Volltextsuche über das Angebot:

29 ° / 17 ° wolkig

Navigation:
Pro Potsdam sperrt Besetzer aus

Studenten besetzen Wohnung im Behlert-Block Pro Potsdam sperrt Besetzer aus

Die Auseinandersetzungen um bezahlbaren Wohnraum in Potsdam haben einen neuen Höhepunkt erreicht. Jetzt sind es Studenten, die in die Offensive gehen, die Stadtpolitik und die städtische Immobilienholding Pro Potsdam attackieren - und sich dafür sogar strafbar machen.

Voriger Artikel
Rotes Fleisch bleibt gefährlich
Nächster Artikel
Linken-Kreischef widerspricht Stolpe

Demonstration gegen steigende Mieten.

Quelle: Bernd Gartenschläger

Innenstadt. Wie berichtet, haben sie in den vergangenen Tagen eine Wohnung besetzt. Die Aktion ist nun aufgeflogen. Bereits am Mittwoch sind Pro-Potsdam-Mitarbeiter auf das aufgebrochene Appartment in der Behlertstraße gestoßen. Gestern fanden sie die Wohnung erneut geknackt vor. Die Pro Potsdam wirft den Besetzern Hausfriedensbruch, Sachbeschädigung und Vandalismus vor und hat Anzeige erstattet. Auch der städtische Versorger EWP ist alarmiert, denn die unrechtmäßigen Untermieter hatten die Plombe am Verteiler aufgebrochen und den Strom angezapft.

Die Besetzer haben ihre Matratzen, Schlafsäcke und andere Habseligkeiten inzwischen aus der Wohnung geklaubt. Nach wie vor wollen sie anonym bleiben. Ihre Motive sind derweil auf Graffiti an den Wohnungswänden verewigt: "Keine Räume für Pro Potsdam" steht da geschrieben und "Wohnungen denen, die drin wohnen". In einem Blog erklären sie außerdem, dass es unverständlich ist, dass in Potsdam Wohnungen leer stehen und nicht auf dem Markt zu finden sind, während hunderte Studierende seit Monaten erfolglos eine Wohnung suchen.

"Der Vorfall ist ungewöhnlich", sagte Pro-Potsdam-Sprecher Sebastian Scholze am Freitag der MAZ. Er warnt zugleich Nachahmer: "Die Pro Potsdam wird das so nicht hinnehmen. Jeder Fall wird zur Anzeige gebracht."

Der Asta (Allgemeiner Studierendenausschuss) der Universität Potsdam stellt sich indes vor die Besetzer und rechtfertigt ihr Vorgehen. Die Stadt sollte die Besetzung "als ein weiteres deutliches Signal ansehen, dass schnellstmöglich eine Lösung für die prekäre Wohnraumlage in Potsdam gefunden werden muss." Zum einen seien die Wohnheime des Studentenwerks "über die Maßen besetzt; es gibt Wartesemester", sagt Kultur-Referent Jürgen Engert. Zum anderen lasse der Wohnungsmarkt Studenten und anderen Menschen mit schmaler Börse keine Chance. "In einer Stadt, die fragwürdige Prestigeprojekte wie das Stadtschloss und die Garnisonkirche wieder aufbaut, anstatt sich endlich der real existierenden Wohnungsnot zu widmen, sollte man sich nicht wundern, wenn Leerstand pragmatisch genutzt wird."

Zwar ist die Pro Potsdam nicht mit der Polizei, sondern lediglich mit dem Hauswart und dem Schlüsseldienst angerückt, doch der Asta betrachtet die Wohnung auf jeden Fall als geräumt, sagt Engert. Dies sei "in Sachen politischer Gestaltungsfähigkeit ein schreiendes Armutszeugnis". Rund 17.000 Wohnungen gehören zur Pro Potsdam; zwei Drittel sind saniert. "Etwa 100 Wohnungen stehen derzeit sanierungsbedingt leer und werden nicht vermarktet", sagt Scholze. Diese Wohnungen würden entweder freigehalten, weil man gerade die Bauarbeiten plant oder vorbereitet und es unwirtschaftlich wäre, sie für eine kurzfristige Vermietung provisorisch instandzusetzen. Oder sie würden freigehalten, weil sie als Ausweichquartiere für jene dienen sollen, deren Wohnungen demnächst saniert werden.

Dass sich die Aktivisten ausgerechnet den Behlert-Block für ihren Protest ausgesucht haben, dürfte kein Zufall sein. Das 1935 gebaute Objekt mit mehr als 260 Wohnungen gilt als zweite Heidesiedlung. Im Mai fiel das Ensemble nach Jahren ungeklärter Eigentumsverhältnisse an die Pro Potsdam. Viele Bewohner und der Arbeitskreis "Recht auf Stadt" befürchten seither, dass die Pro Potsdam das Objekt ‒ wie zunächst auch die Heidesiedlung in Babelsberg ‒ verkaufen will und eine Luxussanierung droht, die das Wohnen dort unerschwinglich macht.

Was die Zukunft dem Behlert-Block tatsächlich bringt, ist unklar. "Wir werden uns mit dem Objekt Anfang 2014 intensiv beschäftigen", sagt Scholze. Erst nach einer gründlichen Bestandsaufnahme und Gesprächen mit den Mietern wolle man entscheiden, in welcher Form saniert wird. "Die Baukosten sind auf jeden Fall sehr hoch und kommen denen eines Neubaus gleich." Eine Nettokaltmiete von 5,50 Euro pro Quadratmeter sei schlicht utopisch. Hier sieht die Pro Potsdam auch die Stadtverordneten in der Pflicht, wenn sie eine sozial durchmischte Stadt wollen. Scholze wies darauf hin, dass die Pro Potsdam derzeit 40 Wohnungen für Leute wie Studenten und Alleinerziehende bereit hält ‒ mit Wohnberechtigungsschein zu besonders günstigen Konditionen.

Von Nadine Fabian

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Potsdam
Potsdams Innenstadt - vor und nach dem Krieg

Der 14. April 1945 ist ein sonniger, warmer Frühlingstag – ein Sonnabend.  Um 22:15 Uhr ertönen die Sirenen, Bomben fallen auf Potsdam und wenig später marschiert die russische Armee in Potsdam ein. Das Stadtbild ist ein anderes geworden.

Das Protokoll zum Luftangriff: www.maz-online.de/Nacht-von-Potsdam

57811e88-cc1d-11e5-9fb5-3858ea6ed044
Babys aus Oberhavel (6)

Babys aus Oberhavel, Januar/Februar 2016

MAZab: Termine

Was geht ab? Jede Menge Events in Potsdam und im Land Brandenburg

Kinoprogramm

Alle aktuellen Filme in den Kinos von Potsdam und im ganzen Land Brandenburg