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Premiere für „Abend über Potsdam“

Schauspiel über Gemälde von Lotte Laserstein Premiere für „Abend über Potsdam“

Das Schauspiel „Abend über Potsdam“ über ein Gemälde von Lotte Laserstein hat am Freitag am Hans-Otto-Theater in Potsdam Premiere. Die Schauspieler Marianna Linden, Philipp Mauritz und Florian Schmidtke erzählen von ihrer Auseinandersetzung mit dem Stück.

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Die HOT-Schauspieler Marianna Linden, Philipp Mauritz und Florian Schmidtke.

Quelle: Bernd Gartenschläger

Potsdam. Marianna Linden, Philipp Mauritz und Florian Schmidtke sind Freunde in der Eröffnungsszene des Schauspiels „Abend über Potsdam“, das am Freitag am Hans-Otto-Theater in Potsdam Premiere hat. Lutz Hübner und Sarah Nemitz schrieben das Stück über das gleichnamige Gemälde von Lotte Laserstein (1898-1993) im Auftrag des HOT. Entstanden 1929/1930 am Vorabend des Dritten Reichs, liegt auf dem Bild eine unheilvolle Atmosphäre: Das Panorama der Potsdamer Innenstadt unter grauen Wolken, die kleine Gruppe am Tisch auf dem Balkon in tiefer Entfremdung. Frauen mit dem Blick ins Leere, Männer, die sich stumm fixieren.

Der Erwerb des Bildes durch die Berliner Nationalgalerie wurde 2010 in der Fachwelt gefeiert. Es bekam einen eigenen Saal. Einem breiteren Publikum jedoch sind bis heute weder das Gemälde noch die Künstlerin bekannt, deren Karriere nach glanzvollem Beginn in den 1920er Jahren unter den Nazis jäh erlosch. Auch für Linden, die heute als Lotte Laserstein auf die Bühne kommt, für Mauritz als Dramaturg und Impresario Ernst Rose, für Schmidtke als Journalist Bodo Imhoff waren Name und Werk bisher kein Begriff: „Ich glaube, viele denken bei ,Abend über Potsdam’, es wird ein bunter Theaterabend über Potsdam“, sagt Mauritz.

„Abend über Potsdam“ von Lotte Laserstein

„Abend über Potsdam“ von Lotte Laserstein.

Quelle: Nationalgalerie Berlin

Seit gut einem Jahr ist die Neue Nationalgalerie für eine Generalsanierung bis 2020 geschlossen und der „Abend über Potsdam“ im Depot. Inmitten von Werken anderer großer Künstler wie Otto Dix, wie Linden schildert: „Die hängen da in den Regalen.“ Dass die Theaterleute in kleinen Gruppen hinein durften, bezeichnet Mauritz als „Luxus“: „Es war uns erst danach bewusst, was wir da eigentlich gesehen haben.“ Das Sujet des Stücks ließe sich im Prinzip auch auf andere Orte übertragen, sagt Schmidtke: „Ein Maler malt ein Bild mit fünf Freunden. Innerhalb der Gruppe gibt es Beziehungsgeflechte, die sich im Laufe des Abends verändern, auflösen aufgrund der politischen Neuorientierung von einigen. Und das führt zur Eskalation.“ Die Künstlerin male während dessen ihr Bild. Doch alles an diesem Stück ist Potsdam. Und Berlin.

Der Balkon ist nicht ganz so groß wie in dem Bild behauptet

Auch den Ort, an dem das Gemälde begann, haben sie sich angesehen. Eine Villa in der Weinbergstraße: „Aber es wirkt künstlerisch verfremdet“, sagt Linden. Der Balkon sei nicht ganz so groß wie in dem Bild behauptet, der Hintergrund, das Panorama der Stadt, sei näher gerückt: „Es ist, wenn man da steht, schon alles weiter weg.“ Im Stück, beim ersten Treffen der Freunde am 29. September 1929, wird sie als Malerin drängen: „Es zieht sich langsam zu, wir sollten anfangen.“ Und Lise Henkel (Nina Gummich), der jungen Telefonistin, wird sie auf deren Frage nach dem passenden Kleid antworten: „Ich mache heute nur Hintergrund und Silhouetten, das entscheiden wir im Atelier.“

