmten Sprachforschers selbst erfahren. „Es ist eines der wichtigsten Dinge, die einem Menschen die Freiheit zu allen möglichen Entscheidungen gibt“, sagt der studierte Historiker und Germanist, der später in der Softwarebranche tätig war. In der Tagung werde natürlich auch Wilhelm von Humboldts Bildungsideal entfaltet.

„Wir wollten, dass die drei größten Säulen des Werkes von Wilhelm von Humboldt sichtbar werden“, sagt die Koordinatorin des Akademischen Rates der Gesellschaft, die frühere Professorin für Glas- und Keramiktechnik an der Technischen Universität (TU) Ilmenau, Dagmar Hülsenberg. Diese drei Säulen setzten sich zusammen aus seiner Sprachforschung, seiner Staatstheorie und dem damit verbundenen Rechtsverständnis und schließlich seinen diplomatischen Tätigkeiten. Zu allen drei Säulen gibt es Hauptvorträge renommierter deutscher Wissenschaftlern. So wird der Jurist und Publizist Dietrich Spitta am Sonnabend das Menschenbild Humboldts, sein Staatsideal und sein politisches Wirken entfalten.

Es kam den Organisatoren aber auch darauf an, zumindest ein paar untergeordnete Themen gleichfalls zur Sprache zu bringen. Simone Austermann vom Institut für Allgemeine Erziehungswissenschaft und Erwachsenenbildung der Technischen Universität Dortmund, wird zum Beispiel über Johann Heinrich Campe, den Hauslehrer der Humboldts berichten. „Ohne diesen hervorragenden Hauslehrer wäre die Bildungsgeschichte der beiden Humboldt-Brüder nicht so hervorragend verlaufen“, ist sich Präsidiumsmitglied Hülsenberg sicher.

Die Koordinatorin der Gesellschaft selbst ist für Wilhelm von Humboldt vor allem wegen dessen sprachlicher Talente voller Bewunderung. „Ich bin Ingenieurin und brauche Sprachen“, sagt sie. „Ich hätte wirklich gerne seine Sprachkenntnis.“ Doch Verständnis von etwa 40 verschiedenen Sprachen zu haben, wie es Wilhelm von Humboldt zugeschrieben wird, sei heute wohl kaum zu erreichen, obwohl es natürlich in der Zeit der Globalisierung ein Gebot der Stunde sei. Ebenso wie das humanistische Anliegen und die Weltoffenheit, die beide Brüder vertreten hätten. Insofern sehe es die Humboldt-Gesellschaft nur als folgerichtig an, den Präsidenten der Goethe-Gesellschaft, Klaus-Dieter Lehmann, am Sonntag im Museum Barberini mit der Goldenen Medaille der Humboldt-Gesellshaft auszuzeichnen. „Er ist einer der ersten, die die Idee hatten, mit dem Berliner Humboldt-Forum eine Stätte des zusammenfließenden Wissens und der Völkerverständigung einzurichten“, so Hülsenberg.

Alle Hände voll zu tun hat anlässlich des Geburtstages auch ein wichtige Wilhelm-von-Humboldt-Experte der Region, Jürgen Trabant, Professor emeritus für Romanische Philologie der Freien Universität (FU) Berlin. „Wir machen vom 21. bis zum 23, Juni, also zur Zeit des eigentlichen Geburtstags eine große Tagung an der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften“, sagt er. Dort würden auch Experten aus Italien und Frankreich erwartet und damit den Nationen, bei denen Wilhelm von Humboldt am fleißigsten gelesen werde. Dass sich das Studium Wilhelm von Humboldts lohnt, ist für Trabant keine Frage.

„Wilhelm von Humboldt ist der Begründer der modernen Sprachwissenschaft“, sagt der Philologe. Vor ihm hätten die Gelehrten die unterschiedlichen Sprachen vor allem als Ausdruck eines unterschiedlichen Wortschatzes wahrgenommen. Wilhelm sei zusammen mit Friedrich Schlegel einer der ersten gewesen, die das Augenmerk vor allem auf die Struktur der Sprache gerichtet hätten. „Die Wörter, die Lexeme, sind auch eine Art von Gestalt, diese Gestaltung wird wiederum grammatikalisch strukturiert.“ Eine solche Sicht habe erst einen Vergleich der verschiedenen Sprachen und ihrer grammatikalischen Bauweise erlaubt und damit Sprachwissenschaft in unserem heutigen Verständnis eingeleitet.

„Letztlich hat Wilhelm von Humboldt gedacht, was Sprache eigentlich ist“, sagt Trabant. „Sprache ist Denken“, fasst Trabant diesen Leitgedanken zusammen. Alles Denken sei sprachlich verfasst, sei Wilhelm von Humboldt grundlegende Theorie gewesen. Auf diesen Gesichtspunkt wird auch auf der Tagung der Humboldt-Gesellschaft eingegangen werden. So hat der Münchner Professor Peter Brenner seinen Vortrag über Humboldts Sprachphilosophie gleich „Die Sprache macht den Menschen“ betitelt.

Für den Laien seien die Humboldtsche Texte allerdings schwer verständlich, gibt der Humboldt-Experte Trabant zu. Immerhin: In Wilhelms rund 30 Seiten „Über das vergleichende Sprachstudium in Beziehung auf die verschiedenen Epochen der Sprachentwicklung“ von 1820 sieht der Professor für alle eine Empfehlung. Tragisch sei nur, dass ausgerechnet die später die Sprachwissenschaft dominierenden Amerikaner Wilhelm von Humboldt vor allem wegen schlechter Übersetzungen meist falsch verstanden und kaum beachtet hätten.

Der berühmte Noah Chomsky zum Beispiel sei vor allem auf Wilhelms Aussage herumgeritten, dass Sprache einen unendlichen Gebrauch endlicher Mittel ermögliche – und was das für unser Denken bedeute. Sonst habe er den deutschen Gelehrten links liegen lassen. Aber auch in Übersee ändere sich die Lage inzwischen. Der kanadische Philosoph Charles Taylor habe sich in seinem neuen Buch „Das sprachbegabte Tier“ unter anderem auch angemessen mit Wilhelm von Humboldts Sprachwissenschaft befasst. Vielleicht erlebt Potsdams berühmtester und zugleich unbekanntester Sohn ausgerechnet zu seinem 250. Geburtstag eine unerwartete Renaissance.

Von Rüdiger Braun

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