Volltextsuche über das Angebot:

9 ° / 6 ° Sprühregen

Navigation:
Razzia in Potsdamer Klinikum

Bundesweit Durchsuchungen wegen Rezept-Trickserei Razzia in Potsdamer Klinikum

Gegen leitende Ärzte des Potsdamer Klinikums Ernst von Bergmann ermittelt die Staatsanwaltschaft wegen des Verdachts der Untreue. Sie sollen Medikamente falsch abgerechnet haben – zum Schaden von Krankenkassen. Der Schaden aus dem mutmaßlichen Rezeptbetrug soll 3,8 Millionen Euro betragen.

Voriger Artikel
Potsdams wachsame Nachbarn
Nächster Artikel
Briefwahlbüro am Tag eins schon gut besucht

Klinikum Ernst von Bergmann in Potsdam.

Quelle: Bernd Gartenschläger

Potsdam. Mit einem Großaufgebot von 130 Polizisten, sechs Staatsanwälten und acht pharmazeutischen Experten hat die Staatsanwaltschaft Potsdam am Dienstagmorgen Räume im städtischen Potsdamer Klinikum Ernst von Bergmann und anderen Orten im Bundesgebiet durchsucht, darunter Hamburg, Rostock, Hennef (Nordrhein-Westfalen) und Berlin. Der Grund: An dem Potsdamer Krankenhaus soll durch die falsche Abrechnung von Medikamenten ein Millionenschaden auf Krankenkassen-Seite entstanden sein – die Rede ist nach Angaben aus Medizinerkreisen von 3,8 Millionen Euro. Im Mittelpunkt der Ermittlungen stehen nach MAZ-Informationen zwei leitende Ärzte des Hauses, die beide den Professoren-Titel führen. Insbesondere ein Magen-Darm-Experte, der auch in Rostock niedergelassen ist. Deshalb filzten die Beamten in der Hansestadt am Morgen auch die Behandlungsräume und die Apotheke der dortigen Uni-Medizin.

Außerdem wird gegen zwei weitere Mediziner und zwei Apotheker wegen des Verdachts der Untreue zum Nachteil der Krankenkasse ermittelt, wie der Sprecher der Potsdamer Staatsanwaltschaft, Christoph Lange, erläuterte. Die Durchsuchungen betreffen unter anderem pharmazeutische Firmen und Labore. Insgesamt seien 28 Objekte durchsucht worden, hieß es von der Staatsanwaltschaft.

Im Einzelnen soll es um fehlerhafte Abrechnungen bei sehr teuren, individuell angemischten Arzneimitteln gehen. Diese werden auf die jeweiligen Patienten unter Berücksichtigung von deren Körpergewicht und Geschlecht hergestellt werden. Laut Behördensprecher Lange kostet eine Packung nicht selten 1000 Euro und mehr. Es bestehe der Verdacht, dass die Medizin „in einer Art und Weise abgerechnet wurde, die das Abrechnungsrecht nicht erlaubt“, so Lange.

Das entzündungshemmende Medikament Remicade soll in einer Potsdamer Apotheke für zwei Kliniken angemischt worden sein. Die Apotheke war bei den Ermittlungen aufgefallen, weil sie nicht über die nötigen hygienischen Standards für solche verfügen soll, um eine Portionierung von Remicade vorzunehmen. Zudem, so hieß es, seien die Portionen nicht differenziert worden – zu viel Geld sei deshalb geflossen. Angezeigt wurde der Fall nach MAZ-Informationen seitens der Krankenkasse Barmer GEK. Der Tatvorwurf lautet deswegen auf Untreue, weil Ärzte laut Staatsanwalt Lange als „Sachwalter der Krankenkassen“ handeln und „nach bestem Wissen und Gewissen“ mit dem Geld der Kassen – also der Beitragszahler – umgehen müssten. Eine Bereicherungsabsicht der Beschuldigten sei derzeit nicht festzustellen. Die Kasse selbst wollte wegen der laufenden Ermittlungen nicht Stellung zu dem Vorgang nehmen.

Mediziner erklären die Hintergründe des Falls so: Remicade wird unter anderem gegen Rheuma, Arthritis und chronischen Darmerkrankungen wie Morbus Crohn und Colitis Ulcerosa gegeben. Die Anwendung wird von Krankenkassen mit Argusaugen überwacht, weil der Preis für ein Behandlungsjahr bei 30 000 Euro pro Patient liegen kann – behandelt ein Facharzt 50 Rheuma- oder Darm-Patienten, kosten allein diese Verschreibungen 1,5 Millionen Euro im Jahr. Die Abgabe ist daher streng limitiert und in der Regel an eine stationäre Behandlung in der Klinik gebunden. Die kurzzeitige Nutzung ambulanter Art ist gleichwohl möglich, wenn der Arzt neben seiner Kliniktätigkeit eine Niederlassung besitzt – dies ist bei mindestens einem der betroffenen Ärzte der Fall. Diese Abgabe muss sich der Arzt aber kompliziert genehmigen lassen. Gut möglich, dass im aktuellen Fall an dieser Stelle geschludert wurde.

Das Klinikum Ernst von Bergmann bestätigte die Razzia und teilte auf MAZ-Nachfrage mit, es unterstütze die Staatsanwaltschaft und werde „vollumfänglich kooperieren“. Der Hauptausschuss der Potsdamer Stadtverordnetenversammlung soll heute über den Stand der Dinge informiert werden. „Die Vorwürfe müssen vollumfänglich aufgeklärt werden“, sagte der Aufsichtsratsvorsitzende des Klinikums, der Potsdamer Sozialbeigeordnete Mike Schubert (SPD).

Von Ulrich Wangemann und Benno Rougk

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Potsdam
7b1a3dba-c221-11e7-939a-14d1b535d3f1
Potsdamer Lichtspektakel 2017

Es werde Licht! Drei Nächte lang wird Potsdam mit einem Lichtspektakel von Freitag bis Sonntag illuminiert.

Die Karikaturen des Potsdamers Hafemeister

Jörg Hafemeister karikiert seit Jahren die Potsdamer Lokalpolitik. Nun hat er immer mittwochs seinen festen Platz im Potsdamer Stadtkurier. Wir zeigen an dieser Stelle alle Karikaturen.

MAZab: Termine

Was geht ab? Jede Menge Events in Potsdam und im Land Brandenburg

Kinoprogramm

Alle aktuellen Filme in den Kinos von Potsdam und im ganzen Land Brandenburg