Marianna Linden als Lotte Laserstein

Marianna Linden als Lotte Laserstein

Quelle: HL Böhme

Fast ein Jahr, das ist wohl verbürgt, arbeitete Lotte Laserstein danach in ihrem Atelier in Berlin-Wilmersdorf an dem Bild. Die Freunde saßen und standen Modell. In dieser Zeit veränderten sich die Gesellschaft und die Menschen. Was in der Milde eines Spätsommerabends begonnen hat, nimmt bittere Züge an. „Sie versucht zunächst, einfach nur festzuhalten an dem Motiv, das sie sich ausgedacht hat. Aber sie kommt so eben nicht weiter“, sagt Linden.

Ernst Rose bringt im November die Nachricht vom Börsencrash, vom Schwarzen Freitag ins Atelier. Bodo Imhoff, wie alle Freien Autoren von der Vossischen Zeitung vor die Tür gesetzt, sieht eine Chance beim Völkischen Beobachter, dem Blatt der Nazis. Und plötzlich spielt es für Lise Henkel, die mit einem SA-Mann zusammen ist, eine Rolle, dass Lotte Laserstein eine Jüdin ist. „Sie hat eigentlich einen Plan, wie sie es malen will“, sagt Schmidtke, „doch durch die Veränderungen der Gesellschaft, mit der sie sich umgibt, verändert sich auch das Bild.“

„Es gibt Momente, wo einem die Ohren klingeln“

Ernst Rose und seine Frau Traute (Meike Finck) haben ebenso wie die Malerin selbst reale Vorbilder. Das Rose-Theater in Berlin-Friedrichshain fasste 1000 Zuschauer, wurde 1945 bei der Schlacht um Berlin zerstört und für den Bau der Stalinallee abgetragen. Traute war Freundin und Muse von Lotte Laserstein. Die restlichen Figuren sind Fiktion. Als sie das fertige Bild den Freunden zeigen will, sind nur noch Ernst Rose und Traute dabei. Zu Ostern 1930 gab es einen Versuch der Künstlerin, die Runde noch einmal zusammen zu bringen: „Alle kommen mit dem schweren Kopf“, sagt Mauritz: „Ich weiß, dass Imhoff ein Nazi geworden ist. Wir treffen jetzt aufeinander. Es kann nur knallen. Und dann knallt es wirklich.“

Das Stück spielt konsequent in seiner Zeit, doch „es gibt Momente“, sagt Linden, „wo einem die Ohren klingeln, wo man denkt, okay, die Demokratie hat versagt. Das wird gesagt in dem Stück, und das hört man ja heute auch. ,Lügenpresse’ kommt vor als Wort. Es gibt schon viele Assoziationen zu heute, mit so einer Situation davor. Oder – wovor?“ „Ich glaube“, sagt Mauritz, „sie hat da etwas Visionäres entworfen. Im letzten Bild den Stücks bekommt die NSDAP plötzlich 60 Mandate, was ein Wahnsinns-Sprung für die ist. Und da wird ihr erst klar, was sie geschaffen hat mit diesem Werk, mit diesem Bild.“

Premiere im Neuen Theater

Die Premiere der Uraufführung von „Abend über Potsdam“ am Freitag um 19.30 Uhr im Neuen Theater ist ausverkauft.

Die nächste Vorstellung wurde kurzfristig für Sonnabend, 19.30 Uhr, als Ersatz für die krankheitsbedingt abgesagten „Familiengeschäfte“ von Alan Ayckborn angesetzt.

Weitere Vorstellungstermine am 15. April um 19.30 Uhr, am 16. April um 17 Uhr, am 28. April, am 6. Mai und am 17. Mai um 19.30 Uhr, sowie am 21. Mai um 15 Uhr.

Karten und weitere Informationen im Internet auf www.hansottotheater.de

Von Volker Oelschläger

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