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Potsdam Potsdamer Firma revolutioniert Frühchen-Versorgung
Lokales Potsdam Potsdamer Firma revolutioniert Frühchen-Versorgung
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13:23 20.09.2018
Frühchen erhalten häufig Muttermilch aus Konserven, aber die werden erst eingefroren und dann wieder aufgetaut und pasteurisiert. Wichtige Inhaltstoffe gehen dabei verloren. Die Gefriertrocknung von Muttermilch erhält alle Bestandteile. Quelle: Ernst-von-Bergmann-Klinikum Potsdam
Bornstedter Feld

Sie sind ein Bild des Jammers und ein Wunder zugleich: extrem früh geborene Babies, die am Leben bleiben. Doch ihr Weg ist risikoreich und schwer, weil ihr Körper allzu vieles noch nicht kann, trinken etwa. Kaum 1500 Gramm leicht sind sie, manche sogar nur 800 oder 900: Haut und Knochen, ernährt nur über Sonden und Schläuche, pausenlos von Apparaten überwacht. Eltern bangen um sie, Ärzte auch. Etwa acht Prozent der 720000 Geburten in Deutschland im Jahr 2017 waren Extrem-Frühchen.

Ein junges Potsdamer Unternehmen will ihnen nun sicher ins Leben helfen, Krankheiten vermeiden, teure und riskante Operationen überflüssig machen, Behandlungs- und Folgekosten senken. Schnellstmöglich sollen die „Kümmerlinge“ ihre Nachteile gegenüber ausgereiften Säuglingen wett machen: mit Muttermilch als Instant-Pulver, 100 Prozent natürlich, preiswert herzustellen, Jahre haltbar, leicht zu transportieren, energiefrei zu lagern, beliebig teilbar und sofort anzuwenden – überall auf dieser Welt. Eine Revolution der Kleinstkind-Ernährung bahnt sich an.

Das Grundprinzip ist lange bekannt

Dabei ist das Prinzip schon jahrzehntelang bekannt und wird in der Fachliteratur immer wieder gepriesen. Nur umgesetzt hat es noch keiner. Zu aufwendig war das Einsammeln und Haltbarmachen der frisch abgepumpten Muttermilch, zu gering die Menge für eine industrielle Fertigung und so unwirtschaftlich die Herstellungskette, dass selbst die Großkonzerne der Babynahrungsbranche nur müde abwinkten: Eine Nischenproduktion lohnt sich für sie nicht. „Aber jedes Leben, das wir bewahren, lohnt den Aufwand“, sagt Franz Koettnitz aus Papenburg in Niedersachsen. Im Frühjahr 2018 hat er mit Burkhard Rülicke, Ex-Chef der Heinrich-Heine-Rehaklinik in Neu Fahrland, das StartUp-Unternehmen „Ammeva“ gegründet, nach drei Jahren Vorarbeit.

Gefriertrocknen ist besser als Einfrieren

Ihr von Kinderärzten, Klinik-Praktikern und Wissenschaftlern entwickeltes Verfahren zur Gefriertrocknung von Muttermilch ist nach eigener Bewertung ungleich besser als das Tiefkühlen, das die 17 deutschen Muttermilchbanken an Krankenhäusern betreiben, auch das Ernst-von-Bergmann-Klinikum von Potsdam. Denn beim Auftauen und Pasteurisieren vereister Milch –eine halbe Stunde bei 65 Grad – gehen Koettniz zufolge „unglaublich viele biologische Stoffe“ verloren, empfindliche Eiweiße zum Beispiel: „Da zerfällt fast alles.“ Schon beim Frost-Lagern zersetzt sich das „weiße Gold“, so dass die Kliniken es aussortieren, falls es nicht schnell genug verbraucht ist; auch im „Bergmann“ läuft das so. Mit Pulver hat man diese Probleme nicht und spart den Kühlschrankstrom.

Die Potsdamer Start-Up-Firma Ammeva (Amme Eva) stellt versuchsweise Muttermilchpulver zur Frühchenversorgung her. Geschäftsführer Burkhard Rülicke nutzt dazu eingefrorene Muttermilch, die aber nicht mehr bei über 60 Grad erhitzt wird, sondern bei nur 30 Grad und Unterdruck das enthaltene Wasser als Dampf verliert. Die zuckerwatteartige Trockenmasse wird dann zu Pulver verarbeitet. Quelle: Rainer Schüler

„So viel Milch, wie Frühchen brauchen, kann die Mutter gar nicht produzieren“, sagt Koettnitz, „und soviel trinken wie sie müssen, können diese Kinder nicht“, denn Magen und Darm sind viel zu unfertig und klein. Trinken klappt bei extremen Frühchen auch nicht; sie müssen über Schläuche und Sonden ernährt werden. Zudem ist die Mutter in der Regel noch nicht soweit mit ihrer Milchproduktion. Manche Mütter können oder dürfen überhaupt nicht stillen, weil sie selber schwer krank sind, Epileptiker zum Beispiel, auch sie werden schwanger. Dann muss Milch von fremden Müttern her oder Fertignahrung aus der Industrie.

„Auf tierischer Milch basierende Fertignahrung aber belastet das empfindliche Organ“, sagt Rülicke. Schweren Erkrankungen drohen; Teile des Darms können absterben und müssen entfernt werden. Die Operationen schwächen das ohnehin schon schwache Baby weiter. Nekrotisierende Enterokolitis heißt das – ein Horrorszenario, das in Deutschland rund 12000 Kinder pro Jahr betrifft. Auf fast eine halbe Million Euro pro Fall belaufen sich die Folgekosten, verhinderbar durch vollwertige Muttermilch.

Muttermilch ist ein menschlicher Rohstoff

Sie ist ein menschliches Produkt, das keine Allergie erzeugt, leicht verdaulich ist, lebenswichtige Abwehrstoffe enthält. Ihr Fettgehalt von 4 bis 5,65 Prozent ist von der Natur gemacht für das Überleben der höchstentwickelten Spezies. „Das ist über Millionen Jahre entstanden“, sagt Koettniz: „Wenn solcher Fettgehalt schädlich wäre, hätte die Natur was falsch gemacht. Mit Muttermilch nehmen Frühgeborene viel schneller zu als mit jeder anderen Nahrung.“ Es gebe „ernsthafte, geprüfte Untersuchungen“, wonach gestillte Kinder einen höheren Intelligenzquotienten haben im Schulalter, allergisch weniger belastet sind, motorisch besser, weniger anfällig für Diabetes.

Aber auch wenn diese kostbare Nahrung verfügbar ist, reicht sie allein den ganz frühen Babies nicht. Ihr höherer Energiebedarf kann nicht einfach durch entsprechend mehr Milch gedeckt werden, weil sie diese Menge meist nicht aufnehmen können. Da hilft es, die Instant-Milch von „Amme Eva“ (Ammeva) mit Zusatzstoffen anzureichern, die nun auch aus Muttermilch gewonnen werden: Kohlehydrate, Eiweiße und Fette. Bislang bekommt man solche „Fortifier“ (Verstärker) nur aus der Milch von Kühen, Ziegen oder Eseln. So wird ein normales Milchpulver zur Hochenergienahrung.

Das Pulver ist für Kliniken gedacht

„Ammeva“-Muttermilchpulver und ihre Verstärker werden an der Hochschule Anhalt in Köthen noch unter Laborbedingungen hergestellt. Für eine Versorgung aller Kinderkliniken in Deutschland reicht das bei weitem nicht.

Muttermilch muss sofort nach dem Abpumpen der Mutter eingefroren und bei mindestens 18 Grad minus gelagert werden, in Flaschen oder Folienbeuteln. Quelle: Rainer Schüler

Deshalb ist das logistische Problem des Einsammelns der Milch ein Schwerpunkt der aktuellen Tätigkeit von Ammeva. „Wir brauchen nur die überschüssige Milch von 1,8 Prozent der Frauen in Deutschland, die ein Kind pro Jahr bekommen“, sagt Koettniz: „Wenn sie 150 bis 200 Milliliter pro Tag spenden können, haben wir es geschafft.“ Derzeit sammelt Ammeva frische Muttermilch nur ein, um die Herstellung des Pulvers zu testen. Aus einem Liter Muttermilch enstehen knapp 100 Gramm Pulver; zwei Kilo Pulver hat man schon „produziert“.

Investoren fördern das Projekt

Fünf Investoren hat die Ammeva GmbH gewinnen können, das Projekt zu finanzieren und voranzutreiben. Hinter dem Unternehmen steht ein Team aus erfahrenen Ärzten, Wissenschaftlern, Hebammen sowie Still- und Laktationsberaterinnen: Dr. Franz Koettnitz ist Chefarzt der Gynäkologie und Geburtshilfe Am Marien Hospital Papenburg-Aschendorf. Er war schon Chefarzt am St. Josefs Krankenhaus von Potsdam und hatte hier die erste Babyklappe im Land Brandenburg eingerichtet. Danach war fast zehn Jahre Arzt in Groningen (Niederlande).

Prof. Michael Radke ist Chefarzt der Gastroenterologie (Magen- und Darmerkrankungen) in der Kinder- und Jugendklinik des Klinikums Westbrandenburg in Potsdam sowie Direktor der Kinder- und Jugendklinik am Universitätsklinikum Rostock.

Prof. Christoph Fusch ist Chefarzt der Klinik für Neugeborene, Kinder und Jugendliche am Klinikum Nürnberg.

Prof. Klaus Hambrecht leitet das Konsiliarlabor für Cytomegalievirus im Institut für Medizinische Virologie und Epidemiologie der Viruskrankheiten an der Universität Tübingen. Prof. Thomas Kleinschmidt lehrt an der Hochschule Anhalt in Köthen im Fachbereich Angewandte Biowissenschaften und Prozesstechnik. Dr. Kornelia Berghof-Jäger ist Geschäftsführerin der Biotecon Diagnostics GmbH Potsdam. Die Berufsverbände der Hebammen sowie der Still- und Laktationsberaterinnen unterstützen Ammeva.

Von Rainer Schüler

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