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Potsdam Potsdams neuer „Boulevardbulle“ ist eine Frau
Lokales Potsdam Potsdams neuer „Boulevardbulle“ ist eine Frau
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10:49 02.12.2015
Die Neue im Revier: Claudia Lang ist seit einem Jahr als Polizistin für die Potsdamer Innenstadt zuständig. Quelle: Foto: Julian Stähle
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Potsdam

Bubu ist noch immer präsent auf der Brandenburger. Auch wenn er seit gut einem Jahr in Rente ist, begleitet er Claudia Lang in gewisser Weise fast täglich bei ihren Runden durchs Revier. „Wo ist denn der Dicke?“ Diese Frage bekomme sie oft gestellt, sagt Revierpolizistin Claudia Lang, die vor einem Jahr die Nachfolge des legendären Potsdamer „Boulevardbullen“ (kurz: Bubu) Joachim Pfeifer angetreten hat.

Polizist Joachim Pfeifer ging im Oktober 2014 in den Ruhestand Quelle: Bernd Gartenschläger

Dass Pfeifers Amt, die Streife durch die Innenstadt zwischen Brandenburger Straße, Holländischem Viertel, Hegelallee und Bassinplatz, eine junge Frau übernommen hat, wissen längst nicht alle am „Broadway“. Körperlich ist die 38-Jährige das Gegenbild zu Joachim Pfeifer, der mit Schnauzbart, verschmitztem Grinsen und mächtigem Bauch über Jahrzehnte seinen Dienst in der Potsdamer City geschoben hat.

Claudia Lang ist deutlich unter 1,70, zierlich, mit sympathischem, fast schüchternem Lächeln. Die blonden Haare trägt sie zu einem lockeren Knoten unter der Polizeimütze zusammengebunden. Trüge sie nicht die blaue Uniform – ein Wintermodell gegen die Kälte – sie würde nicht auffallen im Trubel, schon gar nicht jetzt, wo die Innenstadt während des Weihnachtsmarkts voll ist mit Touristen und Glühweinfreunden. Und mit Taschendieben. Auch Diebesbanden, die Verkäufer ablenken und ins Regal greifen, haben im Adventstrubel leichtes Spiel.

Straßenmusiker bereiten den Geschäftsleuten Sorgen

Claudia Lang betritt ein Juweliergeschäft in der Fußgängerzone. „Hallo, die Damen, wir kennen uns noch gar nicht“, grüßt die Polizistin die beiden Verkäuferinnen und reicht ihnen ihre Visitenkarte über den Tresen. Sie fragt, ob es in der letzten Zeit Zwischenfälle gab, Diebstähle. Hin und wieder hätten sie Ärger mit Straßenmusikern, die sich direkt in den Eingangsbereich des Ladens stellen oder auf die Fensterbank am Schaufenster setzen, klagt Verkäuferin Juliane Werner. „Sie haben das Hausrecht“, klärt die Polizeioberkommissarin die Verkäuferinnen auf. Dann kommt das Gespräch auch schon auf „den Dicken“. „Der war so’n Urgestein, gemütlich. Kam öfter mal rein für ein Schwätzchen“, sagt Juliane Werner.

Claudia Lang hat nicht so viel Zeit für Schwätzchen. Meist drei Mal pro Wochen läuft sie ihre Runde in der Innenstadt, ansonsten sitzt sie in ihrem Büro in der Polizeiwache in der Henning-von-Tresckow-Straße, für Verwaltungsarbeit und das Beantworten von Anfragen. Die Aufgaben sind mehr geworden, das Personal weniger bei der Brandenburger Polizei. Claudia Lang, die in Kleinmachnow aufgewachsen ist, arbeitet seit 1999 als Polizistin. In Eiche und Golm war die zweifache Mutter zuvor als Revierpolizistin unterwegs. Der Ton auf der Straße sei insgesamt rauer geworden, sagt sie, die Leute hätten nicht mehr so viel Respekt vor Polizisten – auch wenn in der Potsdamer Fußgängerzone noch ein bisschen heile Welt herrscht und der Boulevard bislang nur ein Pflaster für die kleineren Gauner ist.

Polizisten zum Anfassen

In Potsdam sind insgesamt 20 Revierpolizisten im Einsatz, jeder ist für ein bestimmtes Stadtgebiet oder einen Ortsteil zuständig.

Der Revierdienst im heutigen Sinne hat bei der Polizei in Deutschland eine weit über hundertjährige Tradition. Ob als „Schutzmann an der Ecke“ oder „Orts-Gendarm“ war der Revierpolizist schon immer unmittelbarer polizeilicher Ansprechpartner für die Bürger vor Ort.

Auch durch die Deutsche Volkspolizei
in der ehemaligen DDR wurden mit den sogenannten „Abschnittsbevollmächtigten (ABV)“ Polizeibedienstete mit ähnlichem Aufgabenspektrum eingesetzt.

Zu den Aufgaben von Revierpolizisten gehören neben der klassischen Streife auch Schulwegsicherung, Verkehrsüberwachung, das Abhalten von Bürgersprechstunden und Öffentlichkeitsarbeit in Kitas und Schulen.

Der Lebkuchenverkäufer flirtet mit der Polizistin

„Die verhaftet mich jedes Mal!“, ruft Herbert Päprer fröhlich und hält der Beamtin eine Tüte mit süß-duftenden, gerösteten Mandeln entgegen. Päprer ist auf der Brandenburger fast so eine Institution wie Bubu. Jedes Jahr zur Weihnachtszeit baut der Berliner seine Bude mit Süßigkeiten und Lebkuchenherzen in der Fußgängerzone auf. Klar kennt er den Dicken. „Lange nüscht von ihm gehört, also geht ’s ihm gut“, sagt Päprer und dass er sich freue über die nette Nachfolgerin. Noch einmal lockt er mit Mandeln, zwinkert schelmisch, aber Claudia Lang bleibt standhaft.

Die Zarte kommt nicht weit, da wird sie von einem Rentnerpaar angesprochen. Die Touristen fragen nach der besten Busverbindung. Die Polizistin gibt bereitwillig Auskunft, schlendert weiter, mit wachem Blick auf Stände und Passanten. Auf Höhe Dortustraße will ein Autofahrer die Fußgängerzone kreuzen. Sie stoppt ihn: 20 Euro Verwarngeld. Claudia Lang lächelt leicht, als sie sich umdreht . Es ist ein „Haste-nicht-gedacht-was?“-Lächeln. Kleine, ruhige Frau, schnell unterschätzt. Das kann auch ein Vorteil sein, scheint ihr Blick zu implizieren. Die Kerle wiegen sich in Sicherheit – dann schnappt sie zu. Aber ist es nicht schwierig, immer noch im Schatten des Dicken zu stehen, ständig auf ihn angesprochen zu werden? Claudia Lang schüttelt den Kopf. „Nein“, sagt sie, „er ist ja wirklich eine Institution.“

Ein paar Schritte weiter, schon sieht die Neue im Revier das nächste Vergehen: „Steigst du bitte ab!“, ruft sie mit fester Stimme einem Mädchen hinter, das – eine Geige auf dem Rücken – mit dem Rad durch die Fußgängerzone fährt. Die Musikschülerin springt sofort vom Rad und schiebt. Langs Hauptgeschäft: für Ordnung sorgen in der Fußgängerzone. „Und ich bin Ansprechpartnerin, für Bürger und die Geschäftsleute“, sagt sie und betritt einen Glasladen. Die Verkäuferin ist neu. Claudia Lang stellt sich vor. „Es ist schon ein gutes Gefühl zu wissen, dass die Polizei in der Nähe ist“, sagt die Frau und legt die Visitenkarte neben die Kasse.

Das findet auch Erol Ömer, Mitarbeiter des Dönerladens Bistro XXL. Er passt Claudia Lang zwischen den Weihnachtsständen ab. „Hallo, wie geht’s dir?“, fragt er, „alles klar?“ Und wann sie endlich einen Tee trinken kommt. Ömers Imbiss war die Hauptanlaufstelle des Dicken. Bubu liebte den schwarzen Tee, den die Kurden ihm servierten – oder mehr noch die Kekse, die es dazu gibt. Claudia Lang kennt Erol Ömer, sie war mit Joachim Pfeifer auf Streife. Er hat der Kollegin sein Revier gezeigt bevor er sich verabschiedete. Aber Claudia Lang lehnt den Tee ab und die Kekse. Keine Zeit. Sie muss wieder ins Büro. Eine ruhige Kugel schieben is’ bei ihr nicht.

Von Marion Kaufmann

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