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Potsdam „Einer guckt schief – dann ist er wie angezündet“
Lokales Potsdam „Einer guckt schief – dann ist er wie angezündet“
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07:06 08.08.2018
Im ehemaligen Terrassenrestaurant „Minsk" am Potsdamer Brauhausberg ist es Ende Oktober 2017 zu einer Bluttat gekommen. Quelle: Bernd Gartenschläger
Potsdam

Im Minsk-Prozess sind sich Staatsanwalt und Verteidigerin darüber einig, dass der Beschuldigte Slawomir M. dauerhaft in einer psychiatrischen Fachklinik unterzubringen ist. Wie berichtet, soll der 42-Jährige Ende Oktober 2017 im Zustand der Schuldunfähigkeit im einstigen Terrassenrestaurant am Brauhausberg einen Bekannten krankenhausreif geprügelt und getreten, ihn anschließend ins Freie gezerrt, dort wehrlos zurückgelassen und so seinen Tod verschuldet haben. Marek W. (43) starb an Unterkühlung.

Bevor Jörg Möbius und Edyta Koryzna am vierten Verhandlungstag ihre Plädoyers halten, kommt es zu einer bemerkenswerten Wende in dem Sicherungsverfahren: Die psychiatrische Gutachterin Anja Deterding sieht keinerlei Anhaltspunkte dafür, dass Slawomir M., wie bisher angenommen, an einer paranoiden Schizophrenie erkrankt ist. Laut der Gutachterin leidet der Beschuldigte, der in seinem Heimatland Polen nach dem Totschlag seiner Mutter bereits zehn Jahre in geschlossenen psychiatrischen Kliniken untergebracht war, stattdessen unter einer manisch-depressiven Erkrankung, wobei die depressive Symptomatik weniger stark entwickelt sei. Gegen eine Schizophrenie spreche vor allem, dass keine Anhaltspunkte für Halluzinationen oder Ich-Störungen auszumachen seien, so die Expertin. Wie sich nun zeigte – die Akten dazu erreichten das Landgericht Potsdam erst mitten im Verfahren – äußerten polnische Ärzte bereits 2011 Zweifel an der aus dem Jahr 2000 stammenden und danach mehrfach bestätigten Schizophrenie-Diagnose und zogen sie schließlich Ende 2012 mit der Entlassung M.s aus der Psychiatrie zurück.

Ohne Therapie ist laut der Expertin mit weiteren Straftaten zu rechnen

Dennoch empfiehlt die Gutachterin, Slawomir M. dauerhaft einzuweisen. „Er bedarf einer langfristigen Psychopharmaka- und Psychotherapie“, so Anja Deterding. „Ohne Therapie ist zu erwarten, dass er zurück in das Leben verfällt, das er vor der Tat geführt hat – obdachlos, mit Alkohol und Drogen, ohne Struktur. Das würde zu einem raschen Wiederaufflammen der psychiatrischen Symptomatik führen – und mit großer Wahrscheinlichkeit zu Straftaten, möglicherweise auch zu Sexualdelikten.“

Wie aber steht es um die Schuldfähigkeit des Angeklagten? Handelte Slawomir M. im Wahn? War er von Sinnen? Die Gutachterin geht zumindest von einer eingeschränkten, aber nicht von einer aufgehobenen Steuerungsfähigkeit aus. „Ein Rest von Steuerung muss noch da gewesen sein, sonst wäre im Bezug auf die Verletzungen des Opfers noch viel Schlimmeres zu erwarten gewesen – etwa eine Schädelfraktur oder Hirntraumata“, so Anja Deterding. Laut rechtsmedizinischem Gutachten hat Slawomir M. seinem Opfer zwar erheblich zugesetzt, aber nicht mit brachialster Gewalt zugeschlagen. Marek W. sei zwar schwer, aber nicht tödlich verletzt gewesen. In dieser Hinsicht ist der Minsk-Fall kaum mit dem Angriff daheim in Polen auf die Mutter zu vergleichen: Slawomir M. hat sie „mit besonderer Grausamkeit“ getötet, heißt es in den Akten. Er hat ihr den Schädel zertrümmert – mit der Kante eines simplen Bretts – und danach mit einem Messer und einem Spaten eine weitere Person attackiert und mit dem Tode bedroht.

Der Alkohol wirkte wie ein Katalysator

Sprach Slawomir M. damals noch von Wahnvorstellungen und dem Gefühl, verfolgt zu werden, muss es für die neuerliche Gewalt-Eskalation laut der Expertin nicht unbedingt ein Grund gegeben haben: „In seiner manischen Episode, in der Alkohol wie ein Katalysator wirkt, reicht irgendetwas, eine Nichtigkeit, die Fliege an der Wand – und dann artet das so aus“, beschreibt Anja Deterding. „Einer guckt schief oder sagt das falsche Wort – und dann ist er wie angezündet.“ Ausschließen, dass er schuldunfähig ist, könne sie nicht.

Das Urteil des Gerichts unter Vorsitz von Theodor Horstkötter ist für den morgigen Donnerstag angekündigt. Egal, wie es ausfällt, er wolle es anerkennen, sagt Slawomir M. „Ich bin im Leben ein Verlierer – es ist mir nichts gelungen. Ich habe nur Schaden angerichtet. Ich habe anderen Menschen das Leben genommen – das ist eine Tragödie. Dafür gibt es keine Möglichkeit der Rehabilitierung.“

Der Gefahr des Todes ausgesetzt

Die Staatsanwaltschaft beschuldigt Slawomir M. unter anderem der Aussetzung. Er habe einen Menschen in eine hilflose Lage versetzt, ihn in dieser im Stich gelassen und dadurch der Gefahr des Todes ausgesetzt.

In einem ordentlichen Strafverfahren steht auf Aussetzung mit Todesfolge eine Freiheitsstrafe von mindestens drei Jahren.

Im Sicherungsverfahren geht es indes nicht um Strafe, sondern um die Unterbringung – die Sicherung – in einer Fachklinik. nf

Von Nadine Fabian

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