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Potsdam Quirliges Stadttheater zum Umarmen
Lokales Potsdam Quirliges Stadttheater zum Umarmen
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18:17 09.09.2018
Franziska Melzer als „Smilla“ im Schaufenster eins Schuhgeschäfts. Quelle: Bernd Gartenschläger
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Innenstadt

Die ersten mit Lagefaltplan ausgerüsteten theaterlüsternen Damen drückten sich schon fast eine Stunde vor Beginn der Werbeoffensive des Hans-Otto-Theaters ihre Nasen an den Schaufensterscheiben platt. Am Samstag zwischen elf und 13 Uhr startete das Ensemble der neuen Theaterintendantin Bettina Jahnke seinen Publikumsflirt an 17 improvisierten Spielstätten der Brandenburger Straße und einigen weiteren naheliegenden Geschäften.

Die listigen Potsdamer Theaterleute griffen bei ihrer Aktion auf einen jahrhundertealten Kniff der fahrenden Schauspieler zurück, die bekanntlich im Vorfeld Ihrer Auftritte ebenfalls lärmend durch die Innenstädte zogen. Die moderne Variante dieser Werbung für den Theaterbesuch war nicht immer von vehementer Akustik begleitet, aber nicht minder verführerisch.

Bettina Jahnke inszeniert Auftaktstück

So ließ der Schauspieler Henning Strübbe, den Alexander aus Eugen Ruges Roman „in Zeiten des abnehmenden Lichts“ im Schaufenster der Buchhandlung „Internationales Buch“ lebendig werden. Das DDR-Familiendrama inszeniert Bettina Jahnke und wird am 22. September die Spielzeit des Theaters eröffnen.

Direkt vor dem Eckladen gegenüber stand das nächste Grüppchen Neugieriger und bekam auf der Straße von einem Pärchen im Barockgewand winzige Becher giftgrüner Limonade gereicht. Einige der Passanten lehnten das Angebot der Schauspieler Mascha Schneider und Hannes Schuhmacher ab, als fürchteten sie einen ähnlich grausamen Vergiftungstod zu erleiden wie Luise und Ferdinand in Schillers „Kabale und Liebe“.

Einen heftigen Drang, das gläserne Geviert ihrer Schaufensterscheibe zu verlassen, entwickelten die hyperaktiv mit dem Publikum kommunizierenden Jan Hallmann und Kristin Muthwill die, frei nach Brechts „Der gute Mensch von Sezuan“, in der Brandenburger Straße nach guten Menschen Ausschau hielten. Hatte Muthwill erst einmal Blickkontakt zu Zuschauern, egal ob Kind oder Erwachsener, stürmte sie auf die Straße um deren Eignung zum guten Menschen zu prüfen.

Schauspielfenster in der Brandenburger Straße, hier The Queen`s Men mit Jon-Kaare Koppe und Moritz von Treuenfels (r.). Quelle: Bernd Gartenschläger

Szenen wie diese spielten sich zwei Stunden lang vor allen bespielten Schaufenstern ab. Kinder mit offenen Mündern standen neben verzückten Müttern oder Vätern und verfolgten begeistert verspielte Tricksereien oder Clownerien wie sie in benachbarten Schaufenstern Jon-Kaare Koppe mit Moritz von Treuenfels und Philipp Mauritz mit René Schwittay vorführten.

Eindrucksvoll auch Guido von Lambrecht, der vor seiner Deichbaustelle Passanten kaperte um ihnen aus Theodor Storms Schimmelreiter vorzulesen oder Franziska Melzer, die in Fell gewandet und auf Schneeschuhen stapfend „Fräulein Smillas Gespür für Schnee“ bewies.

Rita Feldmeier begeistert in der Lindenstraße

Keine leichte Aufgabe hatte Rita Feldmeier im Schaufenster der Dogs Company in der Lindenstraße, die gegen den lauten Auftritt eines nahen Gesangsduos anspielte. Ihr Monolog als Haifa, die zusammen mit ihrer vierjährigen Enkelin als einzige Überlebende eines Massakers im Irak nach Europa aufbrechen, ist ein stiller, aufwühlender Text. Feldmeier meisterte diese Herausforderung mit Bravour. Ihr Publikum saß wie hypnotisiert und lauschte sichtlich bewegt. Jede Wette, die kommen wieder.

Von Lothar Krone

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