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Renate Klemm ist Babelsbergs Modepäpstin

MAZ-Serie zu Babelsberg Renate Klemm ist Babelsbergs Modepäpstin

Mit 14 Jahren begann Renate Klemm ihre Lehre bei der Defa. Über viele Jahre nähte sie für alle Produktionen die Kostüme. Seit der Wende betreibt sie eine Modegalerie in Babelsberg und ist aus dem Kiez nicht mehr wegzudenken.

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Renate Klemm ist eine Institution im Kiez: Viele Babelsberger lassen ihre Kleidung bei ihr ändern.

Quelle: foto: bernd Gartenschläger

Potsdam. Leggins. Voluminöse Frauenbeine in hautengen Baumwollschläuchen und dann noch ein zu kurzes T-Shirt drüber. „Manche Frauen scheinen keinen Spiegel zu haben“, sagt Renate Klemm. Dabei, ist sie überzeugt, könne man mit jeder Figur gut aussehen, wenn man auf richtige Schnitte und Stoffe achte. Die 76-Jährige ist so etwas wie Babelsbergs Modepäpstin – und dazu die vermutlich älteste Geschäftsfrau im Kiez.

Nach der Wende hat die gebürtige Potsdamerin ihren Laden in der Rudolf-Breitscheid-Straße eröffnet. Die Modegalerie Klemm ist ein schmaler Laden mit Frauenkleidern, Hüten, Accessoires und Deko im noblem Charme vergangener Zeiten. Man würde sich nicht wundern, DDR-Filmstars wie Angelica Domröse oder Inge Keller zur Anprobe auf dem Sofa mit Schnörkelbeinen in der ersten Etage sitzen zu sehen.

Mit den Starts auf Tuchfühlung

Renate Klemm kennt sie alle. Von Manfred Krug bis Carmen-Maja Antoni – mit allen war die Schneiderin auf Tuchfühlung. Als 14-Jährige kam Renate Klemm zur Defa, machte dort eine Ausbildung. Später holte sie ihr Abitur nach, studierte nebenbei an der Modeschule Berlin und brachte es bis zur Direktrice der Werkstatt für Kostüme, 20 Leute unter sich. „Ich kann alle Epochen nähen“, sagt die Schneiderin, der man ihr Alter nicht ansieht. Dunkle Haare mit Pony und Hochdutt, Rollkragenpullover mit markanter Kette, ausgestellter Rock – die Frau, von der die älteren Babelsberger sagen sie hätte „die Potsdamer Mode geprägt“, ist selbst eine sehr adrette Erscheinung.

Von 1955 arbeitete sie bei der Defa, nähte für sämtliche Babelsberger Produktion dieser Zeit. „Wir mussten sehr kreativ sein“, erklärt sie, denn an extravagante Stoffe etwa für historische Gewänder war schwer zu kommen. „Es gab ein Kontingent Westgeld für Stoffe, das von oberster Stelle genehmigt werden musste“, erinnert sie sich.

1977, sie war gerade auf Kur, hörte Renate Klemm vom Beschluss des Politbüros, dass sich Schuhmacher, Bäcker und Schneider selbstständig machen dürfen. „Aus der Kur schrieb ich einen Antrag. Als ich zurückkam, lag die Genehmigung im Kasten.“ In der Posthofstraße eröffnete sie ihren Laden. Maßschneiderin sei zu DDR-Zeiten ein einträglicher Beruf gewesen. „Im Kaufhaus hingen jahrelang dieselben hässlichen Sachen“, beschreibt sie die sozialistische Einheitsmodewelt. Für den, der es sich leisten konnte, blieb der Gang zum Exquisit-Laden – oder zu Renate Klemm. Blöd nur: Sie durfte zwar als Schneiderin arbeiten, trotz Anträgen beim Rat des Bezirkes aber keine Stoffe beziehen. Diese mussten die Kundinnen selbst mitbringen. „Das konnte ja nüscht werden mit der DDR“, sagt die Geschäftsfrau. Nach der Wende habe sie schnell erkannt, dass sich von Schneiderei allein nicht mehr leben lasse. Heute kauft frau einfach im Geschäft. Renate Klemm eröffnete ihres in Babelsberg, mit Änderungsschneiderei und Reinigung. Der Beruf des Schneiders, bedauert sie, werde nicht mehr geschätzt.

Die Familie wurde ausgebombt

Ihr Interesse für Mode wurde durch ein unschönes Ereignis geweckt: Klemms Familie wurde ausgebombt, das Haus in der Schlossstraße am 14. April 1945 völlig zerstört. Alle Bewohner kamen ums Leben – bis auf Renate Klemm, ihre Mutter und ihren Onkel. Ihr blieb nichts, nur das Nachthemd, das sie trug. „Ich ging barfuß und mit Holzpantinen zur Schule“, erinnert sie sich. Da habe sie sich geschworen: Wenn ich groß bin, will ich mir meine Sachen selbst nähen können.

Hat der Babelsberger Schick? Renate Klemm runzelt die Stirn. „Nee“, sagt sie. Aber so lange sie kann, arbeitet sie weiter dran.

Nachfolger gesucht

Die Modegalerie Klemm mit Änderungsschneiderei und Reinigung befindet sich in der Rudolf-Breitscheid-Straße 38 in Babelsberg.

Inhaberin Renate Klemm (76), die keine Angestellten hat, will weitermachen, so lange sie Spaß hat und fit ist. Trotzdem denkt sie schon daran, das Geschäft zu verkaufen. Interessenten können sich im Laden melden oder unter Tel.  0331/7 48 25 16.

Von Marion Kaufmann

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