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Bewährungsstrafe für ein Menschenleben

Junge Radfahrerin starb in Potsdamer Pappelallee Bewährungsstrafe für ein Menschenleben

Es war ein ganz normaler Montagmorgen im April 2013, als eine junge Potsdamerin mit dem Fahrrad zur Arbeit fuhr. Doch ein unachtsamer Moment eines abbiegenden Lkw-Fahrers kostete an diesem Morgen ein Menschenleben. Wegen fahrlässiger Tötung ist der 47-jährige Mann am Mittwoch zu einer Freiheitsstrafe von sechs Monaten auf Bewährung verurteilt worden.

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An dieser Ecke passierte der tödliche Unfall.

Quelle: Detlev Scheerbarth

Potsdam. Zu einer Freiheitsstrafe von sechs Monaten auf Bewährung wurde der Lkw-Fahrer verurteilt, der den Tod einer Radfahrerin in der Pappelallee verursacht hat. Das Gericht sah es am Mittwoch als erwiesen an, dass sich der 47-Jährige aus der Gemeinde Beetzsee (Potsdam-Mittelmark) der fahrlässigen Tötung schuldig gemacht hat. Er habe die junge Frau aus Unachtsamkeit übersehen, sagte Richterin Reinhilde Ahle. Der Tod der Radfahrerin sei vermeidbar gewesen, wenn der Lkw-Fahrer beim Abbiegen nur genauer hingeschaut hätte.

Kein Urteil der Welt kann wiedergutmachen, was sich am 15.April 2013 an der Kreuzung von Pappelallee und August-Bonnes-Straße in Bornstedt ereignete. Das wissen alle, die im Verhandlungssaal Platz nehmen – vor allem der deutlich angegriffene Angeklagte Jörg K. und die Eltern der Getöteten. Sie werden an diesem schweren Tag, der einer von so vielen schweren Tagen in den verstrichenen 13 Monaten ist, von Freunden ihrer Tochter begleitet. Der Einzug der Angehörigen in den Saal gleicht einer Prozession. Es ist das letzte Geleit für Kathleen Bruere, deren tragischer Tod die Potsdamer erschüttert und eine Debatte über die Sicherheit von Radfahrern auf den Straßen der Landeshauptstadt ausgelöst hatte.

Die junge Radlerin fuhr auf dem Zwei-Richtungen-Radweg in Blickrichtung des Fotos, als ein Laster hinter ihr links zur „Bonnes“ abbog und den Radweg kreuzte.

Quelle: Rainer Schüler

Es war ein warmer Frühlingstag, als sich Kathleen kurz vor 9 Uhr zu ihrer Arbeitsstelle im Bürgerservice aufmachte. Sie radelte die Pappelallee entlang, auf der der Angeklagte seinen Sattelschlepper stadteinwärts lenkte. An der August-Bonnes-Straße kam es zur Katastophe. Beim Abbiegen übersah Jörg K. die 23-Jährige, die links von ihm auf dem Radweg fuhr. Laut einer Augenzeugin prallte sie mit voller Wucht an die Zugmaschine, stürzte und wurde vom Auflieger überrollt. Sie erlag noch am Unfallort ihren schweren Verletzungen.

Jörg K. hat den Aufprall weder gehört noch gespürt. Er fuhr noch einige Meter weiter, bis er stoppte. "Ich habe die Frau erst gesehen, als sie unter den Rädern war", sagt er. Er beteuert, dass er vor dem Abbiegen nach links und rechts geschaut habe. "Ich habe geguckt – nicht nur in den Spiegel, sondern auch aus dem Fenster."

An der Unfallstelle erinnern seit April 2013 Blumen, Kerzen und ein weißes Holzkreuz an die junge Frau. Im April 2014 ist ein sogenanntes Geisterrad hinzugekommen: ein weiß lackiertes Fahrrad, das an im Straßenverkehr tödlich verunglückte Radfahrer erinnert.

Quelle: Bernd Gartenschläger

Auf dem Radweg wird der Verkehr in beide Richtungen geführt. "Eine ungünstige Variante", sagt der Polizist, der den Unfall aufgenommen hat. "Man muss dort sehr vorsichtig sein. Es ist schwierig da." Dazu passt der Bericht der Augenzeugin: Radfahrerin und Lkw-Fahrer hätten einander nicht wahrgenommen. Der Lkw sei aus einem Stau heraus langsam, aber in einem Zug abgebogen. Die Radlerin habe einen Schreck bekommen, aber nicht mehr bremsen können. Auch die Aussage des Angeklagten legt nahe, dass die Passage tückisch ist. Denn obwohl er dort schon einige Male entlanggekommen war, habe er nicht gewusst, dass der Weg in zweiRichtungen läuft. "Ich habe nicht damit gerechnet, dass von da ein Radfahrer kommt."

Gefährdete Radfahrer

  • Hunderte Bürger hatten nach dem tödlichen Unfall an der Pappelallee die MAZ und die Stadt auf Gefahrenstellen hingewiesen. Die Analyse ergab laut Verwaltung 55tatsächliche Risiken. Das Fazit des Baubeigeordneten Matthias Klipp lautete: "Radfahren in Potsdam ist grundsätzlich sicher."
  • Nach dem Unglück auf der Pappelallee wurden dort Sofortmaßnahmen für mehr Sicherheit eingeleitet: Die Rotmarkierung wurden erneuert und Piktogramme mit gegenläufigen Pfeilen aufgebracht, um besser auf den Zweirichtungsradweg hinzuweisen.
  • Die Zahl der Unfälle mit Radlern ist in Potsdam und im Landkreis Potsdam-Mittelmark laut Verkehrsministerium dramatisch angestiegen. Demzufolge sind seit 2009 in Potsdam und im Umland 16Radfahrer bei Unfällen ums Leben gekommen, 252 wurden schwer verletzt.

Für den Staatsanwalt ist das unerheblich. "Wenn er sagt, er hat sie nicht gesehen, dann hat er nicht richtig geguckt", sagt Jörg Möbius. "Die Expertise bestätigt, dass die Radlerin – egal, ob sie schnell, durchschnittlich oder langsam fuhr – für den Lkw-Fahrer sichtbar war: Durch einen sorgfältigen Blick in den Spiegel und über die Schulter." Er forderte neun Monate auf Bewährung, 150 Sozialstunden und den Entzug des Führerscheins. Verteidiger Alexander Dauer bat indes um Milde. Sein Mandant habe einen schrecklichen Fehler begangen. "Aber Strafe soll nicht vernichten." Er plädierte für 900 Euro Geldstrafe.

Das Urteil nahm Jörg K. schweigend an. "Sie müssen die Schuld, dass ein Mensch gestorben ist, ein Leben lang tragen", so die Richterin. Womit Jörg K. – er hat Kinder in Kathleens Alter – auch leben muss, ist die Ungnade der Hinterbliebenen. Zum ersten Mal begegnet er im Prozess Christine und Detlef Schupik, deren Tochter er das Leben nahm – sein Bedauern hatte er ihnen bis dato nicht ausgedrückt. Er habe sich nicht getraut, sagt er weinend. Als sein Anwalt vermitteln will, lehnen die Eltern ab. "Diese Geste, ein paar Zeilen, eine Beileidskarte... Das war uns wichtig. Darauf haben wir lange gewartet. Jetzt ist es zu spät."

Von Nadine Fabian

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