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Potsdam „Er hat mich am Hals gepackt und ins Gebüsch gezogen“
Lokales Potsdam „Er hat mich am Hals gepackt und ins Gebüsch gezogen“
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01:16 16.03.2019
Die Rückseite des Potsdamer Hauptbahnhofs – von hier aus gelangte der Angeklagte zum Tatort. Quelle: Stefan Gloede
Potsdam

Der junge Mann auf der Anklagebank sprich gut Deutsch, doch dass Nein wirklich Nein heißt, muss er noch lernen. Und auch vor dem Jugendschöffengericht am Amtsgericht Potsdam braucht Noormuhammad S. (19) eine Weile, bis er zugibt, was ihm vorgeworfen wird – dass er in der Nacht auf den 19. August 2018 auf der Wiese zwischen Hauptbahnhof und Freundschaftsinsel eine junge Frau bedrängt und sexuell genötigt hat.

Immer wieder verbirgt er sein Gesicht in den Händen

S. ist in Afghanistan geboren. In Deutschland ist er seit drei Jahren. „Ich bin ganz allein hierher gekommen“, erzählt er. Die Eltern und die vier jüngeren Geschwister leben noch immer in Afghanistan. Die Taliban hätten ihn anwerben wollen: „Da bin ich geflüchtet“, so S., der hier den Schulabschluss gemacht hat und sich gerade auf eine Ausbildung vorbereitet. „Ich schäme mich“, sagt S. – immer wieder verbirgt er sein Gesicht in den Händen.

Alexandra J. – ebenfalls 19 Jahre, arbeitslos – ist die Frau, die Anzeige gegen S. erstattet hat. Man sei sich am Hauptbahnhof öfter über den Weg gelaufen, kannte sich flüchtig, sagt sie. In jener Nacht habe sie mit Freunden, mit S. und anderen Afghanen zusammengesessen, man habe getrunken – Bier, Sekt, nichts Hartes – und herumgeflachst. Die jungen Männer, so erzählt es eine Freundin (15) von Alexandra J. später der Polizei, greifen den Mädchen immer wieder an die Schultern und um die Hüften: „Es war ein einziges Getatsche.“

Am Hals gepackt und ins Gebüsch gezogen

Alexandra J. spricht S. in dieser Runde auf ein Küss-Spiel an, das er mit einer ihrer Bekannten gespielt hatte: „Er wollte es auch mit mir spielen. Ich habe erst zugestimmt, aber dann doch abgelehnt.“ S. fühlt sich wohl zurückgesetzt. „Es ging dann alles sehr schnell“, so Alexandra J.: „Er hat mich am Hals gepackt und ins Gebüsch gezogen.“. Dort nötigt ihr S. einen Zungenkuss auf, versucht, ihre Hose zu öffnen, führt ihre Hand an seinen Schritt. „Es ist alles über den Klamotten passiert“, sagt Alexandra J. „Ich habe mich gewehrt und um Hilfe gerufen.“ Ein Freund (15) geht dazwischen. Alexandra J. ruft die Polizei, S. kommt in Untersuchungshaft.

In einem Brief hat S. Alexandra J. um Entschuldigung gebeten: Er habe an jenem Abend den Eindruck gehabt, dass man sich gut verstehe, aber die Situation dann falsch eingeschätzt; er habe keine Erfahrung, wie man in so einem Moment richtig miteinander umgeht – es sei ein Fehler gewesen, sie so zu behandeln. An diesem Punkt setzt Verteidiger Thomas Schröder an. Alexandra J. habe in S. die Vorstellung wachsen lassen, „dass da mehr zu erwarten ist an erotischen Möglichkeiten“. Das habe er missverstanden: „Aber er hat inzwischen realisiert, dass er zu weit gegangen ist und dass er auch das, was erfolgversprechend beginnt, zu beenden hat, wenn die Frau es nicht will.“ Schröder plädierte für einen Jugendarrest und dafür, dass dieser mit den fünf Wochen U-Haft bereits abgegolten wäre.

„Was an die Würde der Frau geht, wird hier hart bestraft“

Für Richterin Christine Rühl eine unangemessene Forderung. Die Schwere der Straftat dürfe man nicht einfach so abtun. „Als Erwachsener wären Sie mit Sicherheit bis zum Beginn der Verhandlung nicht aus der U-Haft entlassen worden“, erklärt die Richterin dem Angeklagten. „Was dort auf der Wiese passiert ist, darf nicht passieren. Was an die Würde der Frau geht, wird hier hart bestraft.“

Das Jugendschöffengericht verurteilte S. zu einer Jugendstrafe von sechs Monaten, ausgesetzt auf zwei Jahre Bewährung – das hatte die Staatsanwaltschaft gefordert. Zudem hat S. 40 Stunden gemeinnützige Arbeit abzuleisten.

Der Hauptbahnhof und sein Umfeld inklusive Freundschaftsinsel geraten immer wieder wegen Vandalismus, Diebstählen und gewalttätigen Übergriffen in die Schlagzeilen. Seit Monaten schon schwelt in Potsdam eine von CDU und AfD befeuerte Diskussion über etwaige Sicherheitsmaßnahmen. Die Polizei stuft den Bahnhof derweil nicht als kriminellen Hotspot ein. Zwar würden sich dort Diebstähle – insbesondere von Fahrrädern – häufen: „Ein Schwerpunkt von Delikten, die aus größeren Gruppen heraus begangen werden, ist der Hauptbahnhof jedoch nicht.“

Erziehung statt Strafe

Das Jugendstrafrecht folgt dem Grundsatz „Erziehung statt Strafe“.

Der Jugendarrest ist ein im Jugendstrafrecht vorgesehenes Zuchtmittel. Der Jugendarrest kann als Freizeit-, Kurz- oder Dauerarrest verhängt werden. Derzeit können Gerichte eine Höchstdauer von vier Wochen anordnen. Im Jahr 2015 wurde die einzige Jugendarrestanstalt im Land BrandenburgKönigs Wusterhausen – wegen Personalmangels geschlossen; seither verbüßen Brandenburger Straftäter ihren Jugendarrest in Berlin. Jugendarrest wird nicht im Strafregister vermerkt und gilt als letzte Sanktion vor einer Jugendstrafe.

Eine Jugendstrafe darf nur verhängt werden, wenn das Gericht dem Beschuldigten schädliche Neigungen oder die besondere Schwere der Schuld attestiert. Die Dauer einer Jugendstrafe beträgt grundsätzlich mindestens sechs Monate. Verbüßt wird eine Jugendstrafe in der Regel in einer Jugendstrafanstalt. Im Land Brandenburg werden jugendliche und heranwachsende Straftäter in der JVA Wriezen und in der JVA Cottbus-Dissenchen untergebracht. nf

Von Nadine Fabian

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