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Ratloser sucht Radlosen

Vor dem "Rückholz" wurde vor einem Jahr ein Drahtesel ausgesetzt Ratloser sucht Radlosen

Vor der Bar "Rückholz" in der Sellostraße wurde vor einem Jahr ein Drahtesel ausgesetzt. Mehrere gescheiterte Kontaktversuche und eine Diebstahlsanzeige später weiß Gastwirt Sven Rückholz nur noch einen Rat: Über die MAZ sucht er den unbekannten Besitzer.

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Wer kennt dieses Rad? Seit einem Jahr ist es am Zaun vor dem „Rückholz“ angeschlossen.

Quelle: Bernd Gartenschläger

Brandenburger Vorstadt. Hand aufs Herz: Ein Rad ab – haben wir das nicht irgendwie alle? Nur in der Bar "Rückholz" in der Sellostraße tanzt man geflissentlich aus der Reihe. Dort hat man ein Rad dran. Festgezurrt am Gartenzaun steht es und steht und steht immer noch. Ein Unbekannter hat es ausgesetzt, vergessen, vielleicht im Rausch verloren – so genau weiß das trotz reger Kneipenpropaganda niemand. Zwölf Monate, einen Polizei-Einsatz und eine Anzeige wegen Diebstahl später, sendet Gastwirt Sven Rückholz sein SOS in die Welt: Lieber Besitzer, bitte hol das Fahrrad ab! Hier kommen noch einmal die wichtigsten Daten – euer letztes Beisammensein liegt ja schon ein Weilchen zurück. Es handelt sich um ein 28-Zoll-Holland-Herrenrad der – so steht–s auf dem Rahmen – "Qualitätsmarke My Way" mit Drei-Gang-Schaltung. Lackiert ist das Rad in süffigem Bordeaux. Der Glanz ist allerdings futsch, der Gammel auf dem Vormarsch.

Die Geschichte des ungewollten Markenzeichens der Bar beginnt Mitte Juli 2012. Räder am Zaun ist Sven Rückholz gewohnt. Viele Gäste sind per pedales unterwegs. Es ist Anfang August, als er zum ersten Mal stutzt. "Naja", denkt sich Rückholz mit Blick auf den Drahtesel. Naja, schön ist irgendwie anders. Er spinnt den Gedanken aber erst einmal nicht weiter. Als Gastwirt, meint er, ist man eben geduldig. Viele Leute holen ihre Schusseligkeiten erst Wochen, ach was – Monate später wieder ab. "Da warst du zwischendurch im Urlaub und die Sachen liegen immer noch da", sagt Rückholz. Kein Grund zur Panik.

Woche für Woche geht ins Land. Langsam aber sicher steht sich das einsame Rad die Reifen platt. Die Abende werden kühler, die Blätter bunt und Sven Rückholz hievt das Rad auf den kniehohen Mauervorsprung des Gartenzauns, auf dass es nicht allzu sehr im Weg ist.

Der erfolglose Versuch des Sohns, das Fahrradschloss zu knacken, ist noch zu erkennen.

Quelle: MAZonline

Ende Oktober franst Rückholz– Geduldsfaden dann doch aus. Er bittet den Besitzer via Facebook, das Gefährt, das kein Gefährte mehr ist, doch bitte endlich abzuholen. – Schweigen im Cyberwalde. Nur eine "Bettina Ef" ulkt: "Na, des muss ja wohl ne Sause gewesen sein...". Sven Rückholz pappt einen Zettel ans herrenlose Herrenrad. – Wieder nichts. Wenig später erhält er vom Vermieter den Auftrag, das Rad zu entfernen. Sven Rückholz macht sich schlau. Einfach so abknibbeln und entsorgen oder verkaufen oder verschenken oder selbst damit die Biege machen – das geht im deutschen Rechtsstaat freilich nicht. Ein Jahr lang muss Rückholz das Rad aufbewahren, auf dass der Besitzer, die Chance hat, es doch noch abzuholen. Alternativ könnte er es bei der Stadt abliefern. So will–s das Fundrecht. Sven Rückholz lässt das Rad stehen – es ist schließlich die beste Werbung für sich selbst. Aber niemand will sich erinnern.

Im April – das Café macht sich frühlingsfein – bittet Sven Rückholz seinen Sohn, das Rad loszueisen. Der 15-Jährige packt an – und wird prompt von der Polizei einkassiert. Eine junge Frau hatte ihn für einen Dieb gehalten und Alarm geschlagen. "Eigentlich cool, wenn jemand Zivilcourage zeigt", sagt Sven Rückholz. "In der Straße werden so viele Räder geklaut, da ist es schön, dass jemand zweimal hinschaut." Dass aber plötzlich vier Polizisten in seiner Küche stehen und eine Anzeige wegen Diebstahl schreiben, das findet Sven Rückholz eher uncool. Von der langen Vorgeschichte wollen die Gesetzeshüter nichts wissen – sie haben ja Vorschriften. Als das Ermittlungsverfahren eingeleitet wird, engagiert Rückholz einen Anwalt. "Da ist man verunsichert, da hat man Schiss", sagt er. Das Verfahren wurde übrigens eingestellt.

Gerade ist Sven Rückholz aus einem Urlaub zurückgekommen und die unglaublichste Schusseligkeit seiner Gastwirt-Karriere ist immer noch da. Rückholz ist ratlos. Besitzer hin oder her. Spätestens im November, sagt Rückholz, ist das Rad ab.

Von Nadine Fabian

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