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Potsdam Täter schieben sich einander die Schuld zu
Lokales Potsdam Täter schieben sich einander die Schuld zu
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18:17 05.11.2018
Jorge H. – hier beim Prozessauftakt am 22. Oktober – sitzt in Untersuchungshaft und wird im Gericht in Handschellen vorgeführt. Quelle: Friedrich Bungert
Potsdam

Sie wollten den ganz große Coup durchziehen, jetzt sind sie ganz groß darin, sich gegenseitig die Schuld zuzuschieben. Am Montag ist vor dem Landgericht Potsdam der Prozess gegen die vier Berliner John R. (25), Jorge H. (22), Florian G. (32) und Nico N. (25) fortgesetzt worden. Die Männer haben in einer Julinacht 2017 eine Familie in ihrer Villa am Jungfernsee überfallen, misshandelt und ausgeraubt. Aber: Wer hat in jener Nacht was getan?

Ein Komplize will nicht mitmachen

Drei der Angeklagten haben vor Gericht ausgesagt und Geständnisse abgelegt. Nur Nico N. schweigt – aus gutem Grund, denn die Komplizen entlasten ihn: N. war demnach zwar am Tatort, er hat den Überfall aber dem Vernehmen nach weder mitgeplant noch daran mitgewirkt. Dabei waren John R., Jorge H. und Florian G. in der Tatnacht von Potsdam extra noch einmal nach Berlin zurückgefahren, um ihn dazu zu holen. „Wir haben ihm gesagt, dass es großes Geld geben könnte“, sagt Jorge H. Doch an der Villa angekommen, habe N. schnell gesagt, er wolle nicht mitmachen: Die Sache sei ihm nicht geheuer. So hatte er Licht im Haus gesehen und vermutet, dass die Bewohner daheim sind.

Jorge H. war das egal. „Wenn ich ehrlich bin: Ich wollte da auch einsteigen, wenn Leute im Haus sind. Ich war verzweifelt wie noch nie. Ich war auf das Geld fixiert. Es schien die Lösung für meine Probleme zu sein.“ Seine Eltern, Betreiber einer Reinigung, hätten damals Ärger mit dem Finanzamt und Schulden gehabt. „Das Amt drohte, die Firma zu schließen und die Konten einzufrieren. Meine Mutter hatte Angst, die Familie landet auf der Straße.“ Täglich hätten Mutter und Stiefvater gestritten. „Ich wollte nur noch, dass das aufhört“, so H.: „Ich war bereit, alles zu machen.“Als Florian G. von einem Haus in Potsdam erzählte, „in dem eine große Menge Geld liegen sollte“, habe er nicht lange überlegt. Weil auch John R. Geldsorgen hatte, habe man ihn dazu geholt.

Beim Einbruch in die Hand geschnitten

Wie die Männer beim Einbruch vorgingen, scheint auf den ersten Blick tölpelhaft – auf den zweiten abgebrüht. Jorge H. gibt zu, dass er es war, der die Scheiben einer doppelt verglasten Tür einschlug – mit zwei Versuchen. Beim ersten habe er sich an der Hand verletzt, sei mit John R. zurück zum Auto gegangen, wo ihm Florian G. den Sani-Kasten reichte und man die Schnittwunde verarztete, um dann zum Haus umzukehren und die zweite Scheibe zu zertrümmern. Sie seien daraufhin erneut zum Auto gegangen, um abzuwarten, ob jemand in der Nachbarschaft etwas mitbekommen habe. Dann habe man N. geholt.

Jorge H. und John R. gingen schließlich allein ins Haus und schreckten die Bewohner – ein Ehepaar und dessen elfjährige Tochter – auf. „Es ist dann einfach eskaliert“, sagt Jorge H. Sein Kumpel sei „komplett außer Kontrolle“ gewesen, habe den Mann und die Frau geschlagen, das Kind in den Schwitzkasten genommen. „Ich habe nicht nur einmal gesagt, er soll damit aufhören“, so H. „Ich wollte einfach nur das Geld und weg. Aber er hat die Beherrschung verloren. Ich war geschockt – ich hatte ihn noch nie so erlebt.“ Dass er selbst die Familie mit einem Messer in Schach hielt, spielt H. herunter. Die Klinge des Messers, das er in der Küche gefunden und mitgenommen habe, sei „nicht allzu lang“ gewesen: „Bedrohlich sah es, glaube ich, nicht aus.“

Einen konkreten Plan soll es noch gar nicht gegeben haben

Spielt auch Florian G. seine Tatbeteiligung herunter? Der Älteste im Quartett gibt sich Mühe besonnen zu wirken. „Es war klar, dass man da nur einsteigt, wenn keiner da ist – das war die Grundvoraussetzung“, sagt er: „Es sollte was Sicheres werden.“ Einen konkreten Plan habe man an jenem Juliabend noch nicht gehabt. Man sei lediglich nach Potsdam gefahren, um die Speicherkarte aus der rund eine Woche zuvor installierten und auf den Eingang der Villa gerichteten Kamera zu holen und daheim auszulesen. „An diesem Tag sollte sonst nichts passieren. Wir hatten keine Handschuhe dabei, keine Masken –  nix. Wir wollten die Lage ganz in Ruhe auskundschaften.“ Weil er sich „mit so was“ aber nicht auskenne, habe er Jorge H. „freie Hand“ gelassen. „Es war von Anfang an klar, dass ich da nicht mit reingehe.“

Florian G. geht nicht nur nicht mit rein – er lässt die Kumpel am Tatort zurück. Wann genau er mit Nico N. davonfährt, ist unklar: Er sagt, bevor Jorge H. und John R. in der Villa verschwanden. Die beiden behaupten indes, dass Florian G. verschwand, während sie im Haus waren. Er habe sie regelrecht aufgefordert, dort einzusteigen, meint H.: „Er sagte: heute oder gar nicht mehr. Das war für mich das Zeichen.“ – Der Prozess wird am 12. November fortgesetzt.

Von Nadine Fabian

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