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Potsdam Pudelmütze aus Pudelhaar
Lokales Potsdam Pudelmütze aus Pudelhaar
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17:49 01.11.2017
Monika Bückner webt Unikate. Quelle: Stefan Schenk
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Brandenburger Vorstadt

Wenn Monika Bückner es wieder knallen lässt, dann hat sie gerade einen freien Kopf. Keine Sorgen quälen sie, nichts lenkt sie ab, Inspiration beherrscht den Raum hoch oben in dem hundert Jahre alten Haus, in dem sie wohnt, in dem sie webt an hölzernen Maschinen, wie man sie seit Hunderten von Jahren kennt, seit Jahrtausenden im Grunde.

So, wie sie da webt, kann sie das nur mit völlig freiem Kopf. Dann saust das Schiffchen munter auf dem Webstuhl durch ein undurchschaubares Gewirr von Fäden, die sich senken und heben, bewegt durch Bückners nackte Füße auf Gestängen gleich denen einer großen Orgel. Für Bückner ist das wie Musik: Es knallt beim Anschlag an der Seite, ehe es zurückgeschleudert wird und wieder knallend anschlägt gegenüber; es klappert, rauscht und surrt. Staunend steht man neben der Weberin an ihrem Stangen-Ungetüm, das sie so sicher dirigiert, als hätte sie im Leben nie etwas anderes gemacht. Hat sie aber: Sie war mal Krankenschwester, war Erzieherin und ist es noch im Teilzeit-Hauptberuf, mit dem sie ihre Existenz bestreitet. Weben ist ihr ein Gewerk des „Nebenbei“, von dem kein Weber wirklich leben kann, sagt sie, wenn er nicht Meterware fertigt und Stoffe für den Hausgebrauch.

Sie aber webt immer nur auf Länge, für ein ganz bestimmtes Stück, für einen ganz bestimmten Kunden, der ganz bestimmte Wünsche hat. Jedes Stück ist einzigartig auf der Welt, ein Unikat; zwei Stück von einem gibt es nie. 45 Stunden Arbeitszeit für einen Mantel„ da kann man die Preise nachvollziehen, die sie nimmt und müsste doch eigentlich das Doppelte verlangen, wollte sie nur davon leben.

„Zauberstoffe“ nennt sie ihre Webereien und die Ein-Frau-Firma, die sie ist. Auf ihrer Website erklärt sie vieles und zeigt dem Reporter von der MAZ, wie alles funktioniert, doch der hat keine Chance, das alles zu verstehen, was sie selbst in drei Jahren Ausbildung als Umschulung sich angeeignet hat und in den Jahren der Praxis danach, in den Jahren rastlosen Suchens vor allem nach dem Ungewöhnlichen, dem Zauberhaften, nach neuen Materialien, die oft uralt sind und im Grunde längst vergessen.

Die Muschelseide etwa ist so selten und kostbar, dass man sie mit gesponnenem Gold vergleicht. Fast ein Meter groß ist die streng artengeschützte Steckmuschel „Pinna nobilis“, die vor Sardinien ihre Wurzeln in den Meeresboden senkt, um sich festzuhalten. Vier Tonnen Muscheln musste man im Mittelalter töten für ein Kilo Seide, das nur die Superreichen jener Zeit bezahlen konnten. Heute wird unter größter Vorsicht nur noch ein Teil dieser „Wurzeln“ abgeschnitten, bis zu vier Mal im Jahr, immer nur bei Vollmond.

Oder die Torfwolle, für die Bückner in Finnland durch Moore watete, um aus den obersten Schichten per Hand die begehrten Fasern herauszuziehen. Torfwolle wärmt mehr als Schafwolle, wird aber stets zusammen mit ihr versponnen zu einem gemeinsamen Faden. Die Umweltinformationen und die Energien von 1000 bis 2000 Jahren ruhen in diesem Material und, wie Bückner glaubt, dann auch in den Kleidungsstücken, für die sie die Stoffe webt.

Viel mehr als Baumwolle, Schafwolle, Leinen, Seide oder Mohair bringt Bückner auf ihre Webstühle, auch Fasern aus Ramie, Brenn-Nesseln und Hanf, von Pferd, Alpaka und Kamel, Garne aus geronnener Milch, aus Silber, Gold und Messing, aus Papier. Sogar Haare von Hund und Katze hat sie verwoben, als das mal gewünscht wurde – da bekam die Pudelmütze eine Wortbedeutung, denn sie enthielt tatsächlich Pudelfell: „Die Kundin hatte ihr Tier dafür extra eineinhalb Jahre nicht geschoren“, erzählt Bückner: „Mindestens fünf Zentimeter lang müssen diese Haare sein; dann geht das.“

Viele ihrer Kunden lernt die Weberin nie kennen, auch „Mehrfachtäter“. „Da rufen mich Leute an und sagen, was sie wollen, aus welchem Material, mit welchen Farben, für welchen Zweck.“ Ich schicke ihnen dann Garnmuster, ganz verschieden in Dicke und Farbe, sogar bis nach Amerika.“ Die Kunden treffen ihre Wahl, schicken die Proben zurück; dann beginnt die Planung. Bückner entwirft Muster, zeichnet die sogenannte Patrone dafür auf, ein kompliziertes schwarz-weißes Kästchenmuster, nach dem später der Webstuhl ausgerichtet wird: Er „weiß“ dann, wieviele Fäden er zusammenfassen, heben und senken muss, wann andere Farben dran kommen, die kontrastieren oder Farbverläufe bilden, die sogar plastische Muster bilden, als wären sie gestickt, die Waffeln, Gänseaugen, Spitzkarokörper oder Rips wirken so, die Federn oder Feuerwerke. „Drei Viertel meiner Arbeit ist die Vorbereitung“, sagt Bückner, und wenn es dann endlich losgeht mit dem Weben, braucht sie Ruhe und Gelassenheit; „sonst mache ich Fehler.“

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Monika Bückner beim Weben in ihrer Wohnung

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Von Rainer Schüler

